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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-11-14 · N° 46. (14.11.1877) · p. Seite 363

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 46. (14.11.1877)
Date
1877-11-14
Page
Seite 363 (sequence 7)
Language
German
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363 — Der Schwan von Toledo?) Historische Erzählung von Ad. v. Zemlinszky. 3. Ein Verbrechen. Jene Zeit, in welcher unsere Erzählung handelt, es war um das Jahr 1101, hatte der Civilisation und dem menschlichen Sittengesetze noch so wenig abgelauscht, noch so wenig abgerungen, daß sie fast ausschließlich nur von Rohheiten und Gewalttaten aller Art Zeuge war. Ausschweifungen und ungezügelte, leidenschaftliche Aus» schreituugen standen auf der Tagesordnung, und kaum ein Tag verging, an dem nicht neue Schandthaten erzählt wurden. Hauptsächlich waren es die Patrizier, welche an dem Marke des Bürgers zehrten und durch ihre Frevelthaten berüchtigte Namen erwarben. In einem Schankhause auf dem Marktplatze von Toledo hatte sich eine Gesellschaft toller zügelloser Edelleute eingefunden, welche die Nacht zum Tage machten und wacker drausloszechten. Gar manche Kanne Wein war schon geleert, und noch wollte dem Zechen kein Ende gemacht werden. „Hört!" rief plötzlich einer von ihnen, es war Hugo von Crema, mit weinschwerer Zunge, „wir haben heute des Nektars genug verkostet, lasset uns jetzt diese Bude verlassen und versuchen, nach Bachus auch der Venus ein wenig zu fröhnen." „Ei fürwahr, er spricht wie Cicero," entgegnete Cencio Montecasso, ,/uchen wir dieses vielbegehrte Glück auf. — Oder noch bester, warum uns mit Suchen befaffen, ich glaube, ihr kennt den Gegenstand, dem wir unsere Huldigungen darbringen wollen vollkommen. Und wenn ich den Namen nenne, so seid ihr gewiß einverstanden." „Laß hören!" Kennt ihr die schöne Sarah, das Weib des Juden, der uns sein Geld leiht, wenn das unsere den Weg alles Fleisches gegangen ist, was wohl leider nur zu häufig vorzukommen pflegt. Doch Unsinn, was frage ich noch, wer von euch hätte diese großen schwarzen, so begehrlich dreinschauenden Augen, die in der Nacht gleich Glühkäfern leuchten, nicht gesehen, wer von Euch hätte sich nicht schon hundertmal gewünscht, diesen kleinen Purpurmund mit seinen zwei Reihen weißer Perlenzähne zu küssen, und wieder zu küssen nnd so fort bis in alle Ewigkeit. — Ei, was soll ich Euch beschreiben, Euch, die ihr dies Ebenbild weiblicher Schönheit und Tugend kennt. Hört meinen Plan! Ihr findet Sie jedenfalls ebenso begehrenswerth, wie ich, und deshalb soll sie demjenigen zufallen, der sie gewinnt, und alle Andern müssen ihr Wort geben, getreulich mitzuwirken, um den Glücklichen zu seinem Treffer zu verhelfen, ob durch List, ob durch Gewalt, gleichviel! Seid ihr einverstanden?" „Einverstanden!" jubelten sie alle diese betrunkenen Edelleute. Und sie machten sich an's Werk diese Elenden, an's Werk, besten Ziel das Elend mehrerer Menschenleben, die Zerstörung eines reinen glücklichen, vom Hauche des Lasters noch unberührten Familienslebens sein sollte. Schwarze Kugeln wurden in einen leeren Weinbecher geworfen, darunter eine weiße gemengt und das Spiel um Glück und Ehre einer Frau begann. Ein Ausruf des Fluches und der Verwünschungen folgte jedesmal sobald eine schwarze Kugel gezogen wurde, dem auch regelmäßig ein homerisches Gelächter der Andern begleitete; endlich kam die weiße Kugel zum Vorschein und aufjubelten sie Alle. „Hab' Dank, Frau Fortuna!" frohlockte derjenige, dem der Trester zugefallen war; es war Graf Guido von Burgund, Erzbischof von Vienne in Frankreich; „Hab Dank, daß Du mir die Palme des Sieges zuerkennst, es soll mein letztes Abenteuer sein als lustiger Cavalier, denn *) Nachdruck verboten. UcbersetzungSrecht Vorbehalten. mistet Freunde, der Zweck unserer heutigen Zusammenkunft ist der, Euch mitzutheilen, daß ich von jetzt an gezwungen bin, endlich nach Frankreich zurückzukehren und mein Amt anzutreten, dort ein beschauliches Leben zu führen. Oh! ohne Sorgen Freunde, ich muß der Welt entsagen, nicht aber — ihren Freuden und Genüssen. Also tröstet Euch und ich hoffe Euch dereinst als Herrscher der Christenheit meinen brühwarmen Segen übersenden zu können. Und wenn ich auch kein Papst werde — Bischof bin ich jedenfalls schon heute, Dank meinen glorreichen Ahnen und Dank dem Papste in Rom, der mehr auf einen Hausen Gold als auf ein in Schweinsleder gebundenes Brevier sieht, und folglich bin ich auch ein ordentlicher Pfaffe, der die Güter dieser Erde vollkommen zu würdigen versteht, weil sie eben dazu geschaffen wurden, um arme Sterbliche zu beglücken, zu erquicken. Und darum freut es mich doppelt, daß dieses pikante Abenteuer gerade mir von der Glücksgöttin übertragen wurde." Und die Cavaliere verließen die Schenke, bogen nach rechts über den Marktplatz hinüber, um in jenen Theil der Stadt zu gelangen, welcher den Juden zum Aufenthalte diente. Noch hatten Sie nicht besprochen, wie sie ihren schändlichen Plan ausführen wollten, als ihnen der kupplerische Zufall selbst zur Hilfe eilte. „Seht!" rief einer der Wüstlinge, „dort läuft uns das Wild entgegen, nach dem wir unsere Netze auszuwerfen gedachten." Und in der That, Sarah, das Weib des Juden Jochai Carmo, kam eiligen Schrittes den Nachtschwärmern entgegen. „Verschwindet jetzt!" rief der Graf von Burgund mit leiser Stimme, „damit mein Treffer nicht verfluchtet," und alsbald befand er sich allein auf der Straße mit der schönen Sarah. „Wohin so eilig! schöne Frau," zu solch ungewohnter später Nachtstunde?" — redete er Sarah an, „darf ich Euch düs Geleite geben?" „O! laßt mich, edler Herr, meines Weges ziehen, ohne Aufenthalt, mein armes Kind ist zu Hause plötzlich krank geworden und eilig muß ich Hilfe holen, soll mir mein Kind in Hitze nicht vergehen, soll ich das Aergste nicht befürchten." „Und warum geht Ihr so allein, so ganz allein zu solch später Nachtstunde? Warum begleitet Euch keine Magd, oder warum bleibt Ihr nicht bei Eurem Kinde, und Euer Mann holt Hilfe?" „Mein Mann! das ist ja eben das Unglück, er ist nicht hier, befindet sich auf Reisen, er sollte heute wieder zurückkehren, er kommt vielleicht erst Morgen." „Wie? Ihr habt keinen männlichen Schutz in Eurem Hause?" „O! doch, meines Mannes Bruder wacht auch bei meinem Kinde, Elieh Carmo, versteht sich etwas auf die Heilkunde, und wird wohl eher, wenn es meinem Kinde schlechter gehen sollte, was Gott behüten möge, das geeignete vorkehren — denn ich. — Aber jetzt Herr haltet mich nicht länger auf." „Arme Frau," sagte der Graf, das Unglück sucht Euch schwer heim. — Habt Ihr nicht den Namen Carmo genannt?" „Es ist der Name meines Mannes." „Dann seid Ihr doppelt zu bedauern!" „Zu bedauern, weil Carmo mein Gatte ist, und weshalb?" „Sagt, ist es Euch nicht ausgefallen, mich hier in diesem Viertel zu treffen?" „Ich wollte Eure Behausung aufsuchen, um Euch ein» Mittheilung zu machen, welche gewiß nicht dazu angethan ist, Euer Herz mit Freude zu erfüllen." „Mein Gott, was sollen Eure seltsamen Worte, Herr? Was habt Ihr mir zu künden? Sprecht!" „Ich will's Euch sagen, schöne Frau, doch erschrecket nicht. Jochai Carmo — ist — heute — von seiner Reise — zurück .. .." „Zurückgekehrt?" sagt Ihr, wo ist er? Warum kommt er nicht zu seinem Weibe, zu seinen Kindern? O, lagt's! Foltert mich nicht länger." (Fortsetzung folgt.)

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