Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 36. (5.9.1877)
- Date
- 1877-09-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 36. 1877. 8. Jahrgang. Wschen-Schrist für die religiösen und soeialm Interessen des Judenthums. Erscheint jeden Mittwoch ».kostet sammt dem allwöchentlich erscheinenden „Jüd. Literaturblatt" von Rabb. I)r. M. Rahme r bei allen Postämtern u. Buchbandlungcn vierteljährlich 8 Mark 30 Pf. Mit direkter Zusendung : in Deutschland 12 Mk. (7 fl.); nach dem AuSlande: 15 Mk. <18 FrcS.) jährlich. Einzelnummern der „Wochenschrift" » 25 Pf. deS „Literaturblatts" » 15 Pf. Beraimvoctlicher Redakteur und Herausgeber Rabbiner Dr. X TreuenfclL in Stettin. Magdeburg, 3. September. Inserate für die „Wochenschrift" oder daS„Literaturblatt" werden mit 2 0 Pf. für die dreigespaltene Petitzeile, oder deren Raum, berechnet. Bei Wiederholungen Rabatt. Alle Annoncen-Expeditionen besorgen Aufträge, — Die Inserat« sind bis Sonntag einzusenden direct an: Die Expedition der „Jsr. Wochenschrift" in Magdeburg. Inhalt: Leitende Artikel: Zum Jahreswechsel. — Der beschränkte Wahlmodus bei Bildung der isr. Vorstände im Großherz. Hessen. Berichte und «Korrespondenzen: Deutschlanv: Stettin. Von der Oder. Colberg. Schönebeck. Karlsruhe. Oesterreich: Prag. Rumänien: Bukarest. Türkei: London Vermischte u. neueste Nachrichten r Schlawe. Höxter. Hamburg. Pest. Warschau. Suranowo. Palästina. Eski-Djuma. peuilletonr Der letzte Jude. (Fortsetzung.) Inserate. Wochen- Septembr. 1877. Ellul. 5637. Kalende^. Mittwoch . . . 5 27 Donnerstag. . 6 28 Freitag .... 7 29 Sonnabend . . 8 1 Tischri, Rosch haschana5638 Sonntag . . . 9 2 Roschhaschana2. (E. 7,11) Montag.... 10 3 | Zorn Gedaljah. Dienstag . . - U 4 Zum Jahreswechsel.*) Das Neujahrsfest findet diesmal die Israeliten in Europa und Amerika, in allen an der Gesammtbewegung der Begebenheiten betheiligten Orten, ebenso wie die Mitbürger alle, in gedrückter Stimmung. Ein Krieg, voll von Blut und Gräuelthaten hüben und drüben, das Ende noch nicht abzusehen, der die Gefahr allgemeiner kriegerischer Verwickelungen drohend im Hintergründe erscheinen läßt. Zerwürfniffe im Innern der meisten Länder, Kämpfe zwischen den religiösen, politischen Parteien und zwischen den Volksklaffen, ein immermehr wachsender Haß, Hader, das Ende nicht abzusehen, und der eine friedliche Ausgleichung, ein einträchtiges Zusammenleben in immer weitere Ferne gerückt erscheinen läßt. Und wen diese allgemein menschlichen und etwas mehr idealen Jntereffe nicht berühren, der empfindet doch den Druck, der auf allen materiellen Jntereffen ruht, das Stocken aller Geschäfte, „die schlechten Zeiten", wovon unter Tausenden kaum Einer unberührt bleibt, deren Ende, deren Wendung zuni Besieren auch noch nicht abzusehen ist. Das israelitische Neujahrsfest ist allerdings nicht dazu bestimmt, über die politische Weltlage, über nationale, kirchenrechtliche, gewerbliche und geschäftliche Dinge nachzusinnen. Stellen wir eine Rund-, Aus- und Emschau am Roschhaschanah an, so soll sie sich nach ganz anderen Gesichtspunkten wenden, als nach denjenigen, welche täglich unsere Zeitungen beschäftigen. Aber sowie das Gebet um NO2-IL, um das tägliche Brod, doch auch zu den Neujahrgebeten gehört, wie es selbst am ersten Tage in diesem Jahre (Sab- *) Im Leitart. der vor. Nr. l. in der 4. Zeile getraut statt getrennt. bath), wo es sozusagen offiziell (in 133^0 1V2K) ausgewiesen ist, dennoch zu manchen Hinterthüren sich wieder eindrängt, -,o Ms. doch keinem gewehrt und keinem verargt werden können, wenn er des Zeitverlaufes auch in ordinürst-materiellem Sinne, am Neujahrstage gedenkt. Aber in dem höchst-idealen Sinne, von dem aus das Judenthum an den heiligsien Tagen in das Weltganze, d. h. in die Menschheit Hinausblicken lehrt, drängt sich das Bild der trüben Gegenwart erst recht auf und tritt in den Vordergrund. Auf diesen höchst-idealen Standpunkt stellt uns ja das erhabenste der Neujahrsgebete: „Gib, Ewiger unser Gott, Ehrfurcht vor Dir in das Herz aller Deiner Geschöpfe, daß sie vor Dir sich beugen, daß alle einen Bruderbund bilden.>um Deinen Willen zu thun mit ganzem Herzen, damit das Unrecht schwinde und Bosheit und Hochmulh wie Rauch dahingehe-" Wir sind von diesem Ideal der israelitischen Religion noch weit entfernt. Aber noch mehr! Man kann ganz frei sein von lhörichtem Preisen vergangener Zeiten, von armseligem Verkennen des Großen, was die Neuzeit geschaffen hat, von zelotischem Geifern über die Schlechtigkeit der Menschen unserer Tage überhaupt und der Juden insbesondere — und man darf, man muß doch sagen, daß wir der Erfüllung jenes Neujahrsgebetes ferner gerückt sind, als in der jüngsten Vergangenheit. Denn wir durften bis vor ziemlich kurzer Frist sagen (und wir mochten uns wohl des rühmen), daß die Weisen und Edlen, daß die auf den Höhen des Menschenthums Stehenden insgesammt mit uns jenes Gebet als das schönste und würdigste, unsere messianische Lehre uud Hoffnung in Wahrheit als Ziel und Krone der weltgeschichtlichen Entwickelung anerkannten. Mochte man auch das Streben der Friedens-