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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-11-28 · N° 48. (28.11.1877) · p. Seite 379

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 48. (28.11.1877)
Date
1877-11-28
Page
Seite 379 (sequence 7)
Language
German
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Feuilleton. Der Schwa« von Toledo. Historische Erzählung von Ad. v. Zemlinszky. Was ging hier vor?! Die beiden Wanderer, als sie das Thor paffirt hatten, wurden unwillkürlich vom Volksstrome mit fortgezogen, bis sie endlich vor dem Vatican standen. Sie erkannten, daß sie in Gefahr schwebten, die Mahnung des Soldaten am Thore wurde in ihrem Gedächtnisse lebendig, und mehr und mehr drängten sie nach rückwärts, bis sie sich endlich befreit hatten und unbemerkt hinter jene sie schützende Säule gelangten. Es war gerade in jenem Moment, in welchem der Diakon dem Volke den Namen des neuen Papstes nannte. Kaum hatte Jochai Carmo den Namen vernommen, als er jenen schrecklichen Schrei ausstieß und gleich einem Tieger hervorsprang. Doch blitzschnell hatte ihn Rüben Erin mit starken Armen ergriffen und zu Boden geworfen. , „Laß mich Rüben, laß mich, nur eine kleine Spanne Zeit laß mich, ich will ihn mit einem Schlage zermalmen, diesen Gaukler, diesen ..." stöhnte Jochai Carmo, sich vergebens bemühend loszukommen. „Ruhig Jochai, ruhig, Du ziehst uns in's Verderben dnrch Deinen namenlosen Zorn." „Verderben? Ihm will ich Verderben bringen, ihm allein. Wir sind lange umhergezogen. Jahre hindurch haben wir ihn gesucht und jetzt, wo wir endlich ihn gefunden, jetzt sollt' er uns entschlüpfen! Vernichten will ich ihn, vernichten wie er mir mein Lebensglück, mein Alles, in den Staub getreten, in den Koth gezerrt hat. Ich will es dem Volke sagen, wer dieser Elende, dieses neu gewählte Oberhaupt der gesummten Christenheit ist, der dort hochaufgerichtet, dem Volke Segen spendet, als gäbe es nicht jene schreckliche Nacht in Toledo, die ihn für ewig brandmarkt." „Was würde Dir Dein Ungestüm nützen Jochai? Wird man Dir, uns, den Juden, Glauben schenken?!" „Ja, man wird mir glauben, man muß mir glauben, denn ich liefere den Beweis. Ich werde sie hingeleiten nach Toledo! ich führe sie dort auf den Judenfriedhof, ich zeige ihnen das Grab, das Grab, in den» sie ruht, sie, die er durch Gewalt gemordet." „Und werden sie Dir folgen, Jochai? werden sie Dich, unS nicht verlachen, verspotte», verhöhnen, uns, die Juden!?" „Was soll ich thun, Rüben? Ich sehe ja ein, Du hast leider Recht, laß uns von hier fortgehen, doch stütze mich, meine Kraft ist gebrochen, seit ich diesen Räuber meines Glückes gesehen habe." Langsarn u»td traurig schlugen die Beiden den Weg ein, der nach dem Ghetto führte. „Du hast Recht, Rüben, wir können nichts gegen ihn, den Gewaltigen, unternehmen, ich sehe es ein, und gerade das ist es, was meinen Schmerz erhöht. O! wie stehe ich jetzt so ganz allein, so ganz verlaffen auf dieser Welt!" „Jochai! Ihr allein? verlaffen?! Habt Ihr keinen Bruder, keine Kinder?!" „Schweig', Unglücklicher, schrveig! Reiße nicht auf die Wunden die bereits zu vernarben begonnen. Kinder! O, ich habe keine Kinder mehr.Ach, warum hast Du diese Erinnerung in mir wachgerufen? Ich sehe mein Weib, meine geliebte^ Sarah, vor mir aus dem Grabe steigen, ach, sie war mein Stab und »neine Stütze auf meinem schwankenden Lebenswege, sie hatte Segen gepflanzt auf meiner dunkele» Bahn, Oel gegossen in die Wunden meines Kummers. Und , jetzt, jetzt ruht sie draußen, „auf dem guten Ort," wohl ihr, weh mir! Wie ich dies Weib geliebt, gehütet wie meinen Augapfel, und diese Bestie hier hat sie mir geraubt,..... ach, ich darf nicht daran denken. „Und die Du »neine Kinder nennst, sind sie es denn wirklich?! mein Fleisch, mein Blut, sind sie wohl, und dennoch nicht meine Kinder! Wie war ich so stolz auf ihn, meinen Erstgeborenen, er war ein gar gutes lerngieriges Kind. Mit welcher Liebe und Verehrung hing er an den heiligen Büchern, mit welcher Lust, mit welchem Stolze nannte er sich „einen Juden"! Da kam plötzlich jenes Unglück über mich, mein Sohn verschwand spurlos aus dem Hause meines Bruders Eliah... .„Damals konnte ich stolz auf ihn sein, heute muß ich rufen: Weh mir. daß ich solch' einen Sohn hatte, weh ihm, daß er das geworden, was er heute ist, der Günstling des ... neuen Papstes. Wenn ich daran denke, so wird es in meinem Geiste trübe, und er überkommt mich jene namenlose Wuth, welche mich vorher befallen, und ich möchte Alles zertrümmern und zerstören. Du, D» sahst ihn nicht, Du kennst ihn auch gar nicht, ich aber, ich habe ihn gesehen, ich habe ihn gesehen an der Seite dieses Elenden, der mir mein Lebensglück gestohle»», ich sah ihn, den Sohn des Juden, als Priester Baals. „Und die andere? Sie, die ich meine schüchterne Taube nannte, sie meine Rebecca, die ich mehr als »nein Leben liebte, ist sie noch meine Tochter?! Nein! die Leute von „der Gaffe" erzählen's sich Einer dem Andern, daß die Tochter Jochai Carmo's, eine Christin geworden, und der Sohn meines Vaters seelig, mein Bruder Eliah, ihn nennt man einen Meschummed. Ö, welch' Unglück hat dieser Verbrecher dort, der heute als Haupt der Christenheit gekrönt wird, über meine Familie, über mich gebracht! „Ich habe mir viermal rasch hintereinander Keriah geriffen um mein Weib, uin meire Kinder, um meinen Bruder, Hab' viermal hintereinander „Schiwe" geseffen, ich habe vier Todtenlichter gebrannt. Aus! — schrie er mit herzzerreiße,»dem Ton — ich habe keine Familie, was bin ich für ein armer unglücklicher Mensch!" „Jochai genug, wir sind im Ghetto!" unterbrach ihn Rüben. 5. Ein leeres Grab. Vor einem von wilden Schlinggewächsen aller Art umrankten und von Unkraut überwucherten Leichensteine, in einer Ecke des Judenfriedhofes zu Toledo, liegt laut jainmernd und schluchzend eine ältliche Frau, deren Gesichtszüge noch immer deutliche Spuren von außerordentlicher Schönheit zeigen. Mit ihren beiden Händen umschlingt sie den Leichenstein und wehklagt in herzbrechenden Tönen. „Eine Schuld muß ich büßen, jammerte sie, eine Schuld, die i ch nicht begangen. Ein Verbrechen schändlichster Art hat mir den Gatten und die Kinder geraubt, hat mir mein Leben vernichtet, u»»d ich, ich bin unschuldig daran. Ich kann, ich darf nicht in die Welt hinaustreten, ich kann, ich darf ihn nicht nennen, den elenden Verbrecher, denn Niemand würde mir Glauben schenken. Man hält mich ja für eine „namenlose Wahnsinnige." „Namenlos? — Da steht ja mein Name auf diesem Leichenstein! Warum liegt unter diesem Leichensteine nicht wirklich die Frau, deren Namen darauf mit großer Schrift eingegraben ist? „Die Erde werde ihr leicht;" steht unter dem Namen, die Erde, die sie bedeckt.... „O! mein Gott, mein Gott, Erbarmen! sie bedeckt mich ja nicht!" schrie die Frau im Uebermaße ihres Schmerzes, sie bedeckt mich ja nicht, ich lebe, ich athme ja, ich liege ja nicht lobt unter der Erde, sondern ich lebe und gehe auf ihr herum und dieses Grab ist leer! „Wo ist »nein Gatte jetzt? Wo meine Kinder. Darf ich sie benn nimmer wieder sehen? Was habe ich de»»n verbrochen, daß ich solch' schweren Jammer tragen muß? „Die Wahnsinnige nennt »nan mich, warum bin ich es d-nn nicht wirklich? all' diese Gedanken, die mir so namen- . oses Weh bereiten, sie alle diese Gedanken wäre ich mit eine»n Male ledig. Und dennoch, nein, es wäre schrecklich, ich könnte ja nicht denken und dann würde ich mir auch meinen Gatten und meine Kinder im Geiste nicht einmal hervorzaubern können." (Fortsetzung folgt.)

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