Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 1. (1.1.1880)
- Date
- 1880-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 10 — Poltern. Und gar gewichtige Ursache war es auch, die diese Zerstreutheit rechtfertigte. Dunkle, unglücksschwere Gerüchte durchkreisten das kleine Städtchen Florianow*) und diese Gerüchte nahmen immer mehr Gestalt an, lauteten von Tag zu Tag trüber, und gar schwere Zeiten standen den Bewohnern des Städtchens bevor. Wladislaus II., König von Polen, war gestorben, und taum hatte sein ehemaliger Günstling Chmielnicki diese Nachricht erhalten, so stellte er sich auch schon an die Spitze der saporogischen Kosaken, bewog sie zum Abfalle von Polen, wurde von ihnen zum Hetmann gewählt, schlug die sich ihm entgegenstellen oen polnischen Heere und eroberte Podolien und Volhynien. Und nun näherte er sich mit seinen Kosaken immer mehr und mehr dem Städtchen, und überall wohin er kam, hinterließ er auf den von ihm zurückgelegten Weg zum Zeichen seiner Anwesenheit rauchende Ruinen, zerstückelte, verkohlte Leichname, Jammer und Elend, traurige Zeugen zerstörten Wohlstandes, vernichteten Familienglückes, zurück. Am meisten hatten jedoch immer und immer wieder jene Stadttheile zu leiden, welche von den Juden bewohnt wurden, dort in den abgeschlossenen Ghetti's wütheten diese wilden beutegierigen Horden am ärgsten, denn dort hofften sie reiche Beute zu finden, und ganze jüdische Gemeinden wurden durch diese Raubzüge zerstört und elend gemacht. Vor dem Beginn des Purimfestes hatten sich die Gemeinde-Aeltesten versammelt, um mit dem Rabbi zu berathen, ob und wie die drohende Gefahr abzuwenden wäre. Doch vergeblich tauschten sie ihre Meinungen aus, kein Beschluß konnte gefaßt werden, man sah sich der Gefahr gegenüber ohnmächtig und wehrlos, und niedergeschlagen hatten sie sich von einander getrennt, während von ihren bleichen Lippen das gewohnte „Gut Purim" gegenseitig ausgetauscht wurde, deffen wehmüthiger Ton jedoch ganz und gar nicht zu dem Wunsche paßte. „Gut Purim!" hatte der Rabbi gesagt, als er heute vom Bethause heimgekehrt' war, bei seinem Eintritte in die Wohnstube, woselbst die Familie bereits mit Ungeduld wartete; dann hatte er sich schweigend an seinen Platz gesetzt und das Mahl begann. Und dann saß der Rabbi bewegungslos, schaute vor sich hin, während es in seinem Gehirn gar rebellisch hämmerte und pochte. Auf ihm lag ja die ganze Schwere des kommenden Unglückes doppelt, zu ihm schauten sie ja alle vertrauensvoll auf, von ihm erhofften sie Rettung, und fieberhaft drängten sich Pläne an Pläne, um immer wieder als nicht ausführbar verworfen zu werden; er wollte ja so gerne guten Rath geben! — Er wollte so gerne — doch wie?. „Josua!" sagte endlich die Frau des Rabbi nach langem Schweigen mit zitternder Stimme, „erzähle mir, den Kindern was vorgegangen, laß uns nicht in Ungewißheit harren." „Was soll ich euch — was weiß ich euch zu erzählen, was ihr nicht schon ohnehin wißt," meinte der Rabbi, aus seinem Dahinbrüten erwachend, „ehe der Mond sich erneuert haben wird, werden wir des Unglückes genug haben Was soll ich euch erzählen? Die wilden Kosakenhorden rücken heran, brennen, plündern, morden, ihr wißt es ja Alle und mehr? — Gott allein nur weiß, was noch kommen wird, doch enden, wird es, kann es nicht gut. Wir müssen auf Alles, selbst das Schwerste, gefaßt sein, damit uns das Unglück nicht unvorbereitet treffe. Du mein Sohn Jakob bist stark und muthig, dir vertraue ich deine Mutter, deine Schwester an. — Du sollst sie morgen früh schon von hier sorlführen, um sie in Sicherheit zu bringen; werdet ihr bedroht, so wirst du dich bis zum letzten Athemzuge vertheidigen. Nimm auch mit, was du Werthvolles mit dir nehmen kannst, das Uebrige werden wir im Keller des Hauses verbergen, dort giebt es genug sichere Verstecke. Möge Gott walten, daß unsere Vorsicht überflüssig ist. Weinet nicht, sagte er dann zu den beiden Frauen, Gott hat es ja so gefügt, denket daran, daß der Jude immer, zu zu jeder Zeit bereit sein muß, Prüfungen zu ertragen. Denket nur daran, weshalb wir heute dieses Fest feiern! — Damals waren unsere Vorfahren auch in der größten Lebensgefahr; auch damals glaubten sie das Ende ihrer Tage gekommen. Da plötzlich schickt ihnen Gott einen rettenden Engel in Gestalt einer frornmen Frau und die Gefahr war mit einem Schlage beseitigt und hell jubelten sie auf, denen der Tod schon so nahe gewesen. Weinet nicht, wer weiß, vielleicht lächelt auch uns gar bald wieder die Sonne des Glückes, weinet nicht, vielleicht ist unsere Trennung nur von kurzer Dauer und wenn nicht — dann müssen wir das Unglück, in welcher Gestalt es uns auch heimsuchen mag, standhaft ertragen, denn wir sind Juden!" Und der Rabbi versank abermals in sein früheres tiefes Dahinbrüten. Die Andern verhielten sich jetzt schweigend, und nur das dumpfe Picken der Uhr unterbrach die Stille, die im Gemache herrschte. „Gut Purim!" sagte plötzlich eine heisere Stimme und die im Gemache Anwesenden fuhren zusammen. „Gut Purim!" antwortete der Rabbi, dem in das Gemach eintretenden kleinen Mann. Es war Löw Silberstein, der Hausirer, der allwöchentlich nach den verschiedenen umliegenden Ortschaften ausging, um seine Maaren feilzubieten. „Ich danke euch Löw, daß ihr meine Aufforderung, hierherzukommen, erfüllt habt", sagte der Rabbi, „ich möchte gern einige Worte mit euch in wichtiger Angelegenheit sprechen." „Was sollt Ihr mir danken, Rabbi, für mein Kommen, ist es doch eine große Ehre für mich, wenn ich Euer Haus betreten darf." „Ich wollte euch bitten, Löw, euere Wanderungen statt erst in einigen Tagen, schon morgen früh aufzunehmen, es ist dies im Jntereffe der ganzen Gemeinde. Sucht Erkundigungen einzuziehen, wo sich der Hetmann mit seinen Schaaren gegenwärtig aufhält. Und wenn ihr es in Erfahrung gebracht, dann kehret unverzüglich hierher zurück, um uns zu benachrichtigen; es ist für uns von großer Wichtigkeit zu erfahren, wann der Feind kommt, um für diesen Augenblick vollkommen vorbereitet und gerüstet zu sein. Ich habe euch zur Erforschung deshalb gewählt, weil ihr alle Wege und Stege außerhalb des Städtchens meilenweit kennt und weil auch eure Person als „Dorfgeher" draußen bekannt ist." „Sobald Ihr mir diesen Auftrag gebt, Rabbi, ist es selbstverständlich, daß ich so handeln werde, wie Ihr mir es sagt und mit dem Frühesten werde ich mich schon morgen auf den Weg machen und so Gott will, gar bald wieder zurückkommen, um Nachricht zu bringen." „Thut dies Löw, ich danke euch im Vorhinein im Namen der Gemeinde." Und Löw hatte sich wieder entfernt und die frühere Ruhe herrschte wieder im Gemache, durch nichts als das leise, unterdrückte Schluchzen der beiden Frauen unterbrochen. Purim war es heute, doch im Ghetto zu Florianow fehlte die Freude, die Lustbarkeit. Dort gab es keine Maskenscherze auf der Straße, dort gab es keinen unruhigen, heiteren Kunterbunt, dort sah man heute nur bleiche, sorgenschwere Gesichter. Und gesenkten Hauptes schlichen sie alle, die Leute de- Ghetto, in den engen Straßen dahin, und scheu blickten sie um sich und schloffen hinter sich vorsichtig die Thüren ihrer Häuser und schoben doppelte Riegel vor. Und gar bald verlöschten auch die Lichter in den Häusern, und frühzeitig begaben sich die Leute des Ghetto zur Ruhe. DaS war ein gar trauriger Purim. (Forts, f.) *J Heute Marow, Marktflecken in Ostgalizien. - --- ___________^ Verantwortlicher Redakteur b)r. Rahmer in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Barby. Verlag von Robert Friese in Leipzig.