Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 49. (5.12.1877)
- Date
- 1877-12-05
- Page
- Seite 382 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Daraus folgte dann Ueberschätzung des Fremden, Geringschätzung des Eigenen, dann Gleichgültigkeit, Aushören der Widerstandsfähigkeit, zuletzt der volleudete Abfall. Darauf folgte die Katastrophe: die Verfolgung, der Kampf, der Sieg, die Wiederauferstehung des gesetzestreuen Judenthums. Man hat oft und mit vollstem Recht auf die Aehnlichkeit zwischen jener Zeit und unserem Jahrhundert hingemiesen. Seit dem Eintreten der Juden in die allgemeine Culturbewegung ging es wieder bei Vielen schrittweise bis zur Gleichgültigkeit gegen ihre Religion und dann zum vollendeten Abfall. Mit Recht ruft man den heutigen Verleugnern des Torahgesetzes entgegen: was soll euch Chanuka, wenn ihr es nicht etwa als ein Prunkfest wegen der kriegerischen Tapferkeit der alten Makkabäer feiern wollt? Sonst sind ja eure Vorbilder nicht die Hasmonäer, sondern die Hellenisten, und jener Elieser, der nicht einmal zum Schein Schweinefleisch genossen haben wollte, ist ja in euren Augen ein alter orthodoxer Narr gewesen. Wir wollen dem schon oft in der Beziehung Gesagten noch ein (vielleicht noch nicht besprochenes) Moment hinzufügen. Analog der Griechenzeit fiel auch der Wiedereintritt der Juden in den Kreis der allgemeinen Bildung in eine Zeit, in der die Gebildeten, von denen die Juden lernten, mit dem christlichen Dogma selbst längst gebrochen hatten. Von diesen wollten auch die aufgeklärten Juden nichts wissen, im Gegentheil, sie sagten: wir haben ja im Grunde alle einen Glauben, wozu nun unser Gesetz?! Ansteckend wirkte nicht etwa das eigenlich Christliche, sondern die gefällige Form, die Bequemlichkeit, die Zweifelsucht, der Unglaube. Andrerseits trifft die Parole zwischen der Syrerzeit und der Gegenwart in vielen Stücken wiederum nicht zu, die Weltgeschichte wiederholt sich nie vollständig. Wir haben dies hier nicht weiter auszuführen, kehren vielmehr nach diesem Excurse zu der Makkabäer-Epoche zurück. Hat man damals, nach dem Siege und der Restauration, trotz der traurigen Erfahrungen, sich abgeschlossen, hat man jede fernere Betheiligung an griechischer Bildung verboten? Mit Nichten! Man hat noch lange weiter griechische Sprache und „hellenistische Weisheit" erlernt; erst in den letzten Tagen der makkabäischen Dynastie (während des Bruderkampfes) erging ein Verbot. Dasselbe hatte ohne Zweifel gar keinen Erfolg; man erneute es in Jerusalems letzten Tagen, zur Zeit des Titus- (nach Grätz: Quietus-) krieges. Immer' noch ohne Erfolg; — wieder später fragt ein Neffe R. Jsmael's, ob er griechische Weisheit lernen dürfe und wird nicht etwa auf das alte Verbot hingewiesen.*) Später aber kam die Zeit der absoluten Abschließung. Israels Weise zogen sich streng „in die vier Ellen der Halacha" zurück. Das war aber nicht Folge der inner» Entwickelung, sondern der traurigen Z e i t v e r h ä l t n i s s e, des politischen Druckes, der r ä u mlichen Absperrung der Juden in Babylonien, wo sie von selber außerhalb der Strömung der Cultur blieben, welche ohnedies bald in sich versiegte. Dies dauerte so fort bis gegen das Ende der gaonäischen Zeit. Dann erwachte wieder das Streben, sich auch draußen umzusehen. Von Saadiah an nahm die Theilnahme der Juden an dem wiffenschaftlichen Leben der Völker mit raschen *) Sota Ende, Menach. 64 und 99 Tosafot. Nähere Besprechung folgt im „Literaturblatt." Schritten zu. Anfangs geschah es von Seiten Einzelner, blieb nicht ungerügt und unverketzert. Daß wiederum manche sich zu tief einließen, in Opposition gegen Lehre und Gesetze kamen, ist natürlich; aber gerade dieser Umstand, und besonders das Auftreten der Karaer ließ es nun als Pflicht erscheinen, die Weisheit der Fremden gründlich kennen zu lernen, um Fremde und einheimische Zweifler und Leugner widerlegen zu können. Das halte ja der alte Tanalt R. Elieser schon empfohlen: „lerne, wie du den Epikuräer widerlegen könnest" — es war aber lange unbeachtet geblieben, denn es war überflüssig gewesen; die jüngeren Amoraim und ihre Nachfolger halten keine Gelegenheit mit derartigen Gegnern zu streiten. Die griechischen Philosophen waren ebenso ausgestorben wie die jüdischen Acher, mit christlichen Mönchen kam man nicht in Berührung, und die Weisheit der Leute märe auch wahrlich nicht ins Gewicht gefallen. Nun aber eilten die Juden mit Riesenschritten aus der neu- oder wieder erschlossenen Bahn vorwärts. Wir brauchen nur die maurischspanische Zeit zu nennen, so ist damit alles geschildert. Und die verpönte „hellenische Weisheit", besonders die des Erzfeindes Aristoteles, sie war es gerade, der man sich forschend hingab. Einzelne zürnten, droheten, warnten; die Halacha blieb: es ist erlaubt, die Sprache und Wissenschaft der Fremden zu erlernen. Es gehört nicht hierher näher zu zeigen, wie man sich mit der älteren Halacha abfand. Man gab der verbotenen „griechischen Weisheit" und den „ausgeschlossenen Büchern" eine möglichst enge und die damalige Zeit nicht genirende Bedeutung — oder man wendete sich anders, aber man lhat, was nicht unterlassen werden konnte. Und wieder blieb neben den großartigen Erfolgen die Kehrseite nicht weg und neben den herrlichen Geistesfrüchten reiften such Gift und Wermuth. „Wen haben wir größer als Moses" — den Maimontden? Aber da gab es nun auch Biele, die den Aristoteles über die Bibel stellten, noch viel Mehrere, die sich weder um Bibel noch um Aristoteles kümmerten, sondern einige landläufige Phrasen der Populärwissenschaft, des Zweifels, des Spottes und des Unglaubens ausftngen und damit ihrem Thun, ihrem Genießen wollen, das Mäntelchen der Bildung umhängen, im Uebrigen wollten sie Geld machen und, soweit es anging, die großen Herren spielen. Dann kam die furchtbare Katastrophe von 1492. Das jüdische Geistesleben zog sich zurück in die jetzt auf's aller engste umschriebenen „vier Ellen" und war räumlich gebannt in die öden, von der Cultur, vou der eben neu a u f l e b e n d e n Wissenschaft und Bildung, nicht berührten Enden der europäischen Welt. Dort und damals wurden nun jene Sätze, welche jedes Lesen in einem profanen Buche verbieten, „codificirt." Es ist nicht nöthig, den Ausgang der Zeit der abermaligen Abschließung und den Eintritt der neuesten Periode der Rückkehr der Juden zur allgemeinen Cultur und Wissenschaft zu bezeichnen oder zu besprechen. Aber am Schluffe dieses flüchligeu Ueberblickes muß es, unsres Erachtens, klar geworden sein, wie ganz ohne Sinn das Begehren, wie rechtlos der Machlspruch ist, demzufolge wir uns für alle Zeit dem zu fügen hätten, was in dieser Beziehung in der eben bezeichneten Epoche codificirt ist, zur Zeit der erneuerten Flucht vor der Cultur, welche auf eine schwerste Katastrophe, auf eine Verbannung der Juden aus den Culturländern und ihren gezwungenen Rückzug in die Slavensteppen und das Türkenreich folgte.