Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 6. (8.2.1877)
- Date
- 1877-02-08
- Page
- Seite 51 (sequence 7)
- Language
- German
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51 (siehe: Berlin) als culturoller Fortschritt in unser,n Lande hervorgehoben zu werden, daß in der jungst stattgefnndenen mehrtägigen Beralhnng über das neue Wuchergesetz im Budapester Reichstage kein einziges gebüssiges Wort über die Juden vorkain, obwohl einer der Redner zu diesem Gesetze der seiner Zeit zu so schnellem Ham an rühme gelangte Jstoczy war. London. In der Sitzung des .Board of Deputies am 22. Januar kam ein Schreiben des Oberrabbiner Br. Adler zur Verlesung, in welchem dieser einen Brief von glaubwürdigster Stelle aus Rumäuien zur Kenntniß der Versanuulung bringt. Dieser Brief coustatirt das große Elend, welches durch Vertreibung und Beraubung über eine Anzahl von etwa 400 israel. Familien mit ca. 1500 Seelen gekommen ist, die man bei einer Kälte von 20 Grad hiuausgejagt hat. Br. Adler bittet, zur Unterstützung der Unglücklichen Beiträge zu sammein. Im Laufe der Verhandlung regte M. R. Adler an, eine Meeting zu veranstalten, um, wie es aus Anlaß der bulganschen Greuel geschehen, die öffentliche Entrüstung über die Schänolichkeiieit der Rumänen sich ausfprechen zu lassen. — Es ist einstweilen vom Board ein Aufruf zur Sammlung von Unterstützungsbeilrägen reröffenlitcht worden. Ein Special Correfpoitdent des „Dailey News" teiegraphirt aus Pest am 21. Jan, daß über 100 jüdische Flüchtlinge in Also Ucsa m Siebenbürgen angelaugt seien. Dieselben befinden stch in ganz hülflosem Zustande. Feuilleton. Der letzte Jude. (Forsetzung.) Und „nohch Schul" hat sich auch das Geheimniß aufgeklärt. Das Männchen, welches Mendel die Kleider verkaufte, war ein Sekräter der Stadtkommandanten von Wien, welcher demselben Geld und Pläne anvertraut und sich nach Ungarn flüchtete. Mendel war das unglückliche Opfer der Verwechslung, welche durch die bekannte Tracht entstand, und darin noch mehr Stützpunkt fand, daß die Polizei-Agentenden Spion nur aus dem Steckbrief kannten. Als das Mißverständniß entdeckt wurde, sandte nran Mendel mit einigem Gelächter nach Hause. Mendel war seit dieser Zeit das Stichblatt der etwas rüden Preßburger Jugend, und dies verleidete ihm seine Stelle. Im Jahre 1850 folgte er einen, Rufe nach G., wo er seit dieser Zeit lebte und oft den Leuten — und auch an dem Tage, an welchem wir unsere Erzählung beginnen — davon erzählt, in welcher Weise er das Opfer der Revolution wurde. Der alte Salomon hatte ruhig die Schicksalstragödie seines Gastes angehört, endlich sagte er: „Wir sind jetzt allein — und da der Sabbath sich zu Ende neigt — und Ihr morgen abreisen wollt, so wäre es an der Zeit, die Angelegenheit, der ich die Ehre verdanke, Euch bei mir zu sehen, auch zu besprechen." „Gewiß Reb Schlaume! — verzeiht, daß mir der alte Name wieder auf die Zunge kommt" — unterbrach der Synagogendiener seinen Satz. „Nennt mich wie es Euch beliebt," sagte Saloman lächelnd. Eigentlich hatte er bei seiner Geburt, nach seinem Großvater den Namen Schlaume erhalten; da jedoch der Name Schlaume etwas stark mosaisch klang, nannte er sich im Umgang mit Christen — um ihnen das Aussprechen, wie er sagte, zu erleichtern — Salomon. Manche Unannehmlichkeiten und Spöttereien hatte in Folge dieser Namenswandlung von ^eti älteren Glaubensgenossen — namentlich aber von ferner Schwester — zu ertragen, allein die Zeit heilt jede Wunde, sie ließ auch die Erinnerung an seine That bei seinem Glaubensgenossen verblassen, und nur ältere Leute, Bekannte, nannten ihn noch hie und da bei seinem wahren Namen Schlaume. Wie Salomon so da saß, das alte Sammetkäpchen zurückgeschoben, über die wenigen Haare, die die Stirn umrahmten, war es nicht eigentlich tiefer Ernst, was sich in seinem scharf markirten Gesicht malte; sondern eine eigenthümliche Ueberlegenheit, eine innere Befriedigung. „Also Ihr seid gekommen, für Euren Sohn um die Hand meiner Tochter anzuhalten?" sagte er nach einer kleinen Pause. „Und ich will hoffen, daß mein Hiersein von Segen begleitet ist." „Warum kam Euer Sohn nicht selbst?" „Bevor zwischen uns die Sache abgemacht ist?" fragte Mendel erstaunt. „Allerdings! — Meine Tochter muß doch nüt Eurem Sohne leben, sie muß ihn also kennen, achten und lieben lernen. Liebe und Achtung sind unzertrennlich, wie Sonne und Licht; warum kommt nicht Euer Sohn und tritt vor mich hin und spricht also: Herr Salomon, ich liebe Eure Tochter, wollt ihr mir sie zum Weibe geben?" . „Ein solcher Vorgang bei Juden wäre ja etwas ganz Neues und ganz gegen jede Ordnung!" sagte . Mendel etwas kleinlaut. „Findet ihr es denn in Ordnung, daß man sein Kino als ein todtes Besitzthum, als eine lebendige Sache behandelt? Niemand dünkt sich zu gering oder zu schlecht, seine Hand nach der Waare in Frauengestalt auszustrecken. Die älteste, heidnische Marmorstatue findet ein bewunderndes Herz; doch das jüngste jüdische Mädchenherz soll nur die Bewunderung einer Statue finden? Es ist ein eigenthümliches Schicksal, das an den Töchtern unseres Volkes haftet! Mir hat diese Unsitte niemals gefallen, daß man erwachsene Töchter verlobt, verheirathet, ohne daß sie selbst gefragt werden, daß man sie fürs ganze Leben an einen Mann fettet, den sie erst kurz vor der Hochzeit, vielleicht gar erst unter dem Trauhimmel zum ersten Male sieht. Da kann von keiner eigentlichen Liebe die Rede sein. Verlangt das etwa nnsere Religion? Unsere heilige Schrift? Ihr kennt doch die Bibel, die schöne Erzählung von der Verheirathung der Rebekka? Hat man sie nicht auch vorher gefragt, ob sie Isaaks Frau sein wolle. Ja das ist echt biblisch. Aber später ist man davon abgekommen, freilich hat die Noth sie dazu gezwungen, im Mittelalter da waren böse Zeiten, da kamen oft Raubritter, die schleppten die Töchter weg, oder die Ellern hinweg von den Kindern, da war es der Eltern heilige Pflicht, frühzeitig für die Töchter zu sorgen, da verlobte man sie, ohne viel zu fragen, an irgend welchen Mann, nur damit sie einen Beschützer haben; jetzt aber sind doch die Zeiten anders geworden, unsere Töchter lesen in Büchern, haben etwas gelernt, da kann man mit ihnen nicht mehr so verfahren." „Ihr seid ein Freigeist!" „Nennt mich immer so, weil ich einfach nach dem biblischen Beispiel handle; weil ich auf die Bibel mehr gebe, als auf Eure Unsitte. — Ich zwinge meine Tochter nicht, einem Manne die Hand zu reichen, den sie nicht liebt. Das Herz ist keine Waare zum Verkauf." „Die Welt scheint also recht zu haben, wenn sie sagt, daß Ihr Eure Tochter nur dem gebt, den sie liebt." „Diesnlal hat die Welt ausnahmsweise einmal die Wahrheit gesprochen!" „Jedem?" fragte Mendel lauernd. „Was fragt Ihr?" „Alan sagt, daß Eure Tochter bereits gewählt hat." Salomon stutzte eine Weile, dann antwortete er: „Wenn dies der Fall — wird mein Kind es mir künden. Rosa hat keine Geheimnisse vor ihrem Vater." „Wartet daraus," sagte Mendel ironisch lächelnd, indem er sich erhob und sich von seinem Wirthe verabschiedete. Salomon geleitete seinen Gast eine Strecke und kehrte sodann in sein Haus zurück. (Forts, folgt.) /