Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 1. (1.1.1880)
- Date
- 1880-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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hiesige Rabbinat und der Gemeinde-Vorstand haben ein inniges Condolenzschreiben an den Trebitscher Gemeinde-Vorstand gerichtet. (Der Verstorbene war der Verfaffer des gelehrten Commentars zuin Akedath Jizchak; er hat auch sonst in hebr. Zeitschriften interessante Aufsätze, besonders exegetischen Inhalts, geschrieben. Sein Andenken zum Segen! Red.) Amerika. New-York. Oft ist das Unglück die Stufe zum Glücke, der Verfall der Baumeister neuen Lebens. Das reformatorische Anstürmen gegen die aus dem Geiste und dem Geschicke nnserer Vorfahren hervorgegangenen Formeln und Formen war die Folge der langen Abgeschlossenheit, Einseitigkeit und Gedankenlosigkeit im Ausüben der verunstalteten Sitten. Die Reform zeigte den Verfall, drängte zur Aufnahme der Wissenschaften, zur Umgestaltung des Formenwesens. Doch sie betonte dabei zu stark die Abstraction und unterschätzte den Werth der Formen, sie predigte Freiheit und verlor die Einheit und Gesetzmäßigkeit aus den Augen. Die Folge war Verflüchtigung des Geistes mit den Formen und Erkaltung des religiösen Gefühls. An dessen Stelle setzte der Materialismus seine Herrschaft; der Gewinn wurde das Ziel, Bereicherung das allgemeine Streben, Zweifel statt Gottvertrauen, Selbstsucht statt Nächstenliebe, hohle Vernünftelei statt Forschung. So trat ein neuer Verfall ein. Er weckte trotzdem neues Leben. Die Besseren sahen ein, daß es so nicht weiter gehe, das Judenthum muß erhalten werden wegen seiner erhabenen Lehren, diese müssen gekannt, gelernt und erforscht werden, sie müssen gefeiert werden. Die Geschichte des Judenthums ist eine großartige Geschichte göttlicher Welterziehung, sie muß gekannt fein, um zu begeistern und zu warnen. Was aber vereinigt beides, Le'ire und Leben, mehr in sich als — der Sabbath? Also Sabbathhalten ist das Thema der modernen Predigt. Uns in New-Aork predigt dies — Dr. Köhler. Wahrlich ein Wendepunkt! Und aus demselben Geiste heraus erhebt sich die neu eröffnete Preparator^-Ketiool mit 3 Klassen und 30 Schülern, deren Lehrer die Herren Schnabel, Ehrlich, Dr. Adler, Hübsch, Köhler und Gottheil sind. Es ist demgemäß wohl auch zu erwarten, daß die in der zu Cincinnati errichteten Nabbinerschule auftauchende Frage über die Zulässigkeit der Kopfbedeckung recht bald zu Gunsten derselben entschieden wird. Denn ist sie eine nebensä hliche Frage, so lohnt sie nicht der ernsten Prüfung, und ist cs gut, gie unschuldige Form zu gewähren. Soll sie aber als Schiboleth betrachtet werden, so wäre die Verdrängung der Kopfbedeckung ein Gewissenszwang und ein Abfall, der nicht fröinmer noch freier, noch edler macht. — Seltsam ist der Zorn, den Dr. Wise über die Mendelssohnfeier der deutschen Juden ausgießt. Er erkennt das große Werk des M.'schen Geistes an, tadelt jedoch die zur Ehre desselben abgehaltenen Feierlichkeiten. Als man aber Juda Touro feierte, da schwieg Dr. Wise. Er vergißt, daß die M/sfeier eine deutsch-nationale Kundgebung der Idee der geistigen und politischen Gleichstellung der Juden war, und die Zustände Deutschlands, sowohl für Juden als Christen es nothwendig machten, das ideale Testament jener beiden deutschen und frommen Geistesbefreier in Erinnerung zu bringen. Amerika hätte Grund gehabt, mit zu feiern, denn auch bei ihnen ist die Racenmäkelei nicht erstorben, auch sie zehren von dem Geiste dieser deutschen Propheten. — Ein neuer Vorschlag, den ein wackerer jüdischerFarmer Amerika's, Hinrichsen, zur Verbreitung des Ackerbaues unter den Juden gemacht hat und auf den Arbeitssinn der Juden sich gründet, wird hoffentlich die Ackerbaufrage fördern. — Die etwas weitgehende Freundlichkeit, welche in St. Louis Dr. Sonneschein der Baptistengemeinde zeigte, hat ihm und den Baptisten Schwierigkeiten geschaffen. Dr. Sonneschein betheiligt sich an Feierlichkeiten, die für die Dreieinigkeit Begeisterung an den Tag legen, wünscht den Segen des Heilands und der Prediger dee Baptisten vice versa. Was folgt? Die Baptisten sehen in diesem Verhalten ihrer Glaubensgenossen — einen Abfall und schleudern den Bannstrahl. Ist denn der Frieden zwischen den Confeffionen und die gegenseitige Achtung nur in einer Vermischung derselben zu suchen? Das ist widersinnig und ein Werk des Rausches. Was man selbst nicht für wahr hält, kann man wohl achten und toleriren, aber auch nur dem Schein nach es acceptiren — ist weder consequent noch nützlich. Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Die vergangene Woche hat die moderne Judenfrage-Literatur wieder um einige Broschüren und Abhandlungen vermehrt. Der (unter „Breslau" besprochene) Vortrag des Predigers Reichenbach ist unter dem Titel: „Die moderne Judenhetze" im Druck erschienen; er ist lesenswerth. Im Verlage von Julius Stein in Berlin erschien: Börne und Treitschke, ein offenes Sendschreiben. Dr. Harry Breslau a. o. Prof, der Geschichte an der Berliner Universität veröffentlichte ebenfalls (Dümmler's Verlag) ein Sendschreiben an Herrn v. Treitschke. Adolf Neubauer, Bibliothekar an der Bodlejana in Oxford, richtet in der „Voss. Zeit." (Nr. 358) einen „offenen Brief" an Treitschke. Dieselbe Nr. bringt einen trefflichen Artikel: Berlin in der Juden» hetze, von einem christlichen Beobachter; und in Nr. 361 eine statistische Zusammenstellung über die Vermehrung der jüd. Bevölkerung Berlins seit 1811. Herr v. Treitschke hat auch nicht geschwiegen, sondern im Decemberheft der „Preuß. Jahrb." auf Prof. Grätz Erwiderung entgegnet. Die schneidige Replik G.'S: „Mein letztes Wort an Prof. v. Treitschke" geht uns soeben zu; wir werden sie in nächster Nr. bringen. Berlin, 29. Dec Der Kaiser und die Kaiserin haben ihr Erscheinen zum morgigen Wohlthätigkeitsconcert in der neuen Synagoge gestern ansagen laffen. Berlin. Ein junger Mann jüdischen Glaubens aus Mühlhausen, der stud. jur. M. A. liegt, in einem Duell tödtlich verwundet, im hiesigen Augustakrankenhause. Der Student schlug sich mit einem hohen Herrn, von welchem er seines Glaubens wegen verspottet worden war. Das sind die Früchte der Judenhetzereien! Leobschütz (Oberschlesien), 25. Decbr. (Or-Corr.) In diesen Tagen der Judenhetze, wo besonders Oberschlesien der Schauplatz dieses verabscheuungswürdigen Treibens geworden ist, ist es für uns ein großer Trost, wenn das Herrscherhaus immer noch allen Unterthanen gleichberechtigt seine Gunst angedeihen läßt. In voriger Woche erhielt zum zweiten Mal ein hiesiger Bürger von Sr. Majestät dem Kaiser den Charakter eines Commerzienrath verliehen und beide Commerzienräthe hiesiger Stadt sind hochachtbare Juden. Der neuernannte Commerzienrath, Hr. Moritz T e i ch m a n, fungirt seit mehreren Jahren als Stadtverordneter und gehört der Gemeindeverwaltung schon 33 Jahre an, in welcher Zeit viele s:gensreiche Institutionen durch seine Bemühungen geschaffenwurden. (Ein Commerzienrathtitel mag ja sehr schön sein, aber wir fürchten, daß man den Juden gerade daraus wieder den Vorwurf ihrer allzugroßen Hinneigung zu den „Com* merzien" machen wird. Ehemals geizten reiche Juden danach, durch Unterstützung jüd. Gelehrten und jüd. Wissenschaft des Chower- oder gar Morenu-Titels würdig zu werden. Das brachte uns wenigstens kein Rischuß. Red.) P. Bodenfelde a. d. Weser., 16. Decbr. (Or.-Corr.) Am Vorabend des rDts n"“l feierte der hiesige Wohlthätigkeitsverein (D'^Dn ni^öJ man) im Hause des Hrn. K. Cohen, eines der Mitbegründer des Vereines, das Fest seines 25jährigen Bestehens. — Bor Beginn des solennen Festmahles, zu welchem sich außer den Mitgliedern der Chewrah auch noch einige auswärtige Freunde des Gastgebers eingefunden hatten, hielt der zeitige Chewrahvorsteher, Hr. Joseph Cohen, eine Ansprache an die Versammelten, in welcher er ein Bild (Fortsetzung in der Beilage.)