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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-10-31 · N° 44. (31.10.1877) · p. Seite 347

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 44. (31.10.1877)
Date
1877-10-31
Page
Seite 347 (sequence 7)
Language
German
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Viceconsul in Vertretung des erkrankten Genralconsuls, (unter dessen Schutz die Schule steht,) waren anwesend. Mit der Gedächtnißfeier war ein Prüfung der 52 die Schule besuchenden Kinder verbunden, dieselbe erstreckt sich auf Hebräisch, Deutsch, Arabisch und Französisch. — Es ist erfreulich, daß die Schule, welche bekanntlich bei ihrer Gründung durch vr. L. A. F r a n k l aufs Heftigste angefeindet wurde, jetzt bei den Nabbinen in gutem Ansehen steht. (Schaare Zion.) Feuilleton. Der Schwan von Toledo?) Historische Erzählung von Ad. v. Zemlinszky. Eine arme Mutter. In Castiliens Hauptstadt, in Toledo, dort, wo die Leute von „der Gasse" ihren Aufenthalt angewiesen haben, dort in einer kleinen niederen Stube, ist Schmerz und Verzweiflung eingekehrt. Schmerz und Verzweiflung — gar traurige Gäste, gar gewichtige Wörter im Buche des Lebens. Ein düsteres Bild ist es, welches wir genöthigt sind unseren geehrten Lesern zu zeigen. Eine Mutter, eine verzweifelnde Mutter, am Bette ihres kranken, dem Sterben nahen Kindes. Sie weint nicht, sie betet nicht, ihr Auge ist troken, fieberhaft gerölhet, und nur von Zeit zu Zeit kann man an dem krampfhaften Aufschluchzen sehen, daß diese Frau des Jammers, der Verzweiflung, Beute ist. Olwiedassch ui erzt, wiedasbrennt, dieAugen trocken und Thränen, heiße Thränen im — Herzen. Vergebens hat ne alle Hitfe herbeigerufen die nur zu ' finden mar, um das Leben ihres 16jährigen einzigen Sohnes zu erhallen, es war umsonst. Er war dem — Tode verfallen. Doch das Mutterherz — es wollte nicht an solch schreckliche Wahrheit glauben. Er mußte leben, er durfte nicht sterben, er war ja ihr Alles, ihr Einziges auf dieser Welt. Dieser Sohn — er durste nicht ft erben. Ein kleines etwa 6jähriges Mädchen hat ihr blondgelocktes Köpfchen ermüdet auf das Kissen des sterbenden Knaben gelegt und — war eingeschlummert. Welch' großartiger Contrast zwischen diesen beiden Kindern! Der Jüngling, eine Beute des Todes, mit eingefallenen bleichen Wangen, fahlen Lippen und weitgeöffneten glanzlosen Augen, die ausdrucklos starr im Gemache umherirrten, und dieses kleine Mädchen — das Bild des Keimens, des Lebens, ahnungslos im ruhigen Schlummer gewiegt. Wie nahe mochten sie wohl in ihren Gesinnungen zueinander gestanden haben! und jetzt, nur wenige Momente noch, sie sollten für immer von einander getrennt sein. Viele Tage und Nächte hindurch saß die Mutter bereits am Bette ihres kranken Lieblings, dem Ebenbilde ihres geliebten Gatten, den sie vor wenigen Jahren nach dem „guten Orte" hinaustrugen. Heute siegte die Erschöpfung über den Willen dieser Mutter und eine wohlthätige Ohmacht nahm ihre Sinne gefangen. — — — Und sie erwacht, und sie erlangt ihr Bewußtsein — ihre Besinnung wieder. Ihr thräneuumflortes Auge sieht hin nach dem Bette ihres einzigen Kindes. — Geht es ihm besser? hat Gott Segen geschickt, hat er der armen Mutter Trost gespendet?! Wehe! — Vor dem Bette sieht sie einen Mann stehen, es ist El iah Carmo, ihr Nachbar, der Onkel des blondgelockten ktemen Mädchens. — Er neigt sich über die bleiche Gestalt ihres Sohnes, er legt weiche Da.unenfedern ihm auf Mund und Nase, — er läßt keinen Blick von ihm, er neigt sich wieder zuihm, er horcht mit größter Anspannung seiner Hörkraft, seine Lippen lispeln Gebete, Thränen entquillen seinen Augen, er deckt ein Leinentuch über das starre Antlitz, stellt ein brennendes Licht zu Haupten des Bettes. Was hat dies zu bedeuten?- „Wo ist mein Sohn, mein Abgott?" schreit die Frau im Ton der Verzweiflung, „gebt mir meinen Sohn!" Schweigend zeigte Eliah auf die verdeckte Gestalt im Bette. Da mit einmal umzieht ein Lächeln des Wahnwitzes das bleiche abgehärmte Gesicht der armen Mutter. „Jehuda" sagte sie, „gieb Du mir doch Antwort, wenn schon Alle mich verlassen, gieb Du Antwort mir, gieb sie Deiner armen, armen Mutter, der Du ihr einziger Trost, ihre einzige Freude bist." „Er hört mich nicht, er will mich nicht hören," schrie sie. „Jehuda, sprich doch zu mir, zu mir, Deiner Mutter!" Und mit einem einzigen Rucke hatte sie das Leinentuch vom Körper ihres Sohnes hinweggezogen und starrte in das bleiche Gesicht mit den eingefallenen Augen— ihres to dten Sohnes. Da schien es für einenen Moment, als wenn sich diese Frau ihres Elendes, ihres Jammers, in seiner ganzen-nackten gräßlichen Wirklichkeit bewußt würde. „Jehuda, treuloses Kind, mein süßer, stolzer Engel, er ist tobt! Alle in läßt Du mich zurück mit meinem gebrochenen Herzen, allein läßt Du mich zurück auf der Erde mit nieinem Grame. O! Jehuda, was hat Dir Deine arme Mutter gethan. Habe ich nicht für Dich genug gesorgt, mich nicht gekümmert, habe ich Dich denn nicht geliebt, geliebt mit dem Blute meines Herzens? Jehuda!-Oeffne Deinen lieben großen Augen, die mir stets so freundlich, liebevoll entgegenstrahlten, wenn Du Abends nach angestrengter Thätigkeit die heiligen Bücher schlossest, öffne noch einmal Deine Lippen und sprich zu mir in jener liebevollen sanften Weise, in der Du es so sehr Deiner Mutter gegenüber gewöhnt warst." „Vergebens, vergebens, er hört es nicht, er ist todt, todt mein Jehuda!" „Doch nein, nein! noch ist Hoffnung, er kann ihn retten, er muß ihn retten." Und ihrer plötzlichen Eingebung folgend, eilte sie in wahnsinniger Hast aus dem Gemache. Sie eilte hinab über die Stiege, zum Hause hinaus, mitten auf die Straße. — „Nehmt, nehmt, betet für meinen Jehuda, betet für meinen tobten Sohn, und mit beiden Händen schleudert die arme Mutter — reiche Geschenke unter die Menge, welche sich um sie herum angesammelt hatte. „Höre Israel!" ruft sie, „rette meinen Sohn, der todt und kalt jetzt, rette ihn, gieb mir ihn lebend wieder, damit ich seinen starren Leib an das warme Mutterherz legen kann, um ihn zu wärmen, rette ihn, denn sonst wehe, sonst entzünde ich einen Wellenbrand im Hause Israel! Was ist der Glaube, was ist der Gott der Juden, unser Gott, wenn er nicht einen Todten lebend machen kann!" „Haltet sie auf, sie frevelt gegen Gott," riefen die Leute untereinander. — „Laßt sie!" riesen wieder Andere, der Schmerz hat ihren Geist umnachtet. — „Nehmt das Geld, nehmt, nehmt, aber für meinen Jehuda müßt ihr beten, damit ich ihn lebend und gesund sehe," ruft sie wieder, und abermals streut sie Geld unter die Menge, dann will sie hastig vorwärts, der Synagoge zu. (Forts, folgt.) y Nachdruck streng verboten! Uebersetzungsrecht Vorbehalten.

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