Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-07-25 · N° 30. (25.7.1877) · p. Seite 239

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 30. (25.7.1877)
Date
1877-07-25
Page
Seite 239 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9583384-9583627--3219-9583634
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Feuilleton. Der letzte Jude. Fünftes Kapitel. In einem kleinen Gartensalon, von Blumen überfüllt, saß nachläßig hingestreckt, den Kopf auf die Linke gestützt, der junge Graf von Rolandsau. Er sah bleich aus und angestrengt. Die Frau Gräfin, seine Mutter, saß ihm gegenüber und unterbrach das längere Schweigen mit den Worten des Vorwurfs: „Ich begreife es wirklich nicht, lieber Sohn, wie Du Clotilde, die sich mit ihrer Mutter noch einige Tage bei uns aufhält, so vernachläßigen kannst. Du compromittirst unser Haus. Sie ist nun einmal Deine Braut . . ." Alfred sah seine Mutter mit einem verneinenden Kopfschütteln an, so daß diese rasch hinzufügte: „. . vor der Welt ist sie nun einmal Deine Braut, und Du hast als Bräutigam gegen sie also gewisse Cavalierspfiichten zu erfüllen; Du aber läßt sie oft stundenlang allein oder mit ihrer Mutter — wie jetzt — im Garten herumspazieren." Alfred erhob sich langsam, um zu antworten, er blickte erst die Mutter einige Sekunden schmerzlich bewegt an, und macht alsdann seinem gepreßten Herzen Luft: „Braut? Bräutigam? sagst Du. Mit welchem Rechte? Habe ich denn in dieser Angelegenheit meines Herzens gar keine Stimme? Bin ich denn so unmündig, daß es blos Deiner Verkündigung im Salon bedurfte, um mich für mein ganzes Leben an eine Person zu fesseln, für die ich nichts empfinde, um kalt und theilnamslos neben ihr einherzugehen, oder Gefühle zu heucheln, die ich nun einmal für sie nicht besitze. O, Mutter, Mutter, was hast Du mir da gethan?" „In Deinem Interesse habe ich gehandelt, um Deine Güter Dir zu erhalten, damit Rolandsau nicht unter den Hammer konrme und das erbleichende Gestirn unseres Hauses neuen Glanz erhalte" — entgegnete die Gräfin mit schneidigen Worten. „Das ist's, was Du mir beständig wiederholst, wogegen mein Innerstes sich empört. Ich li e be zwar Clotilden nicht, aber ich will sie auch nicht täuschen. Wie wenn sie es ahnte, daß man nur zur Wiederherstellung der zerrütteten Vermögensoerhältnisse dieses Ehebündniß veranlaßt habe. Rein, zu solchem Beginnen kann ich meine Hand nicht reichen, und ehe es zu spät ist, erkläre ich es, daß ich lieber keine Güter besitzen, selbst auf unseren Stammsitz Rolandsau verzichten will, ehe ich diesen Schritt thue, und den Adel meines Herzens fürimmer verliere. Mutter, keine Täuschung sei zwischen uns: Mein Herz gehört einmal Rosa, — „O, sprich mir von dieser Jüdin nicht," unterbrach ihn die Gräfin mit Heftigkeit, „sie ist übrigens seit jener verhängnißvollen Stunde deiner von mir verkündeten Verlobung in unserem Hause nicht mehr gesehen worden. Sie kam so meinem Wunsche zuvor, sie mochte gefühlt haben, daß sie jetzt hier überflüssig geworden. Ais ich heute morgen zu Willner sandte, um ihm sagen zu lassen, daß er dafür sorgen möge, daß Fräulein Wellheim sich nicht weiter bei uns zeige, ließ er mir sagen, daß das Fräulein gar nicht mehr bei ihm weile." „Wo ist nun Rosa?" fragte Alfred ungestüm. „Ich weiß es nicht, und Du wirst auch gut thun, sie Dir aus Kopf und Herz zu schlagen." „Niemals! Sie hat ihr Vaterhaus verlassen, um mir zu folgen, und ich sollte sie nun vergessen?" Alfred wandte sich der Thür zu. „Wohin willst Du?" fragte ihn die Gräfin. „Kann das für mich noch eine Frage sein? Rosa muß ich aufsuchen, ich bin ihr Aufklärung schuldig; — das arme Kind hat viel für mich gelitten, es soll aus meinem Munde erfahren, daß es keines r e l i g i ö s e n Bekenntnisses bedarf, um ein ehrlicher Mensch zu sein und zu bleiben." Die Gräfin wollte antworten, da meldete das Kammermädchen Besuch. Alfred fürchtete Clotildens oder deren Mutter Eintritt und entfernte sich eiligst; während die Gräfin zum Kammermädchen fragte: „Es sind wohl unsere Damen?" Das Mädchen verneinte die Frage und meinte, daß es vielmehr ein Herr,ein ganz eigenthümlicherHerr,sei,der Einlaß begehre. „Laß ihn näher treten." Die Gräfin lehnte in ihren Seffel und blätterte in den Journalen, die sie auch nach Eintritt des Besuches nicht bei Seite legte. „Ah — Herr — Herr Lämchen? nicht wahr?" sagte die Gräfin, den Kopf leicht zur Seite wendend. „Zu dienen — Salomon Lämchen." „Sie wünschen mich zu sprechen?" Lämchen machte eine lange Pause, ehe er antwortete, als erwartete er etwas, dann sagte er: „Ich ging etwas rasch — man wird müde." Bei diesen Worten setzte er sich ruhig in den anderen Lehnstuhl, welcher beim Büchertische stand, und fuhr fort: „Ich bitte, lassen Sie sich nicht stören." Die Gräfin war empört über diese Kühnheit. „Verzeihen Sie, daß ich den Anstand außer Auge lasie und mich unaufgefordert setzte, aber man wird alt und kann das Stehen nicht vertragen. Lassen Sie sich in ihrer Lectüre nicht stören, oder erlauben Sie, daß ich Ihnen etwas vorlese." Bei diesen Worten nahm er ruhig ein Buch aus seiner Tasche. „Eine kleine Geschichte nur ist's," sagte er, und ehe die Gräfin erstaunt über sein kühnes Benehmen antwortete, begann er: „Es war einmal ein Graf, der war ein großer Dränger der Juden gewesen, und derselbe ging Hand in Hand mit den Herren Jesuiten, die damals eine große Rolle spielten. Die Juden wurden theils vertrieben, theils so lange von dem Herrn Grafen gepeinigt, bis sie selbst fortgingen bis auf Einen, — der standhaft alles Elend aushielt. Eines Abends geht er mit seinem Bündel, vom nächsten Dorfe heimkehrend, am Park des Herrn Grafen vorbei, und sieht durch die Zweige — beim Grabmahl der seligen Mutter des Herrn Grafen — einen Mann stehen und hört zugleich den Hahn einer Pistole aufziehen. Nichts Gutes ahnend klettert der Jude über das niedere Gitter, und kommt gerade zur rechten Zeit, dem Herren Grafen die Pistole aus den Händen zu schlagen, daß der Schuß anstatt ins Gehirn in den nächsten Baum ging." — Während Lämchm mit erregter Stimme sprach, hatte die Gräfin einige Male die Farbe gewechselt; jetzt sprang sie aus und rief: „Mein Gemahl". — Lämchen lächelte und deutete auf das vor ihm liegende ausgeschlagene Buch. „Wer spricht von Ihrem Gemahl — das ist der Graf aus dem Buche da. Doch bitte, unterbrechen Sie mich nicht." Die Gräfin bedeckte ihr Gesicht, und Lämchen fuhr fort: „Da stand der Graf dem Juden wie ein armer Sünder gegenüber, und bat ihn mit erhobenen Händen, das, was er gesehen, zu verschweigen. Der Jude sagte es unter der Bedingung zu, daß der Graf ihm mittheile, was ihn zu diesem verzweiflungsvollen Schritt getrieben. Und der Graf erzählte, daß seine Gemahlin, die er abgöttisch liebe . . . ." Die Gräfin wollte sprechen. „Ich." „Wer spricht von Ihnen", rief Lämchen, sie unterbrechend. „Lese ich dies Alles aus diesem interessanten Buche hier." — „Also die Gemahlin des Grafen, die er abgöttisch liebt, hatte eine Leidenschaft, sie spielte und verleitete auch den Grafen dazu. Eines schönen Tages verlor der Graf, auf Ehrenwort, die runde Summe von 50,000 Thalern, die ec in der Schnelligkeit nicht aufzutreiben vermochte. Dies war der Grund des unseligen Selbstmordversuches. Und der Jude trieb noch in der Nacht auf seinen Namen das Geld auf, und am andern Morgen war der Herr Graf der Ehrenmann wie vor dem, und der arme Jude sein Freund. Der Herr Graf spielte niemals wieder, und die Frau Gräfin schwur ebenfalls ihrem Gatten zu, nie wieder dem Dämon des Spiels zu huldigen. Aber während der Herr Graf in Geschäften nach England reiste, besuchte die Frau Gräfin heimlich wieder Spielsäle." (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.