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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-11-21 · N° 47. (21.11.1877) · p. Seite 366

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 47. (21.11.1877)
Date
1877-11-21
Page
Seite 366 (sequence 2)
Language
German
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— 366 — Nun aber versuche Hirsch einmal eine solche Schule in .einer von tausend jüdischen Gemeinden in Rußland, Galizien, Ungarn oder in Jerusalem zu gründen oder vorzuschlagen, da wird ihn Bann und Fluch treffen und alle die bösen Worte, die in sämmtlichen Jahrgängen des I. gegen „Reformer, Leugner der Torah, Verächter der Tradition, Feinde des Judenthums" ausgesprochen sind. Es würden nicht nur eine Million und darüber Chassidim sein, die in die Bannflüche einstimmen, also daß man von wilden, wüsten Fanatikern, geschworenen Feinden aller Bildung sprechen könnte, sondern auch tausend „Misnagdim", im Talmudstudium ergraute, überaus bewanderte, bis ins Kleinste „gesetzestreue" Männer. Wird nun die Partei der deutschen Orthodoxen die Behauptung wagen, die Chassidim seien keine Juden? Wird sie den nicht-chassidischen Rabbinen Jerusalems, Polens, Ungarns sagen: ihr versteht nichts von Schas und Poskim, ihr wißt nicht, was zulässig und erlaubt ist — wir allein wissen es, und wir allein haben haarscharf die Grenze zu bestimmen zwischen den zulässigen Concessionen an die Zeitbedürfnisse u. s. w. und dem gottlosen Abfall oder dem zum Abfall Führenden? Aber solche Behauptung ginge ja noch weit über das hinaus, was Hirsch seinem ihm an Gesetzeskunde und Gesetzestreue gewiß nicht nachstehenden Gegner geboten hat — da steht Einer gegen Einen, hier aber stünde er mit seinem ganzen Anhänge wie je Einer gegend tausend — nicht Abtrünnige, nicht Ame-haarez, sondern tausend große Lomdim, Jereim, Schelemim! Und hätten obendrein diese i h m gegenüber, auf s e i n e m Standpunkte, nicht etwa Vieles, worauf sie sich stützen können; nein, ohne Umschweife gesagt: hätten sie ihm gegenüber nicht etwa Recht?! Die Realschule der Relig.-Gesellsch. hat auf ihre Fahne die Devise geschrieben*) JHK DJ? n"n und sie legt ohne Zweifel diesen Spruch so aus, daß das Lernen der Thora verbunden sein müffe mit „zeitgemäßer Bildung", mit Aneignung derjenigen Kenntnisse, welche die Kinder befähigen, im bürgerlichen Leben einst Beruf und Stellung tüchtig auszufüllen. Sehr schön! so sprechen wir auch; die genannten Gegner aber — sagen wir der Kürze wegen: der polnische Rabbi — bestreitet diese Auslegung des Wortes Derech Erez ebenso wie die Zulässigkeit des Unterrichts in „profanen" Lehrgegenftänden. Er weist hin auf Jore Deah 245, 11, „man unterrichte die Kinder den ganzen Tag und einen Theil der Nacht, damit sie angeleitet werden, Tag und Nacht zu lernen." Lernen aber heißt Torah, wie könnte, sollte, dürfte da nur ein Moment übrig bleiben für irgend welche profane Allotria?! Er weist hin auf I. D. 246,4 Anm., wo zwar die ganz rigorose Ansicht, daß alles Lesen in Büchern profanen Inhalts, in Werken nicht-jüdischer Wiffenschast ein für allemal verboten sei, abgelehnt und allerdings gestattet wird, nebenher, dann und wann, auch in solchen Büchern zu lesen, aber nur für denjenigen, der sich bereits „voll gesättigt hat" mit der Anstalt aus dem Anfänge der 60ger Jahre. Was die preußischen Reglements seit 66 geändert haben, wissen wir nicht, die Zahl von 45 wöchentlichen Schulstunden hat vielleicht reduzirt werden müssen. Das Wesen der Schule ist aber sonder Zweifel intakt geblieben. *) Buchstäblich zu nehmen. Anläßlich der Rothschild'schen Hochzeit zog die Schule mit einer diese Inschrift tragendm Fahne auf. Talmud und Kenntniß der Poskim*) — für Kinder aber darf von einem Beibringen profaner Dinge gar keine Rede sein. Und nun lehrt die Frankfurter Schule ihr Deutsch, Französisch, Englisch, Geschichte, Zeichnen, Physik u. s. w. weder aus hebräischen oder auch nur jüdisch-deutsch?n Lehrbüchern noch auch nebenher, nicht neben der Torah, sondern umgekehrt! Ihre Leiter werden allerdings sagen, ihnen sei die Torah Hauptsache und alles Uebrige Nebending; der polnische Rabbi aber spricht: „eure Reden kümmern mich nicht," und er zeigt auf den Stundenplan; da ist eine kleine Zahl von Stunden für die hebräischen Fächer, die gewaltige Mehrzahl ist für das, was treka. upossul ist **). Darum spricht er sein Anathem gegen eine solche Schule aus, nennt das Ganze Minus we-Epikorssus unb HWö und zieht einer solchen Schule weitaus eine christliche vor, ganz so wie Hirsch das, was er Minus nennt, für weit verderblicher erklärt, als Heidenthum und Götzendienst. Was nun uns betrifft, so sind wir mit allem, was die Schule der Rel.-Gesellschaft anstrebt und wirkt, ganz und herzlich einverstanden; wir haben von unferm Standpunkte aus ein Recht dazu. Denn wir abrogiren freilich nicht den Schulchan Aruch brevi manu, wollen auch keinen neuen machen, aber wir geben ihm unser Urtheil nicht gefangen, wir reserviren uns das Recht, nach der absoluten Berechtigung der einzelnen Paragraphen zu fragen. Und wenn nun, wie bei den oben citirten, eine Begründung nicht in der schriftlichen Lehre und nicht in der sinaitischen Ueberlieferung zu finden ist, auch nicht in bündigen und bindenden Beschlüssen oder in zweifelloser und sonst unanfechtbarer Auslegung und Anwendung von Bestimmungen jener Art—***) dann sagen wir, jene Aussprüche sind den Anschauungen der Zeit ihres Ursprungs entfloffen, heut sind andere Anschauungen berechtigt und andere Verhältnisse erheischen gebieterisch andere Maßregeln, und da diese wohl dem Buchstaben des Schulchan Aruch, mit Nichten aber dem Geiste der Lehre und des Gesetzes in Israel widersprechen, so richten wir Schule und Unterricht nach bestem Wiffen und Gewiffen ein. Und mit dieser Ansicht, mit dieser Erlaubniß des Profanunterrichts, sind wir ja in Uebereinstimmung mit so vielen Großen und Frommen, die schon vor bald hundert Jahren eben so gelehrt und gethan haben. Wir halten diese unsere Ansicht für eine orthodoxe, unfern Standpunkt für einen gesetzestreuen. Wie aber kommen die Hirsch, Lehmann u. s.w. dazu, eine Schule so einzurichten, wie es in Frankfurt geschehen ist? Sie dürfen doch gegen die einmal „codifizirten" Sätze nicht auf- und eintreten! Hat z. B. vr. Lehmann die Drucklegung des „Immanuel" für verboten erklärt, weil R. Josef Karo nach seiner Privatansicht dies Buch Or. Eh. 307 unter die verbotenen subsummirt, so möchten wir wohl wiffen, wie er Weltgeschichte anders als aus hebr. geschriebenen Büchern lehren lassen kann! *) R. Mose Jfserles rechtfertigt bekanntlich sich selber noch in seinen Gutachten darüber, daß er sich mit profanen Wissenschaften nebenher zu beschäftigen wage — er studire sie auch beileibe nicht aus fremden Büchern, sondern nur aus hebräischen, von Frommen verfaßten. **) Nach dem erwähnten Stundenplan kommen in der untersten Klasse 7 Stunden auf Hebräisch, 19 auf Profanes; in der obersten Knabenklasse 14 und 31. ***) Einige kurze Erörterungen hierüber im nächsten Literaturblatt.

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