Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 1. (1.1.1880)
- Date
- 1880-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 — Freilich haben diese Herren auch nicht so ganz unrecht, -wenn sie die getauften Juden über die Achsel ansehen und dadurch diese zwingen, ihre jüdische Abstammung zu verleugnen oder zu vertuschen. Denn wie viele treten über, gereizt i>nrch den materiellen Gewinn, durch die tausend Vortheile, welche der Streber trotz aller Emancipation noch heute im Staatsleben voraus hat, wenn er der herrschenden Kirche angehört. Es gehört Muth und ideale Gesinnung dazu, um wie früher die Keulenschläge, so jetzt die Nadelstiche des Judenhasses zu ertragen oder abzuwehren. Gott sei Dank, stnd diese Tugenden bei den Juden häufig und die meisten harren aus; aber manche können dem Ehrgeiz nicht widerstehen und werden Christen mit den Lippen, nicht mit dem Herzen. Der geborene Christ, auch der Geistliche, vermuthet wohl, daß solche Fälle viel Vorkommen, und so hegt er ein Mißtrauen gegen alle jüdische Convertiten. von allen fast fürchtet er, daß sie den Lockungen des Ehrgeizes und der Gewinnsucht und nicht der Stimme ihrer Ueberzeugung gefolgt sind, als sie Christen wurden, und dennoch ist ihnen denn der „getaufte Jude" oft ein Gegenstand der Abneigung und der Verachtung. Das ist ein böses Verhängniß, und es hat uns seltsam berührt, zu erfahren, daß auch Paulus Cafiel, ein Herold der christlichen Liebe, von seinen jetzigen Berufsgenosien als nicht vollgültig angesehen wird.*) ES ist eine Anklage gegen seine ehemaligen Glaubensgenosien, wenn er sagt: „die Juden wißen, daß ich ihre Gunst nicht genoffen habe" und wer ein Freund von kühnen und gewagten Schlüffen ist, könnte sich daraus fast eine Meinung über die Seelenstimmung bilden, in der Caffel's Uebertritt erfolgt ist. Denn offenbar bezieht sich der Matz auch auf die Zeit vor seiner Taufe; nach derselben Märe ja Gunst für den Abtrünnigen eine zu weit gehende Forderung gewesen. ' Das Eine mag er wohl jetzt zur Genüge wißen, daß vielleicht in der Religion der Christen mehr von der Liebe geredet wird als bei den Juden, daß aber in dem Leben vieler Christen die Liebe ungleich seltener zu finden ist, wie denn überhaupt nicht die die liebreichsten sind, die sie am meisten im Munde -führen. Jedoch über Paulus Caffel's eigen geartete Persönlichkeit zu reden, ist diese Zeitschrift wohl kaum der rechte Platz; er ist nun einmal aus unseren Reihen getreten und die Wunde, die er uns dadurch geschlagen hat, macht es vielleicht uns auch zu schwer, ihm völlig gerecht zu werden. Aber sicherlich hat er sich alle Welt zu Dank verpflichtet durch die gadankenvolle Arbeit, mit der er Herrn v. Treitschke's hohle Worte widerlegt hat. (Schluß folgt.) Unsere Devise. Im Begriff, das zweite Decennium, in welches unsere „Wochenschrift" mit gegenwärtiger Nr. tritt, mit einem Artikel über unsere, den Sprüchen der Väter entnommene Devise: „Für Wahrheit, Recht und Frieden!" zu eröffnen und zu zeigen, wie die „Wochenschrift" stets bestrebt ist, im Kampfe sowohl mit dem äußeren Feinde, als auch mit dem innern Gegner jederzeit einzutreten: für die W a h r - *) Die „Vossische Zeitung* erzählt in Nr. 358: Ein jüdischer Convrrtit hat als evangelischer Prediger dichte Schaaren Andächtiger zu sei. nen Füßen, die sich aus den besten Gesellschaftskreisen zusammensetzen. Einstmals nun beim Hinausgehen kann ein Graf, der mit einer Dame und einem Offizier zusammen ging, nicht genug Worte de« Lobe-finden. Die Dame aber sagte: „Heimann Levy auf der Kanzel!"! heit gegen die Lüge, die Verleumdung und das Vorurtheil; für unser gutes Recht als Bürger und für unsere Gleichberechtigung als Staatsangehörige; aber auch für den Frieden im Zusammenleben mit unseren Mitbürgern, für die friedliche Entwickelung der Gemeindeinstitutionen, und den offen nnd geheim auftretenden Trennungsgelüsten gegenüber für die Einheit der Gemeinde — im Begriffe also, einen solchen Programmartikel zu schreiben, erhalten wir von einem unserer geschätztesten Mitarbeiter einen Aufsatz: Ein Vorschlag zur Güte, der so ganz und gar mit unseren Gedanken über dasselbe Thema harmonirt, daß wir ihm gern hier den Platz einräumen. Die letzten Monate waren für diese Zeitschrift eine Zeit schweren Kampfes; da kamen sie an in Hellen oder auch in dunklen Schaaren, all' die Feinde, die das Judenthum im Allgemeinen und wieder Andere, die speciell d a s Judenthum, wie es in diesen Blättern vertreten wird, in Acht und Bann erklärten. Es war ein heißes Streiten, bei dem es nicht immer fein säuberlich und manierlich herging, und da die Gegner nicht stets mit geschliffenen Schwertern, sondern häufig mit ungeschliffenen Felsstücken nach Cyklopenart uns angriffen, so war auch die Gegenwehr zuweilen etwas rauh und derb, durch den Krieg verwildert. Wer könnte im gerechten Zorn die Worte gar so sorgsam wägen? Der Kampf gegen die Marr und vollends der gegen die Stöcker und Treitschke wird weiter toben Der Judenhaß ist keine oberflächliche Erscheinung, sondern er hat leider noch tiefe Wurzeln im Geiste der Nation. Es ist nichts zu fürchten für unser materielles Wohl und für unsere Stellung im öffentlichen Leben; denn die leitenden Kreise stehen diesem Treiben fern; dennoch bleibt uns die Pflicht wachiam zu sein, und, da nun einmal die anti-jüdische Bewegung solche Dimensionen angenommen hat, die verschiedenen Aeußerungen des Judenhaffes sorgsam zu verfolgen. Aber der Lärm im I n n e r n l Jene Achterklärung, welche die bekannten drei Herren gegen die Breslauer Schule geschleudert haben? Ich verstehe sehr wohl die Entrüstung der redlichen Männer, die durch diese Aechtung sich tief verletzt fühlten; es ist nichts Geringes, wenn ein reines Streben, dem wir unser ganzes Leben hingeben, als verkehrt und verderblich der Welt denuncirt wird und ihr zugerufen wird: nehmt Euch vor diesen Leuten in Acht. Aber wir leben nun einmal in einer Zeit, in der jede Meinung, wenn man nur ein bischen literarisches Geschick hat, ungestört und ungestraft sich äußern darf. Freilich, wenn heut zu Tage ein schlichter Israelit zu mir heranträte und mir sagte, daß er aus Theilnahme für's Judenthum auf alle, jüdisch-religiösen Jntereffen dienstbaren Zeitschriften abonniren wolle, er brächte mich in die größte Verlegenheit. Denn dieser schlichte Mann hat wahrscheinlich eine ganze Anzahl jüdischer Theologen im Kopfe, vor denen er Respekt hat; und alle diese Achtung müßte nothwendig schwinden, wenn er alle diese Zeitschriften lesen und ihnen glauben wollte. In ihnen wird mit soviel Talent und Eifer bewiesen, wie Keiner etwas tauge, daß es am Ende einem einfachen Manne, dem überdies das gedruckte Wort noch imponirt, nicht zu verargen wäre, wenn er sich von all den Leuten sammt und sonders lossagte. Ja, dieses nicht seltene Schelten und Schimpfen ist eine schwere Schädigung, und es scheint kaum denkbar, daß zwischen den klaffenden Gegensätzen, in welche, wenn auch nicht das deutsche Judenthum, so doch die jüdisch-deutsche Publicistik gespalten ist, irgend eineEinigungzu erzielen ist. Ein Zufall führt mir eine Beilage des „Israelit" in die Hand, der sonst meine Lektüre nicht ist, weil ich an einem jüd. Blatte genug habe zur Jnformirung über die Tagesneuigkeiten auf religiösem Gebiete, und diese Beilage enthält eine Korrespondenz aus Zweibrücken. Die Gemeinde hat sich dort ein Gotteshaus aufgebaut und damit gezeigt, daß sie freudig Opfer bringt für das religiöse Leben. Aber sie ha- 1 ben eine Orgel hineingestellt. Darum heißt die Zweibrücke-