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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-08-29 · N° 35. (29.8.1877) · p. Seite 279

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 35. (29.8.1877)
Date
1877-08-29
Page
Seite 279 (sequence 7)
Language
German
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versetzen würde. Nehmen wir an, ein Kaufmann in Salonica erhält einen großen Auftrag auf Pflaumen. Der Landstrich, welcher diese liefert, liegt 200 Meilen (engl) entfernt. Er gibt nun einem reisenden Juden, der mit dem Lande gut bekannt ist, die nöthigen Gelder zum Einkauf der verlangten Waare. Der Mann zieht mit dem Gelde ab und kömmt mit der Waare erst nach einem vielleicht nach zwei Monaten wieder. Ich lernte einen Kaufmann kennen, der auf diese Weise 27000 Pf. St. unterwegs und keine Maaren dafür in seinem Magazin hatte; seine einzige Sicherheit lag in der Ehrlichkeit der jüdischen reisenden Kaufleute; aber der ganze Einkauf kam sicher auf Lager und zu rechter Zeit. Die reichen Juden sind gegen die Armen wohlthätig: Ich sah hier, aus dem Fenster des britischen Consulats, vor dem Hause der HH. Allatini jeden Morgen zahlreiche Arme versammelt, welche Geld und sonstige Unterstützung in Empfang nahmen. Auch werden von den Damen Nähschulen unterhalten, man sucht der Armuth in jeder Weise abzuhelfen." Kovstantinopel, 23. Aug. Der Gouverneur von Adrianopel meldet, daß mehr als die Hälfte aller Juden in Kasanlyk von den Bulgaren ermordet worden seien.*) Feuilleton. Der letzte Jude. (Fortsetzung.) Mit gespanntester Aufmerksamkeit war der ans Krankenbett gefesselte Pfarrer dem Berichte Jäkels über die freisinnige — oder wie er sie bezeichnete „gottlose" — Predigt des Kaplans gefolgt. Jäkel mußte seinen, natürlich stark übertriebenen, denunziatorischen Bericht zu Papier bringen. Der Pfarrer las ihn mit sichtlichem Behagen nochmals durch, ließ sich die Feder reichen, kritzelte noch einige Worte darunter, faltete das Ganze in Briefform, ließ von Jäkel die Adresse darauf schreiben und entließ diesen mit den Worten: „Nun, der wäre glücklich beseitigt." Einige Tage darauf kam ein hochgestellter Geistlicher aus der Residenz nach Nolandsau. Der Kaplan wurde zu ihm in das Pfarrhaus beschieden. Sie waren beide allein im Zimmer, auf dem Schreibpulte des Pfarrers lag der vom Pfarrer eingesandte Bericht Jäkels. Ein längeres Verhör begann, das wie folgt endete: „Sie gestehen also zu, diese gotteslästerliche Rede, welche die Kirche auf das Tiefste herabwürdigt, von heiliger Stelle herab gehalten zu haben? „Abgesehen davon, daß sie durchaus nicht Gotteslästerliches enthält, und der Bericht in dieser Beziehung Vieles übertrieben, hinzugefügt, ja hinzu erfunden hat, bin ich mir des Gesagten wohl bewußt. Ich halte den Priester ebensogut für einen Bürger des Staates, als den Laien, und da ist seine erste Pflicht der Gehorsam. Ich will nicht, daß die Gemeinde, der ich zum Theil vorstehe, aufgereizt durch falsche Lehren, sich Hinreißen läßt zu Widerstand gegen Gesetz und Recht. Ich will nicht, daß dieser Gemeinde, die Worte Gottes, die Lehren unserer heiligen Religion, falsch gedeutet und gelehrt werden. Ein wahrer Priester soll den Verirrten den Weg zum Guten und Rechten weisen. Das habe ich grthan, mehr nicht. Und ich glaube ebensowohl und ohne Pflichtverletzung hierin als Priester meiner Kirche, denn als Bürger des Staates gehandelt zu haben!" „Ich sehe leider, daß Sie'sich auf einem Irrwege befinden, doch ich bin nicht gesandt, mich in weitere Erörterungen einzulaffen. Die Kirche ist der Hort des Priesters — nicht der Staat. Ihr Herr und Ihr Gesetz ist Rom. Da Sie sich gegen das Gesetz aufgelehnt, so sind Sie auf An¬ *) Daß die russenfreundlichen Blätter auch die „Magd. Zeit." — Diese Depesche gar nicht bringen, ist charakteristisch. ordnung Sr. Eminenz bis auf Weiteres vom Amte suspendirt!" _ , , . Eine tiefe Bläffe überzog das Gesicht Ehrenfrieds, und ohne ein Wort der Erwiderung verließ er das Zimmer. Siebentes Kapitel. In dem sonst so ruhigen Rolandsau gab sich seit der Absetzung des Kaplans eine eigenthümliche Bewegung kund. Die Parteien standen sich schroffer als je gegenüber und der Pfarrer that nichts — die Gemüther zu beruhigen. Seine Predigten waren nach wie vor lange tets a tetes mit der Hölle und Zeterrufe über den Verfolgungskrieg gegen die heil. Kirche. Man erwartete mit jedem Tage ein Gewitter, aber es war nur entfernter Donner, welcher die schwüle Luft erzittern machte. Ein Ereigniß der letzten Woche war es, welches viel Aufsehen erregte und die Gemüther erbitterte. Pickmus — der ehrliche Pickmus, der eifrigste Gegner der Jesuiten — war mit dem Todte abgegangen, ein Schlaganfall hatte ihn plötzlich getödtet. Der Pfarrer der ihn haßte, einmal deshalb, weil er nie seine Predigten besuchte, und dann weil er als Gegner der Jesuiten, als Freisinniger, bekannt war, wies den, um das kirchiiche Begräbniß nachsuchenden Hinterbliebenen einen Platz an der äußersten Kirchhofsmauer an, dort, wo man sonst Selbstmörder oder auf den Straßen verstorbene unbekannte Subjecte zu beerdigen pflegte; gleichzeitig verweigerte er das kirchliche Geläute und die erbetene Grabrede. Die ge sammle Einwohnerschaft gerieth in Bewegung, überall sah man Gruppen eifrig disputirender Bürger. Man ließ harte, bittere Worte gegen den Pfarrer und die Jesuiten fallen, die man auch hier wieder als die alleinige Ursache hielt. Die Mildthätigkeit des Verblichenen, sein gerader, offener Sinn, seine Sorgsamkeit für das Wohl der Gemeinde waren zu bekannt, als daß man nicht allseitig für ihn hätte Partei nehmen sollen. Auch Ehrenfried, der vom Amte dispensirte Kaplan, gehörte zu ihnen. Es that ihm wehe,daß ein Mann,den er längst als rechtlichen trefflichenBür« ger und edlen Menschen erkannte, beschimpft und entehrt an der Seite von Verbrechern im Grabe ruhen sollte. Aufgeregt über diese Handlungsweise eilte er zum Pfarer, um ihn von diesen harten Verfahren abzubringen. Der Pfarrer war erstaunt, den Kaplan bei sich eintreten zu sehen, noch mehr muchs.das Erstaunen, als er den Grund des Besuches vernahm. „Pickmus starb als Ketzer — und als solcher werde er begraben" lautete die harte Antwort des Pfarrers." Ingrimm malte sich auf Dem Gesichte Ehrenfrieds, und seine Hände zogen sich krampfhaft zusammen: „Ihr verweigert also meine Bitte!?" „Es bleibt bei meinem Ausspruch, und nur wer mit dem Verstorbenen eines Sinnes war, kann mir zumuthen, gegen mein Gewissen, gegen die Gebote der Kirche zu handeln." Mit tiefem Schmerz über solche geistliche Verirrung verließ Ehrenfried die Wohnung des Pfarrers. Als er auf der Straße ankam, traf ihn eine Deputation der Bürger, ihm die Bitte entgegenbringend, den Verstorbenen zur Ruhe zu geleiten. Ohne zu bedenken, was er that, nur von seiner Ueberzeugung geleitet, sagte er ungeachtet seiner Dispensation zu, welche Thatsache die Aufregung im Dorfe natürlich nur vermehrte. Die Stunde des Begräbniffes kam heran. Wohl drei Viertheile der gesammten Einwohnerschaft, Männer und Frauen, hatten sich vor dem Trauerhause eingefunden. Der Bürgermeister ließ der Sicherheit wegen Wachen aufstellen und den Zug begleiten. Zur bestimmten Stunde trat Ehrenfried mit der Deputation, welche ihn abzuholen gekommen war, aus dem Hause. Nachdem der Bürgermeister ihn aufs freundlichste begrüßt, schritten sie durch die Straßen, dem Trauerhause zu. Unterwegs wurden vereinzelte Stimmen, unter denen man die des Jäkels ganz besonders heraushören konnte, laut: „Wir wollen keinen Ketzer! das ist kein Geistlicher! Nieder mit ihm!" (Fortsetzung folgt)

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