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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-10-24 · N° 43. (24.10.1877) · p. Seite 339

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 43. (24.10.1877)
Date
1877-10-24
Page
Seite 339 (sequence 7)
Language
German
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— 339 bensjahre durchgelebt hätte, nicht ans der schönen „Gasse" und dem lebhaften „Mokom" (Marktplatz) hrrausgekommen, und er wäre endlich gestorben, ohne Prag, die schöne Hauptstadt seines Landes, jemals gesehen zu haben. Da mar aber einmal ein Oroch (Gast) aus Prag gekommen, der auf seiner Reise nach Mähren sich in Bumsel über Samstag amhiell und in „Schul" neben Schinnl Peßi zu sitzen kam. Mußaf dauerte gewöhnlich zwei Stunden Wer kann aber zwei Stunden continuirlich leten? Dem „Orach" blieb also Zeit genug fnr's „Schmusen" übrig, und so erzählte er denn auch seinem Nachbar manche Geschichte vom „Hohen Neb Leb" aus Prag mtb von dem „Golem", dem er Leben eingehancht und welchen nian bis auf diesen Tag noch auf dem Boden der Altneuschul zu Prag in Form eines Lehnchanfens liegen sehen kann Bon diesem Augenblicke an hatte Schmul Nichts mehr als den Golem im Kopse. Seine aufgeregte Phantasie, die ihn von der Schul bis nach Hause begleitete, blieb auf seinen sonst gesunden Magen nicht ohne Wirkung; er aß heule zwei Mal so viel als an einem andern Sabbath, nämlich außer dem „Gesetzten" noch eine halbe „Kugel" und ein halbes „ZwetschemBobele" und obschon er nach der Kugel nicht länger als eine Stunde geschlafen hatte, rieb er sich schon um zwei Uhr die Augen, wusch sich die Hände und war so heiterer Laune, als wäre er der Prophet Elias, und im Bewußtsein, sein Magen könne nun vierzig Tage und vierzig Nächte ohne Speise und Trank und seine Augen ebenso lange ohne Schlaf bleiben, fühlte er sich so rüstig, daß er meinte, er könnte es mit dem losgelassenen Golem ausnehmen und ihn wie einen gemeinen Baalspriester hinschlachten. „Lea, mein Kind!" sagte er zu seiner besseren Hälfte, „heute Abend, noch Hawdolo, sowie das Kerzchen im Wein erstickt ist, bringst Du niir Stock und Laterne herein, du sagst mir „Jeworechccho" nach und ich gehe auf Reisen, Morgen früh um sechs Uhr bm ich in Prag." „Schmul-Leben, ist Dir Etwas durch den Kopf geschossen? Wie heißt, Du willst Schbäßenacht (Schabbeszunacht) nach Prag zu Fuß laufen, als müßtest Du von Schlichus (Botenlohn) leben? Es schickt Dich doch Niemand heute fort; also kannst Du ja irgend einen Tag in der Woche wählen und meinetwegen auf einer „Gelegenheit" oder gar mit der Post nach Prag fahren. Wer kann mit Weibern Chochmos ausreden?" erwiderte Schmul ärgerlich, „Hätte ich zu Dir gesagt: ich gehe morgen, Sonntag, früh nach Prag, so würdest Du höchst wahrscheinlich die Bemerkung gemacht laben, warum ich nicht ebenso gut gleich nach Hawdolo aufbreche, da ich doch einen ganzen Tag ersparen könnte. Also stör' mir nicht meinen Öneg Schubbos (Sabbathwonne). Schweig' lieber und ärgere mich nicht; denn ich muß niorgen Vortags in Prag sein." Lea schwieg jetzt. Eine weitere Entgegnung hätte auf Schmul Peßi wie ein rothes Fähnlein gewirkt. Sogar nach Hawdolo, da er eigenhändig die Glasscheibe am Laterncnihürchcn eingedrückt und zerbrochen, — ein böses Omen für einen „Schbäßzunacht-Reisenden", — wagte Lea kein Sterbenswörtchen mehr und ließ ihn bescholom (in Frieden) nach Prag wandern. Bis Mitternacht war die Reise eine höchst angenehme; er hatte erst geistliche, dann weltliche Lieder gesungen, und sich dadurch Kurzweil verschafft. Da nahte die Geisterstunde. Nun theilte sich aber seine Straße gabelförmig; die eine führte rechts, die andere links. Was thun? Er überlegte eine Weile, stellte die Laterne auf den Boden und sah bald nach der einen, bald nach der andern Richtung. „Alle Wege führen nach Rom", sagte er endlich, hob seine Laterne auf und wollte nach der rechten Seite einbiegen als ein Luftzug durch die zerbrochene Scheibe drang und die Flamme ausblies. Schnell drehte er sich um, um die volle Breite seines Körpers dem Lichte als Schutzwand gegen den Lustzug entgcgenzusetzen, und blies aus allen Kräften in den noch glimmenden Docht. Vergebens; alle Anstrengungen waren umsonst. Ueber das Licht hatte er nun in der Finsterniß vergessen, daß er „Kehrt um" gemacht, und ging, die Laterne unter seinem Arme tragend, weder rechts noch links, sondern auf der alten Straße vorwärts. Vorwärts, sage ich? O nein; erging, ohne es zu ahnen, rückwärts. „Alle Wege führen nach Nom", tröstete er sich nochmals, „und wenn nlich diese Straße anstatt um sechs erst um zehn Uhr nach Prag bringt, werden sie mich auch noch das Thor passiren lassen." Unverdrossen marschirte er so die zweite Hälfte der Nacht weiter auf der Straße, die direkt nach Bunisel führt. Schon graule der Morgen. Die ersten Morgenlüfte fächelten ihm liebliche Waldesdüste zu, das Zischen der Vögel stimmte ihn ganz rosenfarbig. Ueber dem Horizont lag ein dichter Nebel. „Vielleicht", dachte er, „bin ich Prag viel näher als ich berechne. Dieser Nebel sieht wie eine weißseidene Schlafmütze aus; denn eine so große Stadt ist nicht so rührig wie mein Bumsel. Unter dieser Schlafmütze steckt Prag und schläft so in den späten Tag hinein. Vielleicht bin ich der Erste, der die Prager aus ihrem Morgenschlafe wecken wird." Und als die ersten Sonnenstrahlen die Nebeldünste verscheucht hatten, lag wirklich eine Stadt vor ihm, und Schmul Peßi konnte den schönen Thurm nicht genug bewundern, welcher wie ein schlanker Eichenbaum aus der Kirche hervorwuchs. „Gottes lebendige Wunder!" rief er angenehm überrascht aus; „ganz wie Bumsel! Unser „Thorm" und dieser hier sehen sich so ähnlich wie zwei Eier!" r Im Mokom angelangt, siel sein erster Blick auf das Bild des heiligen Johannes von Nepomuk, des böhmischen Märtyrers. Entsetzt blieb er vor 'dem steinernen Standbilde stehen. „Vor Wunder soll man leben!" sagte er; ich möchte schwören, daß der Prager und der Bumsler Heilige Zwlllingsbrüder sind. Wie klein ihm die Jndengasse und erst die Schul vorkam, seine Enttäuschung bei dem Anblick der so weithin berühmten Altneuschul, die weit mehr für Bumsel als für Prag paßte, das läßt sich mit Worten nicht wiedergeben. „Schämen sollten sich die reichen Prager Juden die Augen aus dem Kopfe, wenn sie auf ihr Gotteshaus nicht mehr verwenden können oder wollen, als wir BumSler Schnorrer! Wetten möchte ich, daß kein anderer als der Bumsler Baumeister diese Schul gebaut hat! Ganz wie in Bunisel!" sagte er höhnisch. Nicht weit von der Schul blieb er endlich vor einem Hause stehen, das ihn anheimelte, weil cs wie ein photographisches Bild seines eigenen Hauses in Bumsel aussah, und aus purer Neugierde trat er ein und stieg eine Treppe hoch. Lea Peßi war nicht nur eine wackere Haushälterin, sondern auch noch eine fromme Frau. Das konnte Jedermann sehen, der in früher Morgenstunde in ihre Stube trat. Vor ihr lag eine dickleibige Tefilla, und vor der Tefilla stand der Kohlentopf, auf welchem die Milch siedete, die sie zum Frühstück brauchte. Während sie andächtig betete, warf sie zeitweilig einen Blick nach der aufwallenden Milch; denn die Tefilla ist nur gewöhnt Thränen, nicht aber überlaufende Milch aufzunehmen. Lea durfte, als sie Schmul eintreten sah, sich nichl unterbrechen; sie hielt ja mitten in der Schemone Eßre. Schmul aber ließ seiner Zunge freien Laus. Um seinem Aerger über sein Weib, das ihm nach P r a g n a ch g e l a u f e n war, h andgre iflichen Ausdruck zu geben, stieß er im Zorn den Milchtopf um. „Hör' auf mit Deinem ewigen Geplapper! Ist Bumsel schon nit mehr gut für Dich, daß Du mir auf dem Fuß bis nach Prag folgst?" (Y. Jsr) .■ ti ■■■■:! h*:1' -!! ■ Ä I l ' "

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