Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 10. (8.3.1877)
- Date
- 1877-03-08
- Page
- Seite 83 (sequence 7)
- Language
- German
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83 terscheide nun eigentlich viererlei Jesuiten Die erste Abtheilung sitzt in den Ministerien, trägt Uniform, Ordenskreuze und Bänder, steckt nach Umständen die fromme oder liberale Flagge heraus, ohne mit dem Herzen einer von beiden zuzugehören, ihrem Departement gehört vor Allem die Maßregelung tüchtiger Beamten, welche sich nicht auf das Augenverdrehen und Katzenbuckeln verstehen, die nicht täglich in die Kirche laufen — aber doch meist das Herz auf den rechten Fleck haben. Die zweite, nicht weniger gefährliche Abtheilung gehört dem weiblichen Geschlechte an Es sind die meist koketten, feinen oder nicht feinen Damen, die unter dem Deckmantel der Liede heimtückische oder egoistische Zwecke verfolgen, wie uns Kleist in feiner Kunigunde im „Kälhchen von Heübronu" eine Specialüät davon gezeichnet. Zur dritten Klasse gehören die Herren von der Börse, die nur um in den Zeitungen öffentlich genannt zu werden und um Reclaiue zu machen, bet großen Unglücksfallen namhafte Summen zeichnen, aber den armen Invaliden ohne Almosen aus dem Haufe weifen, ja, nicht felteu auf die unsanfteste Weise hinausbefördern taffen. — Nun aber zur vierten Klaffe, zu der von Ignaz Loyola gestifteten „Gesellschaft Jesu", sicher der gefährlichsten von allen. Wenn sich auch von den vorgenannten sagen läßt, daß es in Schafskleider gehüllte reißende Wölfe sind, so tritt bei diesen noch hinzu, daß es just das Priesterkleid ist, das bei diesen die Schafswolle vertritt. Sie sind es, die sich in alle Schichten der Bevölkerung drängen, vom Lehrstuhle der Uuiversitül wie von der Kanzel ihr „der Zweck heiligt die Mittel" und andere heuchlerische Grundsätze ertönen lassen. Und leider zählen gerade sie die tüchtigsten Köpfe unter ihren Schaaren, die so nicht blos dem allgemeinen Wohl entzogen, sondern geradezu gegen dasselbe verleiten. Aller Ecken und Enden, überall tauchen sie empor um unter irgend einem frommen oder wohlthätigen Zwecke sich in die Städte und Dürrer einzuschleichen und sich unvertilgbar gleich den Haiustern ini Weizenfelde einzureißen. Um so braver aber von unserer Gemerndevertrelung, dieser Einnistung vorgebeugt zu haben und darum nochmals ein „Hoch" auf dieselbe. ... „Wenn Ihr nur noch einige Dutzend Hochs von dieser Art erzeugt, lachte Köning, so helfen Euch die Jesuiten gratis in den Himmel!" „Uebrigens," sagte Reimer, der dicke Bäcker, dem unvertilgbar der Stempel seines Geschäftes ausgeprägt war, „ich glaube, daß Ihr am Ende doch etwas zu scharf gegen die Jesutten vorgeht. Was wollten sie denn anders, als die Bildung fördern, indem sie auf dem zum Kauf erbotenen Grundstücke eine Schute errrchteir wollten." „Schule, ha, ha!" lachte Pickmus; „Schule der Zwietracht uno des Haders! Soll etwa die frühere Zeit wiederkehreil mrl ihrer Jnqulsilion und Intoleranz? Seht Ihr denn Nicht jeden Dag, wie friedlich jetzt Katholik, Protestant und Jude niil einander leben! Wann wäre dies zur Zeit der Jesuiten ln Rolandsau möglich gewesen?" „Nun, mit den Juden," lachte Köning, „haben wir leicht in Frieden leben, da ja zur Zeit nur noch Einer im Orte lebt!" „Das heißt mit seiner Schwester uiid seiner Tochter," ergänzte Reimer, „deiiii Ihr meint doch mit dem „letzten Juden", den Lämchen! Aber laßt den Pankt fallen," wandte er sich leise an den ^Vorredner, „Ihr wißt, der Jäckel lebt seit langer Zeit ln Feindschaft mit dem Lämchen, und wenn sich das Gespräch auf diesen lenkt, läßt er sich die Gelegenheit, Streit anzufangeil, sicher nicht entgehen." „Ah bah!" sagte Pickmus, ohne sich an Jäckels weit herauslretenden Augen zu kehren, „lassen wir uns das wenig geniren! Es liegt da sicher ein Geheimruß zu Grunde, das die Sonne auch noch zu Tage fördert. Aber um wieder auf den erstell Gegeiistand uilserer Unterhaltung zurückzukommen, wer anders, ats die Jesuiten, trägt wohl dis Schuld an der Vertreibung der ehrbaren, fleißigen Judenfamilien, die vordeni durch Ihren Gewerbeflelß Rolandsau belebten, und von denen die Hamüie Lämchen den Rest repräsentirt? Er ist der eillzige aewesen, der allen Angriffen Stand hielt, die ja gerade ihn am härtesten betrafen! Aber ich sage Euch, der Lämchen ist ein durch und durch ehrenwerlher Charakter, den ich schätze und liebe, denn unter der eisernen Stirn wohnt nicht nur ein ehrliches, sondern auch ein mildthätiges Herz." „Sein Verbleiben," meinte Köning, „haben wir wohl vor Allem, unserm verstorbenen Gutsherrn, dem Grafen Egon von Rolandsau zu danken, der ihn in jeder denkbaren Weise förderte und schützte." „War ein Ehrenmann, der selige Graf!" fügte Pickmus hinzu, „das muß gelten! Wem anders als ihm haben wir es zu danken, daß zwei Jahre nach Vertreibung der Juden die Hauptfriedensstörer, die Jesuiten, ihnen folgen mußten. Freilich gab's da keine so einträgliche Plünderung, wie bei den Juden; die frommen Herren hatten Alles bei Zeiten in sichere Entfernung gerückt!" „Mit dem Lämchen und seinem Verhältniß zum Grafen soü's eine eigene Geschichte sein," flocht Reimer ein. „Sicher ist's, daß der selige Gutsherr große Stücke auf den Lämchen hielt, und auch der Lämchen vertheidigt noch heute sein Andenken gegen jegliche Angriffe. Eingeweihte wollen wissen, der Graf sei durch die maßlose Verschwendung seiner Frau dem Ruiil nahe gewesen, und da habe denn Lämchen das erschütterte Gebäude vor dem Zusammensturze bewahrt. Die Annahme hat viel Glaubhaftes, und der Graf hat sich ja auch l ei jeder Gelegenheit dankbar, ja dem Lämchen sogar als ein warmer Freund erwiesen. Denkt nur an die Zeit, wo des Juden Sohn, der Moritz, die Gefäße in der — Kirche gestohlen—." „Bah, Unsinn!" unterbrach ihn Pickmus, „wer beweist denn, daß er sie gestohlen? Das Gericht hat ihn freigesprochen, und folglich muß er unschuldig sein!" „So!" mischte sich Jäckel wieder in das Gespräch, und seine stechenden Augen glühten, „sind etwa die Gefäße nicht bei dem Moritz gefunden worden? Hat der Lämchen nicht seinen Sohn deshalb verstoßen? Ist das nicht Beweis genug für seine Schuld?" „Was mischt Ihr Euch denn hinein, Jäckel!" wies ihn Pickmus zurück. ,,.^ür mich ist das Gericht allein der maßgebende Factor. Ueherhaupt glaube ich, ruht auch darauf noch ein geheimnißvoller Schleier, und vielleicht ist die Zeit nicht so fern, die ihn hebt! Also beruhigt Euch, Jäckel, und uns laßt in Frieden!" . Der so Zurechtgewiesene machte wenig Anstalt, sich der Weisung zu fügen. „Ja, ja," lachte er höhnisch, „freigesprocheit aus Mangel an Beweis! Die Juden wissen nur zu gut, w-e mau ein solches Urtheil zu Stande bringt! Für mich ist das gefundene Object Beweis genug und für manchen Andern auch! Die Spitzbüberei liegt bei diesen im Blute! Schaut nur den letzten Juden au! Als ob sie ihm uicht aus jeder Muskel des Gesichts herausschaut. Und Ihr wißt doch, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!" „Ihr seid ein hämischer Charakter, Jäckel!" sagte Pickmus aufgebracht, der mit Niemand Frieden Hallen kann. „Euer Geschäft ist Verläumdung, und ich sehe, Ihr versteht Euch darauf, es zu poussiren! Aber noch einmal: u n s laßt mit dergleichen Geschäftsangelegenheiten für iiilmer in Ruhe!" In demselben Augenblick trat Lämchen ein. Er grüßte freundlist und erhielt von Allen die freundlichsten Gegengrüße. „Guten Abend Lämchen," wiederholte Pickmus, „hier ist noch ein Platz frei. Ich dächte, Ihr käme! zu uns und nehmt auch einen Schoppen zu Euch!" „Recht gern," sagte der Angeredete, seinen Hut an den Rechen hängend, „wenil's nur bei t^m einen bliebe. Aber ein Uebel, wißt Ihr, hat immer ein anderes im Gefolge und ein Schoppen den zweiten " „Ihr dürftet heute," meinte Pickmus, „schon ein Uebriges thun. Jedenfalls ist Euch nicht unbekannt, welchen Sieg die liberale Partei, der Ihr doch angehört, in der Gemeindevertretung erfocht, indem der Verkauf eines Grundstücks an die Jesuiten behufs Erbauung einer Schule ein für allemal abgelehnt wurde!" (Fortsetzung folgt.)