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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-08-15 · N° 33. (15.8.1877) · p. Seite 263

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 33. (15.8.1877)
Date
1877-08-15
Page
Seite 263 (sequence 7)
Language
German
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— 263 — Eine von hiesiger königl. Polizeidirection am 21. Juni d. I. erlassene Forderung schreibt im § 41 vor: „Im Schritt muß gefahren werden: in der Nähe der Kirchen während des öffentlichen Gottesdienstes an Sonn- und Festtagen; an anderen Tagen, sowie hinsichtlich der Synagoge, nur dann, wenn der Gemeindegottesdienst durch eine in die Augen fallende Tafel mit der Aufschrift „Schritt" örtlich angezeigt ist." — Die Polizeidirection hat daneben den Landrabbiner aufgefordert, für die Anbringung der betreffenden Tafel Sorge zu tragen. Hier, wo die staatliche Anerkennung nicht fehlt, ist man auch nicht gewohnt, sich nicht berücksichtigen zu lassen. — Die betreffende Bestimmung der Fahrordnung ist speciell der Intervention des Gemeindevorstehers O. G. A. B e n f e y zn danken, dem die Polizeidirection bereitwilligst engegen gekommen ist. Heilbronn Dem Herrn Rabbiner Dr. Engelbert wurde von seinen Freunden als Ehren- und Festgeschenk für die bei Einweihung der Synagoge gehaltene meisterhafte, gediegenene Festrede ein werthvoller silberner Tafelaufsatz überreicht. Wien. Der Vorstand der hies. „Jsr. Allianz" hat die Anwesenheit des rumän. Minister Cogalnitscheanu benutzt, um ihm durch eine Deputation die Wünsche wegen Verbesserung der Lage der rum. Juden mündlich vorzutragen. C. versprach (sich?), nach seiner Rückkehr den Juden Rumäniens Recht, Schutz und ein besseres Loos zu gewähren. — Wie dem „Extrablatt" telegraphisch gemeldet wird, wurden in Kassalnik, das die Russen räumen mußten, nicht nur viele Türken, sondern auch eine große Anzahl Juden grausam hingeschlachtet. Feuilleton. Der letzte Jude. Sechstes Kapitel. (Fortsetzung.) Wo weilt in der That Rosa? — dürfte mancher Leser fragen und ebenso begierig wie Lämchen und Graf Alfred sein, ihren Aufenthaltsort zu erfahren. Wir hatten sie in dem Augenblicke verlaffen, da sie bei der Proclamirung der Verlobung Graf Alfreds mit der Gräfin Clotilde auf dem Balle ohnmächtig zusammenstürzte. Von Master Captens starken Armen mehr getragen als geführt, verließ sie den Saal und wurde in des Letzteren Gespann im Trabe fortgeführt. Als Master Capten neben ihr in dem Wagen Platz genommen und Rosa's bleiches Haupt an seinen Schultern lehnte, war das begleitende Dienstpersonal an der Wagenthür etwas stutzig geworden, man glaubte doch mehr als die Erfüllung einer bloßen Ritterpflicht darin zu erblicken; und als gar die in den Saal Zurückkehrenden auf Befragen berichteten, Rosa sei in Gesellschaft des fremden Herrn bei Nacht davongefahren, so raunte der böse Leumund sich allerhand Bemerkungen über weibliche Pfiichtvergessenheit ins Ohr. Rosa erwachte erst von ihrer Ohnmacht, als der rasch dahinfiiegende Wagen bei dem großen Hammer- und Walzwerk, das Master Capten käuflich an sich gebracht, vorbei in das Gehöft hineinfuhr und da vor einer Thür hielt. „Wo bin ich?" fragte Rosa die Angen öffnend und zum Schlage hinausblickend. „Unter gutem Schutze", erwiederte Master Capten sanft. „Fühlen Sie sich stark genug, um auszusteigen? Sie sollen hier in meinem besten Zimmer ausruhen. . . ." Rosa ließ ihn nicht ausreden. „Wie, ich? Im Hause eines Fremden, mir erst seit wenigen Stunden Bekannten? Was muthen Sie mir zu, mein Herr? O, ich weiß es, fügte sie sich besinnend hinzu. Sie meinen es gut mit mir, Sie waren der Einzige, der sich in meiner schweren Herzenspein meiner annahm, als Alle mich verließen, zürnen Sie mir nicht, wenn ich zu hastig war. Sie sind ein Ehrenmann, Sie werden meine Bitte erfüllen: Lassen Sie mich zu Willner, dem alten Freunde unseres Hauses, zu meinem väterlichen Freunde, bringen. O, ich habe ja auf Erden Niemand, Niemand, seitdem auch Alfred — mich verlaffen. Meines Vaters HauS kann ich nicht betreten, mein guter Bruder ruht weit, weit von mir in fremder Erde.. Mein Gott, was soll aus mir werden?" Ein Thränenstrom stürzte bei den letzten Worten aus ihren Augen, sie warf sich in die Ecke des Wagens, verhüllte ihr Antlitz und weinte bitterlich. „Rosa, Du bist nicht so verlassen, als Du Dich dünkst — ertönte es jetzt aus dem Munde des am Wagenschlage stehenden Master Capten — komm an mein Herz , an mein brüderliches Herz, . . ich bin ja Moritz, Dein Bruder, den Du als todt beweinst!" „Welche Stimme? Moritz? Du lebst? Ja, ja, Du bist es. O mein Bruder, mein Bruder, Dich sendet Gott als meinen Engel!" Der hell leuchtende Mond beschien ein treues Geschwisterpaar. ---— —- Arm in Arm schritten sie die steinerne Treppe hinauf und lange saßen sie noch im Zimmer des oberen Stockes, einander viel erzählend und gegenseitig ihr Herz ausschüttend, die treuen Geschwister. Rosa war nicht mehr verlassen, sie hatte für das von ihr verloren gegebene Herz Alfreds ein treues Bruderherz gefunden. Sie war nicht so unglücklich, als sie gewähnt hatte. Rosa mußte dem Bruder haarklein Alles über ihr Verhältniß zum jungen Grafen erzählen, wie sie sich zuerst kennen gelernt, wie er vor den Vater getreten und um ihre Hand angehalten, wie der Vater ihn aber barsch von sich gewiesen, wie sie dem Zuge ihres Herzens folgte und das Vaterhaus verließ, wie sie auf Alfred's Versprechungen bauend im Hause seiner Mutter als stille Dulderin gelebt, wie sie ihr unerschütterliches Vertrauen in Alfred's Wort gesetzt, wie aller Hohn es nicht vermochte, sie darin wankend zu machen, bis zu der räthselhaften Katastrophe vor wenigen Stunden, deren Zeugen sie beide ja selbst gewesen. Moritz merkte, daß Rosa sich wieder erregte, darum unterbrach er sie mit der Frage: „Du yast den Grafen näher kennen zu lernen Gelegenheit gehabt, was hältst Du von seinem Character?" „O, Alfred ist gut und edel; auch als Sohn treu und gehorsam. Er hat, zwischen Mutter und mich gestellt, der Kindespflicht den Vorrang eingeräumt. Ich sehe jetzt klar und deutlich den Finger Gottes, die Nemesis, die mich ereilt. Ich habe, als ich vor die Frage gestellt war, entweder das Vaterhaus verlaffen, oder auf den Geliebten meines Herzens für immer verzichten, mich rasch — vielleicht allzurasch — für das Erstere entschieden, ich habe den greisen Vater verlassen, der vielleicht jetzt im Alter des Beistandes seiner Tochter doppelt bedarf. Alfreds Handlungsweise öffnet mir die Augen. Ich sehe ein, daß i ch gefehlt habe. Darum, wie tief es mir auch ins Herz schnitt, da ich ihn neben Gräfin Clotilde als erklärten Bräutigam stehen sah, wenn ich's jetzt ruhig überlege, ich kann ihm nicht zürnen, ich muß ihn achten." „Du liebst ihn also noch?" fragte Moritz. „Wie könnte ich anders? Er war bis jetzt die Sonne meines Lebens. Die Sonne geht unter, aber ihre Strahlen leuchten fort, sie werden nicht aufhören mein Herz zu erwärmen, bis es einst still steht." „Gehe zur Ruhe, Du mein Schwesterherz," sprach Moritz mit sanfter, ja zärtlicher Stinnne, laß mich für Dich handeln, — doch Eins! Es darf Niemand, weder Vater, noch Alfred, ja nicht einmal Willner, etwas davon wiffen, daß ich Moritz, dein Bruder bin." Rosa versprach's, obwohl sie den Grund dieser Heimlichhaltung nicht einsah. (Forts, folgt.)

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