Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 47. (21.11.1877)
- Date
- 1877-11-21
- Page
- Seite 371 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 371 — nicht die Spottreden und unfläthigen Witze dieser Elenden, i sie ließ sich willenlos, fast bewußtlos rühren, sie betrat ohne Zögern das Haus des Grafen, des Erzbischofs, der sorgfältig die Thüren hinter ihr verschloß. Sie merkte es nicht. Als sie eintrat, suchten ihre Augen nur Einen. „Wo ist mein Gatte? mein Jochai?" — fragte sie mit Hast sich überall umschauend. „Euer Gatte? .... Schöne Sarah, der bin ich heute," erwiderte triumphirend der Wüstling. „Ach, mein Gott! Wo bin.ich hingerathen?" rief Sarah bleich vor Entsetzen, „in welche Falle bin ich Leichtgläubige gegangen?" Das Entsetzliche ihrer Lage erkennend, fiel sie mit dem Ausrufe: „Mein Gatte, meine Kinder! ich bin unrettbar verloren," — oh «mächtig nieder. Der Mond mit seinem fahlen Lichte beschien die arme Unglückliche, die nach langem, vergeblichem Ringen, mit bleichen Lippen, mit schlotterndem hinfälligen Gange, mit irren, glanzlosen Blicken, das Haus des Verbrechers verließ. 4. Der neue Papst. Es war im Monate Juli des Jahres 1119. Wunderherrlich und schön war die Sonne aufgegangen; immer höher stieg sie am Horizonte empor und immer heißer und immer drückender wurden ihrer Strahlen Wärme. Das fühlten nur zu sehr jene beiden Wanderer, die aüf der staubigen einsamen Landstraße dahinschritten, sich zeitweilig das Gesicht vom Schweiße trockneten und dann rasch chren Weg weiter fortsetzten. Eine bedeutende Strecke mochten die Beiden wohl schon zarückgelegt haben, das zeigten ihre beschmutzten Kleider und Schuhe, das zeigte auch ihr müder, immer langsamer werdender Gang. Endlich langten sie vor dem südlichen Thore an, durch welches man in das Innere der Stadt gelangte. Und diese Stadt war Rom, die ewige Stadt genannt. Ein päpstlicher Söldner hatte vor dem Thore die Wache und forderte den beidenWanderern ihreBeglaubigungsschreiben ab. „Hier sind sie, sagte der Aeltere, ich heiße Jochai Carmo, dort mein Begleiter Rüben Erin." „Ihr könnt das Thor pasiiren," meinte der Soldat nach einer Weile, während er die Dokumente ihren Eigenthümern zurückstellte. Die Beiden schritten durch das Thor. „Haltet noch ein wenig," rief der Soldat. Ungeduldig wendete sich Jochai Carmo um, griff in die Tasche und gab dem Söldner ein kleines Silberstück für seine Mühe. „So, sagte er, jetzt hat's wohl seine Richtigkeit und wir können ungehindert vorwärts?" „Hättet es wohl auch ohne Geschenk gekonnt, wofür Ihr übrigens bestens bedankt seid, doch war es nicht dieses was mich veranlaßt Euch zurückzurufen." „Nicht dieses, was sonst?" „Ich wollte Euch einen Rath geben, ihr könnt es übrigens selbstverständlich halten, wie ihr wollt, doch er ist eben nicht schlecht, und da ich sehe, daß ihr fremd seid, so . . ." „Also, welchen Rath wollt Ihr uns geben?" „Es ist heute für Rom und für die gesammte Christenheit ein gar festlicher Tag, sollt ihr wiffen. Alle Arbeit ruht heute. Und wiffet Ihr wohl warum? Der neue Papst wird heute feierlich proclamirt und darum eilt das Volk alles hinüber nach dem Vatican und darum wollte ich Euch rathen, mischet Euch nicht unter sie, wer weiß, es könnte leicht Aergerniß erregen wenn, verzeiht, wenn sich Juden unter das gläubige Volk mengen, denn . . . ., doch wie gesagt, geht lieber hinüber nach Eurem Ghetto, dort werdet Ihr auch bester ausgenommen werden, glaube ich. So dies war mein Rath, Ihr könnt ihn halten wie Ihr wollt, nun Gott befohlen!" „Habt Dank! wir werden uns hienach richten, lebt wohl." Und während der treuherzige Soldat sich wieder auf seinen Posten begab, eilten die Beiden von dannen. Gar hell und feierlich tönen die Glocken von St. Petri's Dome nieder, und alle anderen Glocken von nah und ferne, sie geben Antwort. Mit ihren ehernen Zungen künden sie es laut den Bewohnern Roms und seiner Umgebung, daß soeben der neue Papst gewählt wurde. Und all das Volk, gar festlich geputzt und bebändert, strömt nach Petri Dom, um ihn zu schauen, ihn, den neuen Papst, die neue Leuchte der Christenheit, der dort oben am Balkone des Vaticans, umgeben von seinen Cardinälen und Bischöfen und Edelleuten des römischen Reiches erscheinen wird, um das Volk zu segnen. Und so stehen sie und schauen und warten der Herrlichkeit, die da kommen soll. Und fort und fort tönen die Glocken, als sollten sie durch ihren Klang, all die tausend und abertausend Klänge und Stimmen in der Menschenbrust zum Schweigen bringen, alle jene Stimmen, welche gar rebellisch sich auflehnen wollen gegen die Herrschaft der römischen Curie, jene Stimmen, welche unzufrieden waren mit dem päpstlichen Regime. Als vor einem Jahre Papst Gelasius II. gewählt wurde, da war es gerade auch so, und unter seiner Regierung athmeten die Römer wieder auf. Doch was dem Volke recht, das mar dem Clerus ein Gräuel und deshalb mußte er nach einjähriger Negierung plötzlich sterben. Sie meinten an heftigem Seitenstechen. Und darum strömt auch heute das Volk herbei aus Nah und Fern, um den Nachfolger zu sehen, um auf seinem Antlitze zu lesen, was es zu fürchten, was es zu hoffen hatte, ob die Fesseln noch enger geschmiedet, ob sie gelockert oder gelöset würden. Sie wußten es nicht, diese armen Menschen, daß der neue Papst mehr Priester als Mensch und daher auch mehr dem Truge und dem Haffe, als der Wahrheit und der Liebe huldigte. Und der neue Papst erscheint plötzlich am Balkone des Vaticans, geschmückt mit der goldenen dreifachen Krone auf dem Haupte, gekleidet in ein goldgesticktes weißes Gewand, fast verbleichend in dem weißen Hintergründe des Weihrauchdampfes und der weißen, über ihn hingehaltenen, Kühlung fächelnden Federwedeln. Zwei Kardinaldiakone, voraus das päpstliche Kreuz und gefolgt von den Cermonienmeistern, erscheinen auf dem Balkone. Das Schweigen des Todes herrscht plötzlich auf dem großen Platze. Andächtig war das Volk in die Knie gesunken, hatte das Antlitz tief zur Erde geneigt, als würde es geblendet von dieser unnahbaren Glorie und lautlos hörte es die Worte an, die der zweite Diakon mit lauter, kräftiger Stimme dem Volke zurief: „Ich verkünde Euch eine große Freude. Wir haben einen Papst, der sich den Namen Kalixtus II. gegeben hat, es ist der sehr hervorragende und sehr ehrwürdige Herr Graf Guido von Burgund." Doch kaum war dieser Name ausgeklungen, da ertönte ein markerschütternder wilder Schrei. Es war ein Ton wie ihn nur ein wildes Thier ausstoßen kann, dem man sein Junges raubt. Es war ein unartikulirter, kurz abgebrochener Schrei, der nur eine einzige Sekunde währte, und doch eine Ewigkeit lang wiederhallte, es war ein Schrei des herbsten Schmerzes, der bittersten Verzweiflung, des tiefsten Wehes. Alle schauten nach jener Richtung hin, aus der jener Schreckenslaut gekommen, doch nichts war Außergewöhnliches sichtbar. Und dennoch nicht hundert Schritte vom Vatican entfernt, im Schatten einer halbzerfallenen umgestürzten Säule fand eine erschütternde Scene statt. Am Boden lag Jochai Carmo mit wuthverzerrtem Gesichte, in ohnmächtigen Grimm krampfhaft sich gegen die Gewalt seines Begleiters Rüben Erin wehrend, welcher ihn am Boden festhielt. (Fortsetzung folgt.)