Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 16. (19.4.1877)
- Date
- 1877-04-19
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 122 — Haman nimmt das übel und überträgt — wie seitdem noch alle Haman gethan — seinen Privatärger über den einen Juden auf alle Juden. Und nun hält er einen diplomatischen Vortrag bei Sr. Majestät Ahasver oder Artaxerxes: „Da ist ein Volk, zerstreut und abgesondert, zwischen den Völkern in allen Provinzen Deines Reiches; seine Gesetze sind verschieden von allem Volk, die Gesetze des Königs üben sie nicht und der König hat keinen Vortheil, wenn er sie in Ruhe läßt. Ist es dem Könige Recht, so werde die Vernichtung dieses Volkes angeordnet und ich mache mich anheischig, 10,000 Kikar Silber (ca. 26 Millionen M., nach Anderen 64 Millionen Mark) in die Schatzkammer des Königs einzubringen." Da „lächelt der König mit arger List und spricht nach kurzem Bedenken" indem er Haman seinen Ring gab: Das Silber sei Dein, mache mit dem Volke, was Du willst. Dieselben Argumente, wie sie Haman dem Ahasver darlegt, brauchen noch heutzutage alle Judenfeinde, nicht blos „die hinten tief an der Türkei", in Rumänien und Rußland, sondern auch die Agrarier in Berlin und an anderen Orten die zahllosen, offenen und verkappten Judenfeinde. Namentlich der letzte Grund, der Hinweis auf das den Juden abzupressende Geld war zu allen Zeiten und ist heute noch der beliebteste Hintergedanke. Wenn Willmann's in der „goldnen Internationale", wenn Meyer injden „politischen Gründern" — das Gründerthum so brandmarken, als ob es ausschließlich von Juden ausgegangen sei, so ist das Alles auf den alten Haman zurückzuführen. Das Gründerthum hat wie alle Schwächen und Gebrechen der Zeit ohne Unterschob des Glaubensbekenntniffes gehaust; die Sucht nach mühelosen Gewinn hat ebenso die Großen wie die Kleinen ergriffen, die Besucher oder Nichtbesucher der Kirchen ebenso wie die der Synagogen. Unchristlich ist es aber, deßhalb nur den Juden und grade den Juden zu verdächtigen. Nur von einem Standpunkte aus hätte das Alles seine Berechtigung, von dem idealen nämlich, den einzunehmen keiner unserer Gegner berechtigt und im Stande ist. Von dem idealen Standpunkte aus, der in der Bibel in den herrlichen Worten gekennzeichnet ist: „und ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk," von dem Standpunkte des „bikrauwaj ekodesch,“£be§ „noblesse oblige“ aus, muß freilich an den Juden eine strengere sittliche Anforderung gestellt werden. Das Judenthum enthält so reine und so erhabene Grundsätze, daß nur der ein echter Jude sich nennen darf, der diese herrlichen Lehren durch sein Leben verwirklicht. Wie der Jude im Culturkampf unserer Tage sich bewähre, wie er den gesteigerten Ansprüchen, die das Vaterland an ihn als gesetzlich gleichberechtigten Bürger, und das Judenthum an ihn als Sohn unserer Tage stellt, gerecht zu werden habe — hätte ich gern noch dargelegt. Doch die Zeit drängt, und darum nur das kurze Bild eines deutschen Juden unserer Tage. Der deutsche Jude ist vor Allem deutsch, in Reich, Staat und Gemeinde eng verbunden mit seinen Mitbürgern, ihr Wohl ist sein Wohl, ihr Wehe ist sein Wehe. Er ist gemeinnützig wirksam; ohne sich vorzudrängen, tritt er nicht zurück, wo es gilt Zeit, Kraft und Geld dem allgemeinen Besten zu opfern. Auch im Kampf der Parteien sieht er nicht müßig zu, er weiß daß das Judenthum Freiheit und Fortschrit 1 war, ist und sein wird und wählt darnach seinen politischen Standpunkt. Aber er ist und bleibt Jude — Jude nach außen und nach innen. Nach außen weiß er, daß er mit Vorurtheil zu ringen hat und daß er dies nur besiegen kann für sich und seine Glaubensgenoffendurch strengste Pflichterfüllung und Hingebung. Nach außen weiß er ferner, daß der Satz „alle Juden bürgen für einander" seine verhängnißvolle Bedeutung hat, und daß, was er Unrechtes begeht, allen Juden zur Last gelegt wird. Nach außen weiß er endlich, daß die messianische Zeit, in der die Juden auch gesellschaftlich so wie jetzt gesetzlich, auch im Leben so wie jetzt auf dem Papiere gleichgestellt werden, nur dann gefördert wird, wenn der Jude selbst dem Christen keinen berechtigten Anlaß zum Tadel, zum Spott mehr bietet —, erreicht freilich wird diese schöne Zeit so lange nie werden, als das neue Testament die erste Geistesnahrung bietet. Nach innen ist der deutsche Jude unsrer Zeit bestrebt, im Gotesdienst und Leben klar und wahr zu sein, in der Gemeinde und für wohlthätige Zwecke Gutes zu thun, sein Judenthum in dem Sinne, in dem weise Männer früherer Zeiten es für ihre Zeit thaten, fortzuentwickeln und aus den Schriftsätzen unserer Literatur, die reicher ist, als die jeder anderen Religion, zu schöpfen: Begeisterung für das Judenthum, Hoffuungsfreudigkeit für deffen Zukunft, Ueberzeugung davon, daß es dereinst allgemeine Anerkennung ftnden werde. So lebt, so wirkt, so siegt „der Jude im Culturkampf." Dresden, Februar 1877. Emil Lehmann. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Breslau, 8. April. (Or.-Cor.) Der Dirigent der einen der beiden hies. Gemeinde-Religionsschulen, Herr vr. Samuelsohn beging das fünfundzwanzigjährige Jubiläum seiner Thätigkeit in Breslau. Das bekannte Wort, daß die Blume „Anerkennung" nur auf Gräbern wachse, erfuhr bei dieser Gelegenheit eine glänzende Widerlegung. Von 10'/, Uhr Morgens ab löste eine Deputation die andere ab, und der Gefeierte hatte zu thun, um all den einander auf dem Fuße folgenden Ansprachen zu antworten Vorstand, Cultuscom Mission, Schulcommission, die Lehrercollegien der eignen und der Schwesteranstalt, eine Deputation der gegen wärligen Schüler und Schülerinnen, ein Comite ehemalig er Schüler und Freunde — Alle beeilten sie sich, dem verehrten Manne ihren Tank und ihre Verehrung zu bezeugen. Blumen und andere sinnige Geschenke, sowie eine Ehrengabe, im Namen der Schüler und Freunde, Schülerinnen und Freundinnen dem Jubilar von einem seiner ältesten Schüler nebst einer kunstvoll ausgeführten Adresse und feierlicher Anrede überreicht, gaben dem Bestreben Ausdruck, den Dank und die Verehrung nicht auf das Wort allein sich beschränken zu lassen. — Durch alle jene Reden zog sich wie ein rother Faden die Anerkennung der Schwierigkeit der Verhältnisse, unter denen l)r. S. die Leitung seiner Schule übernommen, und die Befriedigung über den Erfolg, mit welchem dies geschehen. Wahrlich, nicht der so Gefeierte allein, auch Mancher unter den Gratulanten wird noch lange mit Vergnügen und einer Art Art Weihe des erhebenden Anblicks sich erinnern, welchen die bunte Schaar derer darbot, die herbeigeströmt waren, um den Jubilar, der aber auch in der That ein Lehrer von Gottes Gnaden, ein seltenes Muster von Berufseifer und Pflichttreue ist, zu beglückwünschen und ihm ihre Verehrung zu bezeugen.