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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-08-22 · N° 34. (22.8.1877) · p. Seite 271

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 34. (22.8.1877)
Date
1877-08-22
Page
Seite 271 (sequence 7)
Language
German
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Corfu. Ein Neuter'sches Telegramm meldet, daß der Oberrabbiner eine warme Ansprache an die Juden der Insel gerichtet und sie aufgefordert hat, als Freiwillige in die griechische Armee einzutreten und das gemeinsame Vaterland zu vertheidigen. Es herrscht das beste Einvernehmen zwischen Christen und Juden auf Corfu. Aus Adrianopel wird der „Times" berichtet: Unter den bulgarischen und türkischen Juden, die von Ecki Zagra her flüchten, herrscht entsetzliches Elend. In hiesiger Gegend befinden sich 10000 bis 15000, darunter 500 Verwundete, viele von ihnen sterben auf der Landstraße vor Hunger, Durst und Erschöpfung hin, alle sind von allem Lebensbedarf gänzlich entblößt. Man sendet die Flüchtlinge nach Constantinopel und Adrianopel. An ärztlicher Hülfe und an Pflege für die verwundeten Soldaten ist großer Mangel. (Das Cen- 1ral-Comit6 der All. isr. univ. in Paris hat soeben eine Subscription zur Unterstützung dieser Unglücklichen eröffnet und ersucht alle Localcomit6's, schleunigst Sammlungen zu diesem Zwecke zu veranlassen.) Feuilleton. Der letzte Jude. (Fortsetzung.) Als Alfred in heftiger Erregung seine Mutter verlassen hatte, machte er sich auf den Weg nach Nolandsau. Er wollte zu Willner. Dieser mußte Näheres über Nosa's Aufenthalt wissen, und zu ihr drängte es ihn, ihr war er Erklärung über sein Benehmen schuldig, sie sollte aus seinem Munde erfahren, daß er unschuldig an dem ganzen „Schauspiel" gewesen, das so leicht ein Trauerspiel für ihn werden konnte, daß er derselbe sei in seiner Gesinnung, in seiner Treue, in seiner Liebe gegen sie, daß sein ihr gegebenes Versprechen ihm heilig sei, dem er auch die Erfüllung werde folgen laßen. Wie und auf welche Art er sein Wort einlösen werde, wie die religiöse Kluft, die ihn von Rosa trennte, überbrückt werden solle, das war ihm noch unklar, nur daß er sein Wort einlösen wolle, stand bei ihm fest. Während diese Gedanken ihn beschäftigten, hatte er sich Rolandsau genähert, vor ihm lag die Kirche des Ortes und das Volk strömte in auffallend zahlreiche Weise in dieselbe. Er erkundigte sich nach der Ursache und erfuhr, daß der unbeliebte Pfarrer in der Nacht plötzlich erkrankt sei, und daß der junge Kaplan Ehrenfried mit der Predigt zum Hauptgottesdienst beauftragt sei. Wie ein Lauffeuer hatte sich das Gerücht durch den Ort verbreitet und wer nur irgend abkommen konnte, war nach der Kirche geeilt, um den freisinnigen Kaplan einmal reden zu hören, von dem man wußte, daß er die damals in der Residenz auftauchenden reformatorischen Ideen, darunter die der Civilehe mit aller Beredtsamkeit vertheidigen würde, im Gegensatz zu dem Pfarrer, der sie als „Ausgeburten der Hölle" in seinen fanatisirenden Predigten bisher verdammte. Auch Alfred trat ein. Die Kirche war bis auf den letzten Mann gefüllt. Die Worte „Wolltest Du ein Opfer, ich brächte es Dir dar; an Brandopfern hast Du keinen Gefallen" aus der heil. Schrift bildeten den Text der Predigt. Nach einer kurzen religiösen Einleitung ging er zur Frage der Gegenwart — zur Besprechung der Civilehe und der daraus resultirenden Mischehe — über. „Nur in Ruhe und Frieden kann der Geist des Menschen fortschreiten — das Volk im Glauben erstarken und der Staat will durch weise Gesetze dem Volke diesen Frieden geben. Man stellt diese Gesetze als entsittlichend und demoralisirend hin! Welche Beweise will man Euch dafür geben! Ein Volk, das nicht bereits entchristlicht und demoralisirt ist, meine Freunde, das wird es durch die Civilehe und confessionellen Gesetze nun und nimmer werden! Sie sollen uns ja nichts schaffen, als gesetzliche Zustände, sie sollen den ewigen j Hader, ob evangelisch, ob katholisch oder jüdisch, aus der Frage der I Eheschließung und des Gemeindelebens verbannen, und wenn sie bei gemischten Ehen die kirchliche Handlung ersetzt, so ist dies bei Weitem noch keine Entchristlichung und Demoralisation. Gott und den Glauben im Herzen, das ist die Hauptsache. Kann man nicht mit derselben Ehrfurcht und derselben Liebe im Herzen vor den bürgerlichen Richter treten, der doch auch Gottes Stellvertreter ist, und in seiner Hand den Schwur ewiger Treue ablegen? Sind alle Diejenigen, so in anderen Staaten durch die Nothcivilehe vereint wurden, deshalb entchristlichte, demoralisirte Menschen geworden und sind aus diesen Ehen nicht eben so gut würdige Glieder der menschlichen Gesellschaft entsprossen? „Es ist die Pflicht des Staates, der seine Bürger zu schützen hat, für alle eine gleiche, rechtsgültige Form zu schaffen, und da die Kirche die bisher geübte kirchliche Handlung einem Theile seiner Unterthanen versagt, so ist es ihm eben Pflicht, einen Ersatz dafür zu schaffen. Aller Zwang in Gewissenssachen muß damit fallen; die kirchlich nicht anerkannte Ehe erhält bürgerlich dieselben Rechte als die nicht anerkannte. Dem Staate sind alle Bürger und Unterthanen gleich, mögen sie nun Katholiken, Evangelische, Griechen oder Juden sein, Alle haben ihm gegenüber dieselben Pflichten; er ist verbunden, ihnen unbedingt auch gleiche Recht e zu gewährleisten. TerStaat besitzt kein geringes Interesse daran, daß er an Ehe und Hausstand sich eine Pflanzstätte aller bürgerlichen Tugend erziehe, und daß diese Quelle eines gesunden Staatslebens nicht durch kirchliche Widersprüche getrübt und vernichtet werde. Die Weihe-Segnung der Ehe bleibt der Religion unbenommen; sie hat also darauf hinzuwirken, daß dieselbe in möglichst vielen, ja wenn möglich in allen Fällen der bürgerlichen Trauung folge. Das Frauengemüth wird sich niemals mit der bloßen Civiltrauung begnügen. Die Kirche kann — nach wie vor — in Fällen, wo fie gerechte Bedenken hegt, eine bürgerliche, zu Recht bestehende Ehe auch kirchlich einzusegnen, die Vornahme der heiligen Handlung, verweigern. Andererseits aber bin ich sicher, daß jeder bei der vorgenannten Erleichterung nicht verschmähen wird, die religiöse Weihe seines Ehestandes als eine durch Jahrhunderte begründete Sitte auch fernerhin fortbestehen zu sehen. Die Kirche wird keineswegs riesige Anstrengungen zu machen brauchen; es genügt, daß ihre Diener die heilige Scheu vor der Religion als solche erhalten und selbst als treffliches Beispiel ihrer Gemeinde in allen Tugenden voranleuchten, dann, meine Freunde, wird kein Glied der Kirche an das Unterlassen der kirchlichen Weihe beim Eingang eines Ehebundes denken und die Civilehe wird das sein, was sie sein und werden soll, ein Fortschritt auf dem weiten Felde des freien Geistes!" Nachdem der Kaplan der Gemeinde den Segen gespendet, verließ die Menge das Gotteshaus. Auf den Gesichtern der Männer las man frohe Begeisterung für die behandelte Frage. Auf Alfred hatte sie einen ganz besonders tiefen Eindruck hervorgebracht. Er sah den Dämmerstrahl der Hoffnung am Himmel seines liebenden Herzens aufgehen, er sah den Lichtstreifen, der ihm den Ausweg aus dem dunkeln Dickicht verworrener Pläne zeigte. „Gesegnet sei der Schritt, den ich in dieses Gotteshaus gethan! — jubelte es bei seinem Austritte aus derselben in seinem Herzen. Ja auf diesem Wege kann Rosa vor Gott und Menschen die Meinige werden, darum soll und wird sie es auch." Mit leuchtenden Augen und freudeglänzendem Antlitz verließ er die Kirche und setzte beschleunigten Schrittes den Weg zu Willner's Wohnung fort. Gleichzeitig mit ihm trat auch Jäkel aus der Kirche, der hinter einer Säule stehend im Aufträge des Pfarrers die Predigt des Kaplans aufmerksam verfolgen sollte; auf einem Seitenwege eilte er schleunigst nach dem Pfarrhause, wo er das Gehörte brühwarm berichtete. (Fortsetzung folgt.)

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