Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 4. (21.1.1880)
- Date
- 1880-01-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mit direkter Zusendung: Stach Oesterreich 8 fi.; nach dem Ausland«: 16 Mk. (20 Frcs. 8 Rub. 4 Dollars) jährlich. Ginjelnummern der „Wochenschrift" ä 25 Pf., der „Literaturblatts" k 15 Pf. Verantwortlicher Redakteur und Herausgeber Rabbiner Dr. M. Zlahrner in Magdeburg. -=£o- Magdeburg, 2R. Januar. Inserate für die „W o ch e n s ch r i f t", die dreigespaltene Petitzeile oder d ren Raum 25 Pf., (für daS „Lit er atu r b l a t t" k 20 Pf.,) sind durch fämmtliche Annoncen-Expeditionen oder direct an die Expedition der Israelitischen Wochenfchrift in Magdeburg einzusen» den — Bei Wiederholungen Rabatt. Beilagen, 2 60 0 Stück, werden mit 15 Mark berechnet. Inhalt: Leitende Artikel: Christliche Stimmen gegen Treitschke. — Der jü. dische Geistliche. Berichte nnd Correfponvenze«rDeutschland: Leipzig. Stettin. Aus Oberschlesien. Frankfurt a. M. Von der preußisch-polnischen Grenze. Colberg. Osterode. Oesterreich: Wien. Frankreich: Paris. Amerika: New-Hork. ^vermischte nnd neueste Nachrichten: Berlin. Berlin. Breslau. Leipzig. Nordhausen. Strelitz. Coblenz. Stuttgart. Wien Krakau. Czernowitz Paris. Paris. Bordeaux. Rom. Rußland. Türkei. Jerusalem. KeuMeton: Rabbi und Vagabond, oder: Schuld und Sühne. Inserate. Wocheu- Mittwoch . Donnerstag Freitag . . Sonnabend Sonntag. . Montag . . Dienstag . 4avuar 1880. Lobeivat 5640. 21 8 22 9 23 10 24 11 25 12 26 13 27 14 Kalender. (E. 5 U. 12 M.) Sehabb. Schftrolt. Christliche Stimmen gegen Treitschke. Wir hatten zum Schluß des vor. Quartals, als die Wogen ber Marr-Stöcker'schen Judenhetzereien sehr hoch ging-m, zu ihrer Dämpfung eine Serie von „christlichen Stimmen", die sich für die Juden erhoben, gebracht,*) die zum großen Theil in der vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund her« ausgegkbenen Flugschrift „Zur Abwehr" wiedergegeben sind und sich in dem uns aufgezwungenen Vertheidigungskampfe als sehr wirksam erwiesen haben, wie der rasche Absatz der nach vielen Tausenden zählenden Auflage beweist. Auch gegen Herrn Professor Treitschke, gegen den ja wohl die denk- und dankwürdigen kronprinzlichen Aeußerungen gerichtet waren, führen wir nunmehr einen vollgültigen**) Zeugen vor. Ein Blatt seiner eigensten politischen Parteirichs tung — blaß national-liberal —, die „Weser-Zeitung", der k selbst Herr Treitschke nicht nachsagen kann, daß sie vom „semi-! tischen Contagium" inficirt sei, bringt an der Spitze ihrer I NNr. vom 8. und 9. d. Mts. zwei, Herrn Treitschke's Aufi treten scharf verurlheilende Leitartikel, die hier wiederzugeben wir uns unfern Lesern gegenüber für verpflichtet halten, i, Der erste Artikel lautet: „Daß es nun auch eine „deutsche Judenfrage" giebt, ist l wirklich recht beschämend. Diesen Unsinn und diese Rohheiten hatten wir geglaubt, endlich und endgültig zu den überi wundenen Standpunkten rechnen zu dürfen. Aber es scheint, 1! als sollten wir einmal recht gründlich belehrt werden, von welcher unverwüstlichen Lebenszähigkeit gewisse Formen der Barbarei sind. Die rückläuftge Bewegung des vorigen Jahres hat auf alle Arten des populären Jrrthums gewirkt wie ■ *) Bergt. Jahrg. 1879 Nr. 41, 42, 43, 44, 45, 48, 52. **) Herrn Paulus Casset's Zeugenschaft gegen ihn wird von manchen nationaltiberalrn Blättern nicht für voll angesehen, sondern als «in „Wiedererwachen seiner Liebe zu den ehemaligen Glaubensgenossen" abgeschwächt. ein Gewitterregen auf die vertrocknete Steppe; über Nacht stehen alle die Pflanzen, welche man für vertilgt gehalten hatte, lustig wieder in üppigem Kraute. Es fehlt nur noch, daß die Hexenverfolgungen wieder Mode werden, und er nürde^ uns jetzt, nachdem wir die Antisemitenliga erlebt -haben, kaum überraschen dürfen, wenn wir nächstens von einem Vereine zur Bekämpfung der schwarzen Kunst hörten. Wir sagen dies nicht etwa scherzweise. In der Literatur, welche die Kunststücke deS amerikanischen Mediums Herrn Slade hervorgerufen haben, stndet man bereits ganz vernehmliche Präludien zu einer „deutschen Hexenfrage'" Die Slade'schen Gaukeleien werden schon von uudirten Personen aus der Mitwirkung von Dämonen erklärt und damit ist der erste Grund zu regelrechten Hexenprozkssen allerdings gelegt. Es bedarf nur eines wirklichen oder vermeintlichen Interesses irgend einer größeren Anzahl an der Verfolgung der Spiritisten, um aus dem Vordersätze alle greulichen Consequenzen zu entwickeln. Hätten mir z. B. im vorigen Jahre das Unglück gehabt, die Pest aus Rußland einzuschleppen und hätte Jemand dann die Behauptung unter die Massen geworfen, daß Herr Professor Ulrici und andere Apostel des Spiritismus an dem Unheil schuld seien, so weiß man nicht, was geschehen wäre. Wenn die ungebildete Menge vexnimmt, daß ihre Vorurtheile und Leidenschaften von „Männern der Wissenschaft" ausdrücklich für Weisheit und Tugend erklärt worden seien, so ist sie zum Zuschlägen sofort bereit. So weit wenigstens geht das Ansehen, dessen sich die Gelehrsamkeit erfreut. Man kann dies deutlich an der sociaiistischen Bewegung wahrnehmen, für welche die angeblichen wissenschaftlichen Autoritäten eine unberechenbare Bedeutung gehabt haben, obgleich nur einzelne Schlagwörter ihrer Professoren bis zu den Massen ihren Weg ftnden. Der blinde Glaube, welcher vormals sich nach irgend einer priesterlichen Sanction umsah, sucht heutzutage naturgeschichtliche over philosophische Formeln, um sein Gewissen zu beruhigen, aber seine Blindheit ist heute dieselbe wie vor tausend Jahren. Der Gang der Dinge bleibt immer der nämliche; zuerst regt sich irgend eine rohe Begierde, also z. B. der Wunsch, die reichen Juden zu plündern, in Zaum gehalten von einem angestammten