Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 42. (17.10.1877)
- Date
- 1877-10-17
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- Nossen 1× ep/1045325
- Tunis 1× ep/1048155
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— 331 chischen Behörden seien von der Sache unterrichtet imb auf ihrer Hut. Aus Kiew wird dem „Berl T." geschrieben: Ich weiß nicht, ob Ihnen der eigentliche Grund der letzten hiesigen Judenhetze bekannt ist. Hier wird erzählt, sie sei dadurch entstanden, daß jeder der neu angeworbenen Soldaten einem alten Hierlands bestehenden Soldaten-Vorurtheil gemäß, um Glück in seiner neuen Laufbahn zil haben, vor Antritt seines Dienstes vorerst einen Juden dnrchzuprügeln hatte und man sagt, daß, als die Gensdarmerie aufgeboten wurde, um dem Treiben der jungen Vaterlandsverlheidiger ein Ziel zu setzen, diese an die Erinnerungen der alten Soldaten appellirten, von denen doch auch dereinst jeder seinen Juden durchgcprügelt Hütte, und der Kravall erst bewältigt werden konnte, bis jeder der jungen Krieger sich für seinen neuen Beruf entsprechend vorbereitet hatte. Es soll uns nicht wundern, wenn „Germania" und „Deutsche Landeszeilung" auf Grund dieser Mittheilungen die russischen Juden, die sich den Mißhandlungen der Soldateska zu entziehen suchten, für alles Unglück verantwortlich machen und sie des Landesverralhs beschuldigen — glossirt das Witzblatt „Ulk". London. Die bekannte Wohlthäterin Baronin Burdett Coutts hat 200 Pi. St. nach Constantinopel zur speziellen Verwendung für die jüdischen Opfer des Krieges gesendet. London, 7. October. Voll dem mit der Vermessung des. westlichen Palästina's beschäftigten Lieutenant Kitchener ist, wie der Vorsitzende des betreffenden Vereins, Mr. Hepworth Dixon, bekannt macht, gestern ein Telegramm eingelaufe», welches die Vollendung des Werkes anzeigt. Kitchener war mit seiner Gesellschaft im Januar abgereist, um noch etwa 1000 englische Quadratmeilen im Norden und 200 im Süden zll vermessen. Vor Ende dieses Jahres wird die Expedition in London wieder eintreffen. Aus Marocko und Tunis hat die „All. Jsr. Ulliv." Bericht über Excesse gegen Juden erhalten. Der muhamedanische Fanatismus ist eben durch den Krieg wachgerufen, und wie während der Kreuzzüge ein st iv ei len die Juden todtgeschlagen wurden, so mißhandelt der afrikanische Moslem vorläufig seine Juden, da er keine Russen zur Hand hat. Süd-Afrika. Im Port Elisabeth ist am 2. Sept. eine neue Synagoge, welche ein sehr schönes und stylvolles Gebäude genannt werden darf, eingeweiht worden. Die Bevölkerung, an der Spitze der Mayor, die Geistlichkeit u. s. w., nahmen an der Feier herzlichen Antheil. (I. Chron.) F e u i l l c l o». Spindlers „Jude."") Eine „Frankfurter Erinnerung." An der Wirthstafel des Gasthofes zu Weidenbusch in Frankfurt am Main sprach nian im Herbst 1827 eine Woche hindurch fast ausschließlich von der Juden gaffe. Ten Anlaß bot der damals neu erschienene Roman von Carl Spindler „Der Jude, deutsches Sittengemälde ans der ersten Hälfte des 15. Jahrhnllderts", denn diese Dichtung hatte ihren Hauptschauplatz in dem Frankfurter Ghetto, und Zodik, die Titelfigur, wohnte in der finstern Gasse, die um jene Zeit alle in der Reichsstadt ansässigen Bekenner mosaischen Glaubens ausschließlich beherbergte. Zu den Stammgästen des „Weidenbusch" zählte ein penfionirler Major. Die schwierige Aufgabe, sein quiescirtes Dasein unthätig zu verbringen, suchte er dadurch zu lösen, daß er sich ohne große Anstrengung fortwährend Abwechselung des Umgangs verschaffte. Er miethete sich in dem erwähnten Gasthofe ein, hatte bei lebhafter Frequenz nun alle Tage neue Gesellschaft an der Tafel und was ihm nun noch *) Nachdruck nur mit Angabe der Quelle gestattet. zu wünschen übrig blieb, leisteten Küche und Keller, auch einem verwöhnten Gutschmecker, wie Frankfurt sie mehrfach erzog, denn Börne's berühniter „Eßkünstler" stammt auch aus der alten Kaiserstadt. Dem Major war bei Tafel soviel von dem neuen Roman Spindlers erzählt worden, daß er gleich nach der Rückkehr auf sein Zinnner dieselben zu lesen beschloß. Auf sein Glockensignul erschien der Hausknecht und empfing den Auftrag, Spindlers „Juden" zu holen. Vor 45 Jahren waren die „gebildeten" Hausknechte noch nicht erkunden. Kenntniß und Literatur besaßen die Leute nicht, welche mit Bürste und Klopfstock hantirten, denn das Einzige, was sie zu lesen bekamen, waren das Gesangbuch, Briefadressen und ebenfalls — Erbsen und Linsen. Wie sollte also der Weidenbusch-Wichsier „Spindlers Inden" kennen? Den Major näher zu fragen, wagte er aus Respect vor dessen erprobter — Höflichkeit nicht, also nahm er das Adreßbuch zur Hand, um sich nach den Juden Spindler umzusehen. Sein schlauer Gedanke führte ihn denn auch richtig znm Ziel; in der Judengasse wohnte ein Mann ganz ähnlichen Namens Der Hausknecht klopfte an dessen Thür mit der Frage: „Wohnt hier der.Jude Spindler"? Die Antwort lautete: „mein Raine ist allerdings beinahe derselbe, aber ich bin kein Jude. Sie suchen gewiß, meinen Nachbar gegenüber im dritten Stock?" Aehnlich jenem Officierburscheu, welcher einen Schuhmacher holen syllle und eine Waschfrau brachte, blos wegen einer Verwechselung der Hausnummer, dachte auch der We'denbusch- Diener: „So ist es doch immerhin ein Jade, und einen solchen hat mir der Major zu bestellen aufgetragen," — und überbringt dem bezeichneten Manne seine Botschaft. Bei aller Mißstimmung über die lange Zögerung mußte der Major laut lachen, als er statt des ersehnten Buches einen lebendigen Juden erscheinen sah, der ihm mit großer Eloquenz den Inhalt seines Tabulett Kastens, Zahnbürsten wird Seifenkttgeln anpries. f " „Guter Freund, es ist ein Jrrthum, ich bedarf nichts dergleichen, der Esel von Hausknecht hat mich nlißoerstanden." „Lassen Sie einen alten Mann nicht umsonst gehen den weiten Weg; kaufen Sie mir ab ein klernes Loos für die Frankfurter Lotterie." Der Major nahm und zahlte das Gebotene, war's auch nur um den Alaun los zu werden. Dann ließ er den Oberkellner rufen, bestellte durch ihn in der nächsten Leihbibliothek den neuen Roman und kam nach wenig Minuten in seinen Besitz. Wer die Spindler'sche Dichtung kennt, wird es erklärlich finden, daß der alte Officier Essen und Trinken über dem Lesen vergaß. Die ganze, vor 40 Jahren in der Literatur spukende Schauer-Romantik ist in dem Werke ausgemalt, Zodik ist eine Figur, wie sie Sue und Dumas nicht grauenerregender geschaffen, und ein alter Krieger hat oft das Bedürfniß, „sich aus dem Fundamente zu gruseln." Der Major las die Nacht durch und, als er folgenden Tages zur Tadle d' Hole kam, hatte er den dreibändigen Roj man absolvirt. Jetzt konnte er „mitspcechen," und alles Lob was die Tisch ge nossen reichlich dem Buche gespendet, wurde von dem Officier überboten, denn „der Teufel sollte ihn lothweise holen, wenn er jemals eine solche Lectüre gehabt." Drei Tage nachher stellte sich auf seinem Zimmer der alte Tabulett-Krämer wieder ein. „Gottes Wunder, Herr Major, haben Sie ein großes Glück, haben Sie auf ihren Loos-Antheil sechstausend Gulden gewonnen." Am folgenden Abend trug der „schlaue" Hausknecht einen Geldbrief zur Post, adresfirt an den Schriftsteller Karl Spindler in Karlsruhe. Der Major schrieb dem Dichter des Romans, daß und wie er durch denselben zu einem unverhofften Glücke gekommen, und übersandte dem Versaffer des „Jaden" die Hälfte seines Lolteriegewinnes. D. M.