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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-03-29 · N° 13.14. (29.3.1877) · p. Seite 102

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 13.14. (29.3.1877)
Date
1877-03-29
Page
Seite 102 (sequence 2)
Language
German
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— 102 — auch so „Peßach halten", aber Peßach hielte ihn nicht, d. h., i er hätte keine Festfreude, keine Festgestuuung, kein Festtagsj bewußtsein. Um eS kurz „jüdisch" zu sagen: er hätte nicht > Jomtow, nicht Peßach. Und wenn ein jüdischer Dichter oder j Maler ein Bild der tiefsten Wehinuth malen wollte, so würde er für Griffel oder Pinsel keinen ergreifenderen Vorwurf ftnden können, als — vor einem Sederlische sitzend, ganz allein, einen Juden, ausgewandert oder ausgestoßen, flüchtig, Ijeimathlos, in fremdester Fremde — oder einen Greis, dem von Allen, die rnit ihm gelebt und sich am Feste gefreut haben, Keiner geblieben — einsam sitzend mit dem Gram der Erinnerung, mit den Bildern der Vergangenheit im Herzen, ein Jude vor dem Sederlische, mit den bekannten Symbolen — alles sieht ihn so traulich an, aber ten Weinke^ch füllt ihm Wermuth, das Bilterkraut ist nicht so bitter wie sein Gram. Und wiederum könnte man sagen, daß wir bei allen Religionsparteien Äehnliches fänden, daß überall der an Haus- und Familienleben Gewöhnte einen Festtag nicht gern unter Fremden verlebe. — Wir können nicht beweisen, (wenn es uns auch glaubhaft erscheint) daß sich solches Gefühl bei Juden ausgeprägter zeige als bei Anderen. Aber im Judenthum gilt das, was sich bei den Festen zeigt und äußert, für das ganze religiöse Leben, auch für Werk- und Wochentag. Denn sowie Einer auch unter Fremden Mazzoth genießen kann, aber darum noch nicht „Peßach hat," so ist es in Hinsicht auf alle unsre Religionsgesetze. Man kann überall Sabbath halten, äußerlich ruhen, man kann sonst überall Speise und Trank nach israel. Gesetz ftnoen oder — sich durchhelfen mit Entbehrung, man findet an tausend Orten eine Synagoge oder ein Minjan zu gemeinsamer Andacht, und wo nicht, so kann man Teftllin und ein Gebetbüchlein überall mit sich führen und allein beten; aber dann hat man in der Regel eben nur das Unbequenle, Hindernde und Störende vom Judenthum. Oder man zieht die Bequemlichkeit vor und läßt das I u d e n t h u m zu Hause; dann trägt cs aber mancher dennoch mit sich umher, etwa in seinem Gesichte, und er wird es oft genug unangenehm empfinden. Das Freudige, Erhebende, Herzerquickende, die nicht nur nicht hinderliche und beengende, sondern beseligende Erfüllung der Religionsgebote ist an das Heim geknüpft. Zu Hause, oder unter Verwandten, Bekannten, Freunden, in einem jüdischen Familienkreise, nur da gibt es freudiges Leben im Judenlhum. Dasselbe erkennen wir noch weiter. Bei den anderen Religionen liegt der Schwer- und Mittelpunkt des religiösen Lebens im Gotteshause. Fromm ist da, wer an den wöchentlichen Ruhetagen und an Festen den Gottesdienst besucht, danach wird das religiöse Leben bemessen. Dafür muß rin Gotteshause und an demselben alles vereinigt sein, was durch das Thor der Sinne dringend, Andacht erwecken kann. Sowenig wie dies im Judenthum erforderlich ist, so gilt uns überhaupt Gotteshaus und Besuch desselben nicht als Mittelpunkt und Maßstab des religiösen Lebens. Das Haus, das ganze Leben soll fromm sein. Wenn eine jüdische Familie, Mann, Frau und Kinder, in einem abgelegenen Erdenwinkel wohnt, Meilen weit um sie her kein anderer Jude, keine jüd. Gemeinde, so daß sie kaum von Jahr zu Jahr einmal eine Synagoge betreten können, so können sie doch allen Anforderungen der jüdischen Religion genügen, ein frommes jüdisches Hauswesen führen und zugleich frohes, heitres, gemüthvolles Leben in ihrer Religion — (es sind ja solche Fälle nicht bloß in der Phantasie vorstellbar, sondern wirklich vorhanden)— aber ein einzelner Jude in ähnlichen Verhältnissen? es ist nicht denkbar, daß er für längere Zeit im jüdischen Religionsgesetze verharre. Das Judenthnm ist an die Familie geknüpft, ist die „Religion der Familie." Die Juden im Culturkampfe. Vortrag von Adv. Emil Lehmann in Dresden.*) (Fortsetzung.) Aber nicht blos die jüdischen Urquellen sprechen für die hervorragende Bedeutung der Juden im Culturkampfe der Menschheit; gleich beredte Zeugnisse erstehen ihnen in den Literatur schätzen unserer Glaubensgenossen. Ein guter Theil unserer jüdischen Zeitgenossen begnügt sich mit dem äußerlichen Bekennluiß ihrer Zugehörigkeit zum Judenthum und hat keine Ahnung von der Hoheit des Geistes und der Tiefe des Gemülhes, welche m den Literalurfchätzen des Judenthums niedergelegt sind. Die oberstächliche, mechanische Bekanntschaft mit den Bräuchen ist das Ein und Alles ihrer jüdischen Wissenschaft. *) Wer aber einen Einblick gewinnt in die lieblichen Gefilde jüdischer Geistesarbeit, in die geistdurchleuchteten Schöpfungen jüdischer Denker und Dichter, der wird sein Judenthum ganz anders schätzen und würdigen. Ich nenne von zrhlrelch.'u jüdischer Dichtern nur Einen: den berühmten Dichter Jehuda Halevy, dessen Zionselegie Prof. Schleiden, der bekannte Naturforscher, der nicht blos hierin, sondern auch in seiner unparteiischen Beurtheilung der Juden groß und vereinzelt dastehl, „höher als Alles stellt, was die gesammte religiöse Poesie, einschließlich Miiton's und Klopstock's darbietet." (Der Vortragende führte hier einen Theil der Zionide Jehuda Halevy's in der Geiger'ichen Uebersetzung: „Willst, Zion, Du nicht auch entbieten Den Flüchtlingen den Gruß und Frieden" u. s. w. an. Wir haben das Cltat ausgelassen.) Der Dichter ist uni das Jahr 1080 in Castilien geboren. Er starb am Ziele seiner Sehnsucht ln Palästina. Das Weh seiner Glaubensgenossen hat er in dem Epigramm verewigt: Ob Jsmael siegt, Ob's Edom unterliegt, Mein Wehruf gilt Beiden, Mein Loos bleibt immer: leiden! Kein geringerer als Heinrich Heine, dieser trotz aller Abschweifungen und Ausartungen tiefinnerliche und edle, trotz aller Spottsucht echt deutsche, trotz seiner Taufe echt jüdische Dichter war es, der in Jehuda beit Halevy den erhabensten Dichter seiner Ahnen pries und ihm das würdigste Denkmal setzte: Lechzend klebe war die Zunge An dein Gaumen, und es welke Meine rechte Hanv, vergaß ich Jemals dein, Jerusalem — Wort und Weise, unaufhörlich Schwirren sie mir heut im Kopfe, Und mir ist, als hört ich Stimmen, Psalmodirend, Männerstimmen — Manchmal kommen auch zum Vorschein Bärte, schattig lange Barre — Traumgestalten, wer von euch Ist Jehuda den Halevy? Hier haben wir wieder einige vem Gesetz des Judenthums derogirende Sä.e weggelassen. — Daß sich Viele mit dem äußerlichen Thun begnügen, und daß Andere wiederum den Geist des Judenthums verkennen, weil sie die ihnen — oft fast nur durch Hörensagen noch — bekannten Satzungen für das Ganze halten, wird freilich wohl allseitig zugeftanden. (Ned.)

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