Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 50. (12.12.1877)
- Date
- 1877-12-12
- Page
- Seite 395 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 395 — büße an Stolgebühren, oder eigentlich der Gegenstand dieser Petition, ist bereits am 3. Dec. im Abgeordnctenhause bei Gelegenheit der Cultusetat-Debatte zur Sprache gebracht worden. Windthorst sprach für das gute Recht der Rabbiner, der Regier Commissar äußerte geradezu abelehnend. — Dec Bericht in den Journalen ist sehr kurz, wir werben nach Erscheinen des stenographischen Berichts auf die Verhandlung zurückkommen. — Der uns vorliegende 44. Jahresbericht des Frauenvereins von 1833 zum Besten israelitischer Waisenmädchen weist eine Einnahme und Ausgabe von 21,918 Mk nach und constatirt, daß das Vereinsoermögen um ca. 9000 Mk. gestiegen ist. Halle a. S., 3. Dec. (Or.-Corr.) Die hies. Zeitung veröffentlicht ein Gedicht aus der Feder Gottfried Kinkels, das derselbe an ein hiesiges geachtetes Gemeindemitglied, Herrn Joseph Türk heim er, als Trost gerichtet, der das Unglück hatte, den hoffnungsvollen, 25jährigen Sohn in Meran zu verlieren. Auf der Eisenbahn war es, wo der schwergeprüfte, an das Sterbebett seines Sohnes gerufene Vater Kinkel traf. Der Dichter zeigte solche Theilnahme, daß er mit dein weinenden Vater weinte. Bald nach der traurigen Nachricht vonr Tode des Sohnes sandte er dem Vater das beiliegende Gedicht, durch dessen Abdruck Sie sich gewiß viele Leser der Wochenschrift zu Dank verpflichten.*) >:) Das Gedicht lautet: Ein Todesen el flog herab vom Thron, Um einzufordern ein verfall'nes Leben, Doch wann er nahen sollte Deinem Sohn — Die letzre Stunde war ihm freigegeben. Und als er kam und sah fein Opfer ruh'n, In Manneskrast geknickt, auf heiße,n Kissen, Ergriff ihn Mitleid um sein eigen Thun — Er sprach: Du sollst um Deinen Tod nicht wissen. Er trat an's Bett verwandelt an Gestalt. Ein Hoffnungsengel, licht in Grün gekleidet, Zog er den Geist mit zaub'rischer Gewalt Aus lichte Fluren, wo in Lust er weidet. Genesend glaubt' er sich und sah mit Lust Ein wack'res Schaffen vor sich, voll von Zielen; In Hoffnung drückt' ein Weib er an die Brust; Rothbäck' ge Kinder sah er um sich spielen. Der letzte Brief noch, den er an dich schrieb, Er sagte Dir's, wie ihn das Leben freute. „Nun erst wird's schön! Wie ist die Welt so lieb! Jn's neue Haus am Park, da zieh'n wir heute! Dort ist das Laub so grün, die Luft so lau, Die Morgensonne grüßt mich durch die Scheiben. Schon fühl' ich stark mich! Welschland's Himmelblau Wird bald des Athmens letzten Druck vertreiben " Ihn noch zu seh'n, flogst Du in rascher Fahrt. Warum Du kamst, selbst das blieb ihm verborgen. Dir liefen Thränen m den grauen Bart, — ■ Er lächelte und scherzt' ob Deiner Sorgen. Du sah'st, wie zu des letzten Abend's Gold Sein schon erstarrend Aug' noch froh sich kehrte. Der Todesengel barg sich mild und hold, Ihn nicht zu schrecken mit dem blanken Schwerte. Das Morgengraun kam über Hain und Fluß; Er sah den Tag, der ihm nicht sollte scheinen. Da gab der Engel ihm den kalten Kuß — Er ging — und Ihr brach't aus in wildes Weinen. Weint nicht um ihn! Was uns das Leben beut, Er hat's in Hoffnung froh vorausgenommen — Das Kunst'ge lebt' er durch in hellem Heut, Und die Enttäuschung ist ihm nicht gekommen. Ja, Vater, laß ihn zieh'n! Er hat gelebt Und sah die Zukunft sich mit Golde säumen, Zerdrück' die Thräne, die im Aug' dir bebt; Denn Weinen stört der Todten glücklich Träumen. Mit herzlicher Theilnahme 6 ot tkrieä Kinkel. Unterstraß b. Zürich, 26. November 1877. Alls Hessen wird der „Jüd. Pr." eilt Artikel aus einem Proviuzialblatt (klerikal?) mitgetheilt, welcher bis au die äußerste Grenze der Aufhetzung gegen Juden geht, oder dieselbe noch überschreitet. Es heißt da: „Die Roth gebietet eine Einschränkung der Aktienfreiheit, wenn nicht der Jude endlich das gesammte nationale Vermögen an sich reißen soll, sd daß schließlich das Volk gezwungen ist, sich mit Gewalt von der Herrschaft jener asiatischen Raye (woher stammen denn die Germanen?) zu emancipiren und sich dann ähnlich, wie kürzlich in Rumänien zu Gewaltthaten Hinreißen läßt u. s. w. Aus Saarlouis erhalten wir ebenfalls ein Flugblatt: „Ueber die Zunahme der Verdächtigungen und Verläumdungen gegen Juden und Judenthum im Gegensätze zu der Zunahme des Wuchers und der Halsabschneiderei. Ein Wort der Abwehr an die Saar-Zeitung von L. Wolff, Prediger." Der Titel ist nicht glücklich stylisirt. auf den Inhalt, der ganz zweckinüßlg ist, kommen wir noch zurück. Darmstadt, 4. Decbr. (Or.-Corr.) Am 21. v. M. hat die hleiige Gemeinde von dem wiedereclangten allgenleinen Wahlrecht den ersten Gebrauch gemacht. Die den Austritt anstrebeude orthodoxe Religionsgesellschaft enthielt sich der Wahl, im Uebrigen war die Betheiligung an dem Wahlakte eine rege und große. Die Wahl ist in Hinsicht auf die Zeitfrage in gemäßigt reformistischem Sinn ausgefallen. Es steht zu hoffen, daß demnächst allen israel. Gemeinden des Großherzogthums das allgemeine Wahlrecht verliehen werden wird. (Die Frage ist in den Leitartikeln der Nummern 29, 31 und 35 d. I. besprochen, im Hinblick, auf die bevorstehenden Kammerverhand ungen über dieselbe werden wir noch einen uns eingesendeten Artikel veröffentlichen. Red.) Mainz. Am 24. November Abends verschied im Alter von 83 Jahren der in weiteren Kreisen bekannte Hr. Samuel Bon di, s. A. Elsaß-Lothringen. Die letzte Volkszählung ergab, 1,204,081 Katholiken, 285,329 Protestanten und 39,002 Israeliten. Wien. Bei Eröffnung des Wintersemesters im Conserratoriuiu fand sich eine Zahl von zwei und vierzig jungen Prüflingen zusammen, welche den Namen Cohn trugen. Die Anstalt ist alio auf dem besten Wege ein Coh n servatorium zu werden, meint ein Blatt. (Un. Jsr.) Wien. Von dem kürzlich verstorbenen Arzt, vr. Josef Hirschseld, erzählt das „Extrablatt" folgenden Zug aus dessen Leben: Vor einigen Wochen kam zu vr. H. in der Nacht eine ar»>e Frau mit der Bitte, er möge ihrem plötzlich erkrankten Kinde zu Hilfe kommen. Frau vr. Hirschfelv erklärte höflich, ihr Mann sei krank und könne zu dieser Zeit nicht aus gehen nnd bemerkte dabei, daß es auch noch gesunde Aerzte gäbe. Herr Dr. H. sagte hierauf zu seiner Frau: „Reiche Leute finden freilich zahlreiche Aerzte; diese Frau ist aber arm, vielleicht gelingt es mir, ihr Kind zu retten." Rich- < lig wurde das Kind wieder gesund, Dr. H selbst ist aber , bald darauf seinem Leiden erlegen. Ehre ielnem Andenken! Besanco». Selten hat ein Israelit eine so hervorragende sociale Stellung eingenointtt en und ist im Tode so allgenteiner Ehren theilhafl geworde n, wie der im Alter von 53 Jahren hier verstorbene Hr. Adolph Veil-Picard. Ohne auf eine Aufzählung der von i hur bekleideten Ehrenposten und der erlangten Auszeichnungen einzugehen, sei hier erwähnt, daß sich au dem Lerchen zuge der Contmandaul der 7. Division, niehrere Generale u. s. w., die höchsten Spitzen der Staats¬ und Stadtbehörden, nebst Fahnerl und Mililäreskorte und eine ungeheure Menschenmenge betheiligren, und daß der Maire, Senator Oudet, die eige nlliche Leichenrede hielt, in der die großartigen Wohlthaten, welche der Verstorbene der Stadt erwiesen hat, aufgezählt wurden. Der Redner schloß mit dem Ausspruche, daß das Vol k von Besanyon das Andenken „seines guten Israeliten" ebenso ehren werde, wie in Lyon der vor