Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 1. (1.1.1880)
- Date
- 1880-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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— 4 — ß Berlin. Hiesige Blätter berichten: In einer der vornehmsten Mädchenschulen Berlins, welche fast ausschließlich von den Töchtern aristokratischer und der besten bürgerlichen Familien, sowie höherer Beamten besucht wird, einer Schule, die, wie wir nebenbei bemerken wollen, keine jüdischen Schülerinnen zählt, ist vor einiger Zeit der Hof- und Domprediger Stöcker als Religionslehrer der oberen Klaffen angestellt worden: Als eine der Schülerinnen ihrem Vater hiervon berichtete, ließ derselbe seine Tochter an der nächsten Religionsstunde nicht theilnehmen und richtete an die Schulvorsteherin ein Schreiben, in welchem er dieselbe ersucht, seine Tochter von dem Religionsunterricht überhaupt zu dispensiren. Auf den Einwand der Schulvorsteherin, daß sie keine Schülerin von dem Religionsunterrichte dispensiren könne, wurde ihr von dem Vater die Mitths'lung, daß ihm Herr Hof- und Domprediger Stöcker durch sein tsientliches Auftreten wenig geeignet erscheine, die Heranwachsende Jugend in den Lehren der christlichen Religion zu unterrichten und wenn seine Tochter daher von dem Religionsunterrichte nicht dispensirt werden könne, so würde er es vorziehen, dieselbe, trotzdem er voll Anerkennung für die Leistungen der Schule sei, diese verlaffen zu lassen. Da der Schulvorsteherin von andern Eltern ähnliche Mittheilungen zngegangen waren, hat dieselbe, um nicht eine große Anzahl Schülerinnen zu verliren derselben an die Eltern ihrer Zöglinge der ersten Klaffe ein Circular gerichtet, worin sie denselben mittheilt, daß sie es ihnen freistellt, diejenigen Kinder, welche gleichzeitig Consirmanden-Unterricht genießen, vom Religionsunterrichte dispensiren zu laffen. Wie wir hören, hat der größte Theil der Eltern von der ihnen erthellten Berechtigung Gebrauch gemacht und um die Diespensation ihrer Töchter von dem Religionsunterrichte in der Schule ersucht. Man sieht, hieraus zur Genüge, wie man in den guten Kreisen unserer Gesellschaft, und namentlich in solchen, die keineswegs zu den Anhängern liberaler Grundsätze zählen, über die agitatorische Thätigkeit denkt, die von einem Priester der Religion der Liebe entfaltet wird. Aus Berlin wird der „Frkf. Zeit." unterm 17. Decbr. geschrieben: Gestern fand hier eine Versammlung der „Antisemiten" 1 statt. Es war durchaus nicht etwa der Pöbel der Gaffe, der sich zusammenfand, um Herrn B. de Groussilliers über „Nathan den Weisen" und die Antisemiten-Liga sprechen zu hören; sondern das etwa 300 bis 400 Köpfe starke Auditorium gehörte zu der sogenannten guten Gesellschaft; hier hatten sich Kaufleute und Aerzte, Beamte aller Kategorien, wie die Freunde des Berolinensis Silesiacus, des Verfassers des berüchtr'gken „Jüdischen Referendarius", Rendez-vous gegeben. Herr detzGroussilliers eröffnete seinen zweistündigen Vortrag mit einer Verherrlichung der „blonden Race". Mir fiel dabei jenes Gedicht von Heine ein, in dem sich der Liebhaber der judenfeindlichen Donna am Ende als der Sohn des Rabbi entpuppt. Herr de Groussilliers ist ein kleiner schwarzer Mann und sicherlich kein Abkömmling der „blonden" Race; doch trotz seines jüdischen Aeußcrn und seines französischen Namens verbreitete sich der Redner über den germanischen Racentypus, als ob er selbst zu den „Kindern Gottes" wie er nach der Bibel die „lichte Race" nannte, gehörte. Nathan der Weise wurde nur vorübergehend erwähnt, um Loffing gegen den Vorwurf der Toleranz in Schutz zu nehmen, wenigstens der Toleranz im Sinne der aufgeklärten Geister des vorigen Jahrhunderts; denn nach der Auffassung unserer Judenfeinde bedeutet echte Toleranz, daß die Bekenner einer Religion den Sieg derselben zwar nicht durch Gewalt oder unlautere Ueberredungsmittel erkämpfen sollen, doch aber auf dem Wege der Liebe; eine Religion, die keine Proselyten machen wolle, sei ein abgestorbenes Ding, das keine Berechtigung mehr für die Menschheit habe. Üebrigens waren die Forderungen des Redners, verglichen mit dem, was von anderer Seite schon verlangt ist, mäßig. Es handelt sich für ihn zunächst nur um 4 Thesen, nämlich: 1) dem jüdischen Volke fehlt die eigentliche, schaffende Volkskraft, daher der Drang der Juden zu solchen Berufsarten, die auf müheloses Erlisten, einseitigen Gewinnst, schnelle Erspähung und Benutzung eines Vortheils gegründet sind; 2) die 'Lehren des Talmuds sind unmoralisch und verbrecherisch * *); 3) die „All. isr." ist eine politische (?) Gesellschaft; 4) der Kagal*) (in Rußland) ist eine religiöse Räuberbande. Der Vortrag war geschickt mit einer Menge von Citaten aus jüdischen Schriften gefaßt, die ganz geeignet waren, die Hörer in eine gewiffe sittliche Entrüstung zu versetzen So soll, beispielsweise, Berthold Auerbach zu einem Hamburger Schulmanne sich geäußert haben: „Wir Juden sind doch die intelligenteste Race. Nehmen Sie einen in Lumpen gekleideten polnischen Trödeljuden und stellen Sie diesen dem intelligentesten Schwarzwälder gegenüber, für wen würden Sie sich entscheiden? Gewiß für den Juden; denn der germanische Bauer ist dumm, der verkammenste Jude ist immer noch ein Jude." Der Dichter der „Schwarzwälder Dorfgeschichten" wird vielleicht Veranlassung nehmen, dieser ihm untergeschobenen Geschmacksrichtung entgegenzutreten. Frankfurt a/M., 18. Decbr. (Or-Corr.) Der hiesige Mendelssohn-Verein, über deffen Gründung die Wochenschrift berichtet hat, nimmt einen erfreulichen Fortgang. Er zählt trotz der kurzen Zeit seines Bestehens schon weit über 200 Mitglieder und strebt seinem Ziele, die jüdische Wiffenschaft in weitere jüdischen Kreisen zu verbreiten, mit Eifer zu. Gestern hielt hier Herr Professor Gr ätz aus Breslau, der Ehrenmitglied des Vereines ist, einen Vortrag im Saale deS kaufmännischen Vereins. Der Vortrag wurde von einem großen Publikum, unter dem sehr viele Damen waren, besucht. Das Thema war: „Ein überglückliches Jahr in Judäa unter der römischen Kaiserherrschaft". Der Vortragende schilderte darin das Todesjahr des Kaisers Caligula; in welchem sämmtlichen Juden in Palästina der Untergang drohte, weil sie nicht Caligula als Gott anbeten wollten und in dem zugleich die Juden in Alexandria durch ihre Feinde arg bedrängt waren. Der plötzliche Tod des Kaisers entriß die Juden dem sicheren Tode, und der Dank des Volkes zu Gott für diese glückliche und unerwartete Errettung war so groß, daß ein ganzes Jahr lang eine festliche Stimmung herrschte, die sich bei dem Korbfest und bei verschiedenen anderen Gelegenheiten zeigte. Der Redner halte die bedeutendsten Personen dieser Zeit zu schildern: den Kaiser Calipula, den König Agrippa, Philo, Apion und andere. Der Vortrag, der viele Streifllchtrr auf die gesammte jüdische Geschichte warf und auch die modernen Strömungen gegen die Juden berührte, wurde mit großem Beifall ausgenomiuen. Es waren auch viele auswärtige Verehrer und Schüler des großen Historikers erschienen. Breslau. Jüngst hielt hier Herr Prediger Neichenbach vor zahlreicher Versammlung einen öffentlichen Vortrag über „die moderne Judenhetze". Anknüpfend an das Wort Shakespeare's : „Den Juden hat der Christ erst so gemacht", zeigte Redner zunächst, daß, wenn sich überhaupt in dem fit tlichen und socialen Leben der Juden mehr Schatten Nachweisen ließe, als auf christlicher Seite, die Schuld davon doch eben nur die Christenwelt treffen würde. Man werfe den Juden vor, daß sie nur Handel nnd Schacher treiben wollen, daß sie geldgierig seien und in wucherischer, betrügerischer Weise ihre Geldgier zu befriedigen suchten. Aber der Druck und die Verfolgung von Seiten der Christen hätten dem Juden in früherer Zeit keinen andern Erwerbszweig übrig gelassen, als den Schacher. Nur durch Geld habe der Jude einige Geltung erlangen können — was Wunder, wenn er Geld, viel Geld zu erwerben trachtete? lind wenn er, der so oft bestohlen, beraubt und gebrandschatzt wurde, zuletzt an Vergeltung gedacht, so würde man auch darüber sich nicht wundern dürfen. Auch die gegen den Talmud erhobenen Vorwürfe *) Die Professoren Delitzsch und Renan, wirkliche Kenner des Talmud, urtheilen über seine Lehren und Gleichnisse bekanntlich anders; auch die Thesen 1 und 3 sind längst widerlegt, aber man gefällt sich darin, die Lügen wiederzukauen. (Red.) *) Natürlich eine Verballhornung von „Kahai" d.h. Gemeinde!! L> weiser Salomo! (Anmerk, der Red.)