Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 9. (1.3.1877)
- Date
- 1877-03-01
- Page
- Seite 70 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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70 also selbst das Neueste, Jedem so erinnerlich, s o unvergessen, lebt es so alljährlich in frischer Erinnerung wieder auf, wie — die altersgraue Purimgeschichte? Da wissen die Schulkinder, Christen sowohl wie Juden, Tag, Namen, Ort, Person, Reihenfolge der Begebenheiten, Vorbereitung und Abw'ckelung „wie am Faden". Da ist nichts vergessen, es lebt Alles noch ganz frisch, Niemand muß sich erst besinnen. Und dabei braucht nicht gesagt zu werden, wie tief die erwähnten Ereignisse zu ihrer Zeit alle Gemülher bewegt haben, wie in dem Augenblick alles Andere gegen sie in den Hintergrund trat, wie wichtig und von weltgeschichtlicher Bedeutung sie in der Thal sind. Die Geschichte wird von jenen Thatsachen noch nach einer langen Reihe von Jahrhunderten berichten, man wird diese Geschichten lernen und lesen, aber so lebendig, wie die Purimgeschichte sind sie, selbst die neueste, schon heute nicht mehr, und wie erst nach fünfzig, nach hundert Jahren. Unläugbar ist's — es liegt in allem, was Israel betrifft, eine Weihe, was mit ihm in Berührung tritt, erhält an Israels eigener Unvergänglichkeit Theil; Freunde wie Feinde Israels, es wird ihrer auf die Dauer gedacht. Selbst die Verwünschung vom „Ausgelöscht werden" geht nicht in Erfüllung, weil es nicht möglich ist; das Andenken wird nicht ausgelöscht; selbst der Nebenfiguren Kerbest wie Charbonah, wird ja wirklich noch gedacht. Es ist ein „ewiger Salzbund" mit Israel geschlossen. Wie das Salz selbst nicht verdirbt und alles, womit es in Verbindung tritt, vor Verwesung schützt, so wohnt gleiche erhaltende Kraft in Israel und in seiner Geschichte- Denn es ist nicht die Wichtigkeit jener Purimgeschichtean sich, die sie und das Fest unvergänglich erhält. Haman spricht: „Da ist ein unter alle Völker zerstreutes und zersplittertes Völkchen"; — das ist so geblieben, Israel ist heul und schon seit mehr als 1800 Jahren noch immer weiter und mehr zersprengt, als in weiland Ahasverus 127 Provinzen. Haman sagt: „Wenn es dem König gut dünkt, so wollen wir sie ausrotten lassen"; — es hat seitdem unzähligemal Königen und Ministern, geistlichen und weltlichen Herren, Mächtigen 'und Unmächtigen, den Hohen und dem Pöbel gut und sehr gut gedünkt, Israel zu vernichten. Haman sagt: „Zehntausend Talente zahle ich obendrein", und der Schah, antwortet: Dein Geld begehre und brauche ich nicht." Es hat noch sehr oft an 10000 Talenten zur Vertilgung nicht gefehlt; Silber - Talente und Geister-Talente sind zu dem Zwecke in Bewegung gesetzt worden; es werden noch heut alljährlich zehntausende — in bis deutendem Plural — Silber- und Goldstücke eingesammelt und eingeliefert, um Israel durch Bekehrung, Traktätchen und Reiseprediger zu vernichten, dazwischen hat es auch nicht an Anderen gefehlt, die da erklärt haben: Geld brauchen wir dazu nicht, und mit Geld ist's nicht zu machen; und sie haben andere Maßregeln zur Vernichtung vorgeschlagen und ins Werk gerufen, von Antiochus bis auf Bratiano, vom gewaltsamen Taufen der Kinder bis zum Entziehen des Broderwerbes, wer kann den hundertsten Theil aufzählen! Puriin erzählt uns eine „alte Geschichte", nicht nur im Sinne des wirklich Alten, sondern auch in der Bedeutung des tausendfach wiederholten, immer wiederkehrenden, weder Neuen, noch Jntereffanten, des historischen Einerlei. Und doch alljährlich neu und unvergänglich. (Schluß folgt.) Berichte und Correspondenzeu. Deutschland. Breslau, 22. Februar. (Or.-Corr.) Es geht doch nichts über ein Bischen Consequenz. Das hat uns neulich die Nr. 6 des „Israelit" eindringlich vor die Seele geführt. Als der Gedanke an eine Petition, den obligat, jüd. Religionsunterricht betreffend, vor die Oeffentlichkeit trat, druckte dieses Blatt die Aufforderung iammt dem Gutachten ab und fügte nur die Bemerkung hmzu, jeder „Glaubeustreue" werde, ehe er unterschriebe, erst eines Passus in der Petition sich vergewissern müssen, der die Dispensation ermögliche. Also prinzipieller Widerspruch gegen eine eventuell e U n l e r s ch r i f t w a r d a m a l s n o ch n i ch t v o r ha nden. Der gewissenhafte Leser des „Israelit", der sorgfältiger als der Redacteur zu lesen gewohnt war, las nun den gewünschten Passus in dem die Aufforderung begleitenden Gutachten; was mußte er als „Glaubenstrener" thun zu dürfen glauben? Offenbar — wir Sterblichen sind ja dem Jrrlhum unterworfen — war der Aufmerksamkeit des Herrn Redaeteur der betr. Paffus nur entgangen, er, der „glaubenstrene Leser", durfte nun unterschreiben. Weit gefehlt! Nr 6 des „Israelit" verbietet dies jetzt erst recht. „Niemand, welcher Richtung er auch angehöre, sollte sich der in Rede stehenden Petition anschließen " Aus welchen Gründen? Wir wollen uns die im Leitartikel der betr. Nummer » angeführten Gründe näher ansehen. „Die Petition will einen Zwangszustand erbitten, der eben so sehr den Interessen des wahrhaften Jndenthums, wie dem Geiste unserer Zeit entgegen ist." — „Das Ideal der letzteren ist die vollständige Trennung von Staat und Kirche." Welches sind nun die Interessen des wahrhaften Jndenthums? Wir sollten meinen, die möglichst allgemeine Verbreitung und Anerkennung seiner Lehren. Es ist ja eilte leider nicht zu leugnende Thatsache, daß die meisten unserer modern gebildeten Juden dem Judenkhum entfremdet sind nicht aus Abneigung dagegen, sondern aus Unkenntniß desselben. Mit einiger Consequenz mußte man dann weiter schließen, daß in den bisherigen Zuständen „etwas faul" sei, und ans „Interesse für das wahrhafte Judenthum" müßte man dem mangelnden Interesse für die Religion durch Eriitöglichnng einer bessern Verbreitung der Kenntmß seiner Lehren enlgegenzntreten suchen. Das würde dann dazu führen, den vorgeschlagenen Schritt einer Petition wegen obligatorischen jüo. Religionsunterrichts mit Freuden zu begrüßen. Daß diese Calculation rächt falsch ist, haben bis jetzt mehr den» 100 jüdische Gemeinden bewiesen. „Das Ideal wahrer Gewissensfreiheit ist Trennung von Staat und Kirche." In Bezug auf diesen Satz erkennen wir dem Verfasser des besprochenen Artikels geril das Prädical des Coitservatismus zu Wahrlich, es ist ein eigner Conservatismns, heut noch an diesem Wort festzuhalten, das dereinst allerdings ein Schlagwort der liberalen H'ißsporne von 48 gewesen und nun verleugnet und verkannt wird von allen jenen Begeisterten — die C e n tr u m s fraction des Reichstages und den „Israelit" ansgenoinmen. Das deutsche Volk ist eben politisch resier geworden und ist sich der schweren Gefahr wohl bewußt, welche für die Bildung des Volkes von der Realisirnng dieses Ideals zu erwarten ist, deffen Forderung heut zu den „banalen Phrasen" gehört. Dazu kommt, daß der Aufruf und das Gutachten, beide nichts weiter verlangt haben, als Gleichstellung mit den andern Eonsessionen, damit endlich einmal der Staat aufhöre, den verschiedenen Bekenntnissen seiner Angehörigen Sonne und Wind nach verschiedenen Grundsätzen zu gewähren. Doch, Gründe sind wie Brombeeren feil, und so hat deren der „Israelit" noch manche, unbekümmert darum, daß dieselben in diesem Blatte schon ihre Widerlegung gefunden. Ich habe eben die Verhandlung des Abgeordnetenhauses vom 21. Februar gelesen, in welchem der Abgeordnete Petri sagt: