Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 24. (14.6.1877)
- Date
- 1877-06-14
- Page
- Seite 190 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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190 ment aufgehört, seine Verdienste um Religion und jüdische Wissenschaft gebührend zu würdigen. Dr. Daniel Fraenkel, Rabbiner zu Rybnik. (Wir bestätigen die Angabe des Herrn vr. Fraenkel und glauben hinzufügen zu dürfen, daß auch der Herr Verfasser der Correspondenz in Nr. 22 gewiß den Herrn vr. Hirschfeld gebührend hochgeachtet, wenn er auch, wie er angegeben hat, nicht zu besten persönlichen Freunden gehört. Wir kommen übrigens auf den betrübenden Gleiwitzer Vorfall in nächster Nr. nochmals zurück; soviel können wir jedoch heute schon nach eingezogenen Nachrichten mittheilen, daß Ohren« zeugest der betr. Predigt des Hrn. vr. H. das Zeugniß geben, daß sie frei von allem Persönlichen war. Red.) Aus Borislaw (Galizien) wird der „Magd. Zeit."- folgender haarsträubende Voriall gemeldet: „Die in der hiesigen Vorstadt Wolanko wohnhafte Chane Nemeroff, Frau des Israel Nemeroff aus Stanislaus, wurde kürzlich von zwei Knaben entbunden. Als Geburtshelferin wurde eine hier sogenannte „Bube" gerufen, die zwar keine geprüfte, wohl aber eine von ihren Bekannten anempfohlene Hebamme ist. Rachel, so heißt die Pseudo-Hebamme, wird sehr oft bei solchen Anlässen benutzt, und trotzdem sie sich schon einige Male darüber bei Gericht zu verantworten hatte, treibt sie ihr Unwesen ruhig fort. Von den neugeborenen Kindern war das eine todt. Die praktische Rachel gab nun den wohlgemeinten Rath, es möge zugleich -auch für das zweite Kind, das zwar noch lebe, ein Todtenschein genommen werden, da es ohnehin auch bald sterben müsse. Daraufhin kam der Todtengräber Kalman Brumer und wollte beide Kinder auf den Friedhof bringen. Auf die Einwendung der Nachbarsleute, daß ja das eine Kind noch lebe, entgegnete der rohe Mensch, er werde nicht bei diesem schlechten Wetter einen solchen weiten Weg zweimal zurücklegen, und nahm in derThat mit Zustimmung der Hebamme beide Kinder auf den Friedhof. Daselbst angekommen, nahm er ein Stück Glas und beschnitt zuerst das todte und hierauf auch das lebendige Kind! (Bei den galizischen(?) Juden wird an einem todten Kinde, das noch nicht den achten Lebenstag erreicht hatte, die Beschneidung auf dem Friedhofe mit einem Stücke Glas vollzogen.) Die Friedhofsaufseherin, die das Wimmern des Kindes hörte, machte den Todtengräber darauf aufmerksam, daß es ja noch lebe, worauf er einige Worte in den Bart brummte und sich entfernte. Um 10 Uhr Abends erhielt der Vater des Zwillingspaares von dem schrecklichen Vorfälle Kenntniß, eilte auf den Friedhof und fand hier sein Kind blutend im Schmutze liegen. Es lebte zwar noch, ist aber in Folge (?) der Operation nach einigen Stunden gestorben. Die gerichtliche Untersuchung wurde eingeleitet." (So lange die Quelle dieses unerhörten Vorfalls nur die „Magd. Ztg." bleibt, bezweifeln wir vorläufig noch die Wahrheit des Gemeldeten. Red.) Aus Czernowitz telegraphirt man der „N. F. P.: Am Sonntag sind in Darabani (Rumänien) 150 Israeliten ausgeplündert und eines Betrages von 90,000 Ducaten beraubt worden, 24 Personen wurden verwundet, eine getödtet. Dem Präfekten, der am Thatorte erschien, war es unmöglich, der entfesselten Volksmenge Einhalt zu thun. Die wüthende Menge — jo wird dem „Wien. Jsr." ferner berichtet — drang auch in die Synagoge, riß die Thorarollen aus der Bundeslade, zerfetzte sie und trat sie in den Koth. Es sollen 80 Israeliten verwundet und 11 getödtet sein. Der Rädelsführer, ein verschuldeter Gutseigenthümer, ist flüchtig. Die „Wiener All. Jsr." hat auf telegr. Anfrage leider die Bestätigung obiger Nachrichten erhalten. Sie hat sogleich die nöthigen Schritte beim Ministerium gethan, um zunächst auch den hablos gewordenen Glaubensgenossen Geldunterstützungen zukommen zu lassen. Paris, 8. Juni (Telegr. Depesche). Eine D-pirtatto« der „All. Jsr. universelle* hat sich soeben znm Minister des Aentzern begeben, nm gegen die fortwährenden Judenverfolgungen in Rumänien zu protestiren und um schleunige Abhilfe zu bitten. Feuilleton. Der letzte Jude. (Fortsetzung.) „Ich muß um Entschuldigung bitten," begann nun Master Capten, „wenn ich zu ungelegener Zeit komme, allein mein Bankier versichert mir, daß mich die Frau Gräfin im Laufe des heutigen Tages bestimmt erwarte." Jetzt erst fiel sein Blick auf Rosa und einen Augenblick blieb er stumm stehen. Hätte man Liesen Blick in Worte übersetzen können, sie würden schwerlich anders als: „Diese Züge — dünkt mich — habe ich schon — wenn auch im kleineren Maßstabe, gesehen. Komm' mir zu Hülfe Erinnerung!" haben lauten können. Auch in Rosa's Antlitz spiegelte sich ein eigenthümliches, ihr unerklärliches Gefühl, als ihr Auge dem forschenden Blicke des Fremden begegnete und mit beklommener Stimme lud sie Master Capten ein, Platz zu nehmen, bis Willner von der Gräfin komme. „Ich danke, mein liebes" — Master Capten hielt plötzlich inne und sagte lächelnd: „Ich habe die unselige Gewohnheit, jeden Gegenstand sofort bei seinem Namen zu nennen und wollte auch eben —" „Mich bei meinem Namen nennen, ohne daß Sie denselben kennen. Ich heiße Rosa Lämchen" und sich verbessernd, setzte sie hinzu: „Wellheim." Capten zuckte, als er den Namen hörte, zusammen und bedeckte sein Antlitz mit den Händen. Einen Augenblick herrschte Schweigen im Salon. Aus den fernen Sälen klangen einzelne Töne der Musik und das verworrene Lärmen und Lachen der Gäste herüber. Endlich brach Rosa das Schweigen. „Warum waren sie so bewegt geworden, als ich Ihnen meinen Namen nannte?" Wie aus einem Traume erwacht, ließ Capten die Hand langsam sinken. In seinen Augen spiegelte sich der Kampf der widerstreitendsten Gefühle. Plötzlich zertheilte sich die Wolke an seiner Stirne und schmerzlich lächelnd antwortete er: „Weil er mich an einen Freund erinnernder einen ähnlichen Namen trug. Ihr Vater — er lebt — und wo?" „Er lebt! In Nollandsau!" sagte Rosa, die Farbe wechselnd. „Und Sie hatten — einen Bruder?" „Ja — Sie kennen ihn? Wo — wo lebt er?" fragte Rosa lebhaft. „Wenn ich nicht irre, erzählte er mir, daß ihn der Verdacht eiues Verbrechens aus der Heimath trieb. Und Sie erinnern sich seiner? Dieses Bruders?" „Als ob er vor mir stände. O, ich erinnere mich gut des Ereignisses, das ihn von des Vaters Haus getrieben. Es war an einem Freitag Abend. Der Vater war in der Synagoge — als die bösen Menschen in unser Haus stürmten, und Moritz den Führer zurückhalten wollte, erhielt er einen Schlag auf die rechte Hand, däß er blutete." Capten legte seine rechte Hand wie zufällig auf den Rücken, indeß Rosa fortfuhr: „Der Jude hat die Monstranz gestohlen," schrie der Stadtschreiber, und wollte mit der Rotte vorwärts eilen — da drängte der Vater sich hindurch und fragte nach dem Begehr: „Euer Sohn hat die Kirche bestohlen, er ist durch das Fenster in die Sacristei gedrungen, man hat ihn erkannt!" schrie der Chorus, und mein Vater sagte: „So mein Sohn gestohlen, muß das Object sich in seiner Macht befinden — durchsucht das Haus und wenn Ihr einen Gegenstand findet, so überliefere ich ihn selbst dem Arm der Gerechtigkeit!" Das Haus ward durchsucht, und bald kehrte der Stadtschreiber mit der Rotte schreiend wieder. Die Monstranz fand er verborgen in Moritz's Bett und auch an Moritz Händen fand man Blutspuren, Ritze von dem gebrochenen Fenster, durch welches er in die Sacristei gedrungen — wie sie sagten. Dieser Beweis schmetterte den armen Vater zu Boden und die Mutter