Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 36. (5.9.1877)
- Date
- 1877-09-05
- Page
- Seite 287 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 287 — nerschule werden am 2. Septbr. beginnen. Es sind zwei Aufrufe erlassen zur Sammlung 1) von Beiträgen, behufs Verleihung von Stipendien an unbemittelte Studenten, 2) von Büchern für die Seminarbibliothek. Es heißt in demselben: „Wie das Gebäude der Nabbinerschule, allen Fortschritten der Bautechnik entsprechend, zum Schmucke unserer Landeshauptstadt gereichen wird, so sollen die Thätigkeit und die Leistungen im Innern zur Ehre und Hebung des Judentbums und mittelbar Ungarns beitragen. Ausgerüstet mit der Quellenkunde unserer Religion und der wissenschaftlichen Bildung seiner Zeit, soll der in der Anstalt gereifte Rabbiner in Wort und Schrift mit treuer Gesinnung und geläutertem Geschmacke auch in der Sprache des Vaterlandes für die heilige Sache eintreten können, zu deren Hütung und Förderung er berufen ist. Männer, in deren Vorleben und Wirken die Gewähr der Treue liegt, mit der sie dem Judenthum anhangen, werven auf dem Wege zu diesem Ziele ihm Lehrer und Vorbild sein. Durch dcn hochherzigen Beschluß unseres erlauchten Landesvaters tritt hier eine Anstalt in's Leben, wie sie in gleicher Stellung und Unabhängigkeit in keinem Lande bisher vorhanden war." Ferner sind die Statuten der Anstalt veröffentlicht worden, enthaltend 1) Organisation und Lehrplan, 2) Studien- und Disciplinordnug, 3) Bestimmungen fürdenLehrkörper, 4) Synagogenordnung, 5) Bibliotheksorduung. Warschau. In verschiedenen Zeitungen war, neben mehreren türkischen Generalen und Staatsmännern und vielen anderen berühmten Leuten, auch Mehemed Ali Pascha als Jude bezeichnet worden. Seit den neuesten Tagen von Plewna cursirte wieder die ganz bestimmte Angabe, besagter Mehemed heiße eigentlich Freund, stamme aus Warschau und stehe noch mit einem dort lebenden Bruder oder Onkel, Manasse Freund, in Briefwechsel. Ein Correspondent der „Jüd. Pr." kann mit Bestimmtheit angeben, daß die Geschichte erfunden sei. (Die „Magd. Ztg." beweist, daß M. A. ein geb. Magdeburger sei, aus der Familie Detroit.) — Man wird bei diesen Varianten des „ewigen Juden" immer wieder an „jenen Pollack" erinnert, der in Leipzig mit einem Landsmann ein Affentheater besuchte, und während Letzterer sich vor Lachen ausschüttet, ernst und sirnulirend dasttzt, bis er endlich den Nachbar anstößt: „Mosche, jetzt habe ich's heraus; der Große, der die Gewaltsprünge macht, ist auch ein Jüd!" In Suranowo, wo vr. Rapoport Bürgermeister ist, waren auf dessen Anordnung die Häuser der Israeliten am Geburtstage des Kaisers sämmilich illuminirt. die Polen dagegen verharrten in Finsterniß und kümmerten sich weder um Kaiser noch Bürgermeister. Palästina. Von Lieutenant Kitchener, dem Chef der Forschungsexpedition in Palänina, liegen Berichte vor. Gegenwärtig wird Galliläa durchforscht. Es sind zwei bisher unbekannte Synagogen aufgefunden. Aus Eski-Djuma schreibt der Kriegs-Corresp. des „R. W. T." über die von Palästina zur türkischen Armee gestellten Bataillone: „Bemerkenswerth ist es indeß, daß das Bataillon von Jerusalem im Gegensatz zu den übrigen Tabors, welche je 8 Compagnien formtreu, deren 10 zählt, und daß die beiden überzähligen durchwegs aus Juden der heiligen Orte gebildet sind. Doch darf man ja nicht denken, daß eS die Hefe der israelitischen Bevölkerung ist, welche sich in das Heer einreihen ließ, im Gegentheil befinden sich unter den Freiwilligen Banquierssöhne, junge Kaufleute, Studenten, welche so in drastischer Weise den Beweis liefern, wie sehr sie mit den in Glaubenssachen so toleranten Muselmanen harmoniren, und daß sie sich, obwohl von Kriegsdiensten befreit, doch verpflichtet fühlen, mitzukämpfen für den Fortbestand des Staates, als dessen Bürger sie sich betrachten. Diese zwei aus Israeliten formirten Compagnien, welche sich in der Uniform von ihren mohamedanischen Kameraden nur wenig unterscheiden, haben ihren eigenen Feldprediger und bereiten auch ihre Speisen strenge nach dem vorgeschriebenen Ritus. Der letzte Jude. (Fortsetzung.) , Man traf auf dem Friedhofe ein. Die Träger lenkten den Sarg schweigend zur Erde. Ernsten Blickes trat Ehrenfried heran. „Da ruhen sie nun, die Todten", sagte er, auf die weiten Reihen der Schlafenden deutend. „Dunkel und einsam ist ihr Haus. Sie ruhen aus von jahrzehntelanger Arbeit, von all den Sorgen und Mühen des irdischen Lebens. Mögen da oben die Stürme brausen, das Meer wüthend an seine Ufer peitschen, mögen Völker sich befehden und vernichten, Tyrannen freie Völker in Ketten schlagen, da unten schwindet die Tyrannei. Da unten lind alle menschlichen irdischen Verhältnisse aufgelöst. Hier der Greis, der lebensmüde, das Haupt von silbernem Haare längst umkränzt, an seiner Seite der hoffnungsvolle, liebeglühende Jüngling, den ein eisernes.Schicksal hinwegriß aus den heißen Armen der Braut, dahingerafft in der Blüthe seines Lebens. Daneben die kaum erblühende Jungfrau, an ihrer Sette das unschuldige neugeborene Kind. — Doch schlafet nur still, ihr Todten, ruhet aus in dem vielerwünschten, endlich gefundenen Frieden. Auch euer Schlaf ist kein ewiger. Himmlische Boten werden euch nahen mit geheiligter Hand an dies stille, dunkle Haus klopfen und euch zu einem neuen ewigen Leben erwecken. Uns aber, die wir euch heute noch beklagen, euch Trauerlieder singen und Erde auf Eure Häupter häufen, wie wenige Spannen Zeit trennen uns noch von euch! Vielleicht schon morgen steigt dieser oder jener zu Euch hinab, doch Alle hegen wir mit euch die Hoffnung auf ein neues glücklicheres Leben; wo ewig vereint, in wonnigen goldenen Auen ein ander Sonnenlicht die Seligen umstrahlt. Alle, die Gott erkannt und auf Erden nach seiner reinen unverfälschten Lehre gelebt, kehren ein in das Himmelreich. Weder dieser Ort, noch die starrsinnige Hand eines sündigen Menschm werden dir deinen Platz im Kreise der Seligen zu rauben vermögen.. Er konnte nicht weiter reden; schon beiden letzten Sätzen hat sich ein Gemurmel erhoben, das jetzt urplötzlich zum Lärm, die entstandene Bewegung zum Getümmel anschwoll. „Der Antichrist! Steinigt ihn! Steinigt ihn!" und andere Zurufe wurden laut und störten in frivoler Weise die heilige Ruhe der Schlafenden Eine wilde Rotte, an der Spitze Jäkel, drang laut schreiend mit erhobenen Händen, in denen man wirklich hin und wieder Steine blicken sah, auf den Redner los, der sie ruhig, ernsten Blickes herannahen sah. An diesem ruhigen Blick prallte die wilde, die fanatisirte Rotte zurück; Keiner wagte es, Hand an ihn zu legen, zumal sich man von allen Seiten das Bestreben kund gab, Ehrenfried zu schützen. Selbst die Frauen und Jungfrauen, deren Gunst der junge Kaplan sich längst erworben hatte, weil sie ihn gern reden hörten , die heute auch zahlreich erschienen waren — selbst Jäkels einzige Tochter Marie befand sich unter ihnen — schaarten sich um ihn und hätten ihm kein Leid zufügen lassen. Doch als Ehrenfried Miene machte, seine Rede weiter fortzusetzen, da ertönte plötzlich ein gellender Schrei von einer Mädchenstimme. Alles blickte nach der Richtung hin, wo»,er der Schrei gekommen war, da sah man ein zartes Mädchen von einem Steine, der augenscheinlich dem Kaplan gegolten, schwer aufs Haupt getroffen, todtenbleich zu Boden sinken. „Mord, Mord!" riefen die Umstehenden. „Mein Kind, mein einzig Kind!" hörte man mit herzzermalmendem Tone Jemand rufen. Die Menge vertheilte sich. Mit wild verstörtem Antlitz und stieren Blicks, ohne Kopfbedeckung, das spärliche Haar im Winde flatternd, rannte ein Mann schweißtriefend an die Unglücksstätte „Mein Kind, mein armes Kind," jammerte er, „ich Unglückseliger habe Dich getödtet! Höre mich, Maria!" rief er außer sich. „Ach stoße mich nicht von Dir. — Kennst Du mich nicht mehr? Ich bins ja, Dein Vater — der Dich liebt. O, sieh mich an, — nur ein einzigesmal — wenn ich nicht verzweifeln soll. O, sie ist todt — todt!" Es war Jäkel, der unter Thränen an der enseelt daliegenden Hülle seiner Tochter in diese Worte ausbrauch.-