Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 5. (1.2.1877)
- Date
- 1877-02-01
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 43 — Feuilleton. Der letzte Jude. Von A. Oppenheim. (Forsetzung.) Lämmchens Haus beherbergte heute einen berühmten Gast, aus der nahen Hauptstadt — Mendel Simon. Vorsänger und Schammes (Castellan) der Synagoge zu G. Mendel war ein bedentend philosophischer Characler, voll von Sentenzen und Sprüchwörtlein, und wenn ihm die Welt etwas nachsagen konnte, so war es einzig und allein eine etwas zu schwärmerische Neigung für Koscherwein, dessen ungewässerter Zustand Nectar für seine ewig dürstende Kehle war. Uebrigens war Mendel ein sehr würdiges Männlein, und er fühlte die Wichtigkeit seines Amtes so sehr, daß er nimmer müde ward, die erhabene Stellung eines Vorbeters allen, die es hören wollten, zu demonstriren. Er wußte wohl, daß er der eigentliche Pförtner des Himmels war, der die Leute in denselben spedirte durch seine kräftige Stimme, er wußte, daß von seinen! guten Willen das Sein oder Nichtsein einer betenden Versammlung abhing. Mendel war außerdem ein speculativer Kopf und seine Wirksamkeit erstreckte sich nicht blos auf erwähntes Amt, sondern zugleich auf einen Kleiderhandel, der ihn mit gar manchem Modegotte zusammen brachte, und ihn tiefere Blicke in die Verhältnisse mancher Familie werfen ließ. Dieser Kleiderhandel eben machte ihn zu einem berühmten Mann, zu einer politisch compromittirten Person, und das war sein Unglück Mendel war ein Märtyrer des Jahres 1848. In der Synagoge der alten Haupt- und Krönungsftadt Preßburg war es, wo der gute Mendel vor 21 Jahren, seine damals noch kräftige Tenorstimme zur Erbauung der andächtigen Gemeinde hören ließ; wo er zugleich das Amt eines Schulkloppers versah. Jeder kannte ihn. wenn er des Morgens mit seinem Bündel durch die Straße zog und bald in dies, bald in jenes Haus einkehrte, bald beladen, bald ganz leer herauskam und in unendlichem Schaffen des Tages Last und Hitze standhaft ertrug. Aber Jeder kannte ihn auch, wenn er mit ernster Miene sein Amt verrichtete und seine Stimme weit durch die stillen Gassen schallte. Mit einem Wort, Mendel war ein öffentlicher Charakter. Es war im Jahre 1849, als Mendel vor seinem Laden beim Edelhofe am Fuße des Schloßberges stand und sein Pfeifchen rauchte. Seelenvergnügt hörte er auf die Vorlesung seines Nachbarn, des Schneidermeisters, der ihm mit Würde den Inhalt der „Preßburger Zeitung" vortrug. Bei dieser Lectüre seufzte Mendel lief auf, denn, um es ausrichtig zu gestehen, er war ein ruhig gesinnter Mann und liebte die Umwälzung Ungarns nebst deren Folgen durchaus nicht, — und wenn eine recht revolutionäre Stelle vorkam, in der jedes Wort ein Blutstrom, so schüttelte er schmerzlich lächelnd das Haupt und brummte leise so etwas zwischen den Zähnen, was der Vorleser, ein fanatischer Ungar, der Kossuth als den Stellvertreter Gottes betrachtete, nicht hören durfte. Als die Vorlesung beendet, nahm Mendel eine Prise, wie dies in kritischen Verlegenheitsfällen gebräuchlich; der Schneider aber begann zu jauchzen und zu frohlocken über die göttliche Freiheit, die so liebevoll in seinem Heimathslande hauste und der es in ihrer liberalen Gesinnung auf ein paar Köpfe zu viel gar nicht ankam. Als aber Mendel in dieses Hosiannah mchl mit einsiinnnte — denn ein Mann von Charakter war er und wußte nicht zu heucheln — da entfernte sich der Volksfreund und rief noch, als er die Thür verließ: „Wart' Nachbarn, der Kossuth wird es Euch schon einbrocken!" Diese Drohung aber brachte Mendel wirklich zum Lachen. Wie konnte er, der ehrsame Schulklopper der guten Stadt Preßburg, von dem Oberhaupt der ungarischen Bewegung etwas zu fürchten haben. Doch mit des Geschickes Mächten war es selbst den, Schulklopper Mendel nicht vergönnt, einen ewigen Bund zu flechte«, und das Fatum nahte schon leisen Tritts. Denn eben als Mendel sich in das Innere seines Ladens zurückziehen wollte, kam ein hagerer, scharfblickender Kerl auf ihn zu, präsentirte ihm ein volles Bündel und fragte ihn, ob er das darin enthaltene Zeug kaufen wollte. Unser Mendel war leicht bereit, und bald hatte er einen respectablen braunen verschnürten Rock, ein enges Beinkleid und eigen stattlichen Kalpak erstanden Eine Woche später — es war Sukkoth — zogen die Oesterreicher in die von den Honveds verlassene Stadt Preßburg ein, und am ersten jener für ihn festlichen Tage beschloß Mendel ein kühnes Unternehmen, nämlich auf den Hauptplatz spazieren zu gehen. Ich nenne dies Unternehmen kühn, weil Mendel sehr selten über die Grenzmarken des Judenviertels hinauskam. Aber heute sollte eine eigene Promenade nach Schul angestellt werden, und jener Dämon, welcher überall sein Spiel hat, flüsterte es Mendels eitlem Herzen zu, sich in die Kleider zu werfen, die er vom Männchen erstanden, da er hoffte, sowohl durch den Kalpak als die engen Beinkleider besonders zu imponiren, und Jedermänniglich ein wohlgefälliges Schauspiel zu geben. Freilich saß der Kalpak etwas tief und der Rock etwas weit, aber das schadete in jenen glücklichen Zeiten ja nichts, wo die Göttin der Mode noch nicht so viele Altäre zählte. Ueberdies hatte er sich überzeugt, daß sein Staat nach Vorschrift mit Seide und nicht mit Zwirn genäht war. Einem gespreizten Pfau gleichend, schritt Mendel über den Schloßberg hinab, über den Kapuzinerplatz durch den Bogen, wo ihm bei dem sehr engen Eingang ein vorbeirollender Wagen den Zipfel seines langen Rockes faßte und ihn beinahe gerädert hätte, dem Hauptplatze zu. Jetzt schon war Mendels Herz von Ahnungen übermannt, und er dachte, es wäre wohl besser, zu Hause geblieben zu sein, und dem Schloßberg allein das Schauspiel eines stattlichen Schulkloppers gegönnt zu haben. Als er beim Landhause vorbei kam, da ward ihm verzweifelt zu Muthe, ob der vielen Rippenstöße, die der edle Dulder empfing. Er athmete tief auf, als er sich endlich auf dem Hauptplatze befand. Kaum aber war er etwas auf und ab gewandelt, so bemerkte er, daß zwei sein gekleidete Herren sich in einer kleinen Entfernung hinter ihin hielten. Endlich kamen sie imnier näher, und der Eine stellte sich vor ihn und ersuchte ihn ziemlich barsch, ihm zu folgen. Mendel weigerte sich, und als die Beiden ihn an den Arrnen faßten, wollte er schreien, der Eine aber donnerte ihm zu: „Ihr kommt mit uns, oder Ihr zwingt uns, Gewalt zu brauchen." Mendel, der sehr schreckhafter Natur war, wagte ganz versteinert auf die Drohung kein Wort zu erwiedern, und trat fast willenlos in oas Rathhausgebäude. Kaum dort angekommen, riß ihm einer seiner Begleiter den Rock vom Leibe, that einen großen Schnitt hinein, zog nach langem Suchen aus dem Futter ein Papier und hielt es dem zitternden Mendel unter die Nase, indem er sothanen Gestus, mit dem für Mendel keineswegs ermunternden Worten begleitete: „Nun haben wir Dich, Hatlunke!" Kein Mensch in Preßburg wußte, was aus Mendel geworden, die graulichsten Gerüchte verbreiteten sich über sein Verschwinden. Aber es waren sechs Wochen nach dem Sukkothfeste, da hörte man am Freitag Abend auf einmal ein bekanntes Klopfen und eine noch bekanntere Stimme, und als man tsinaussah, — da stand er wahrhaftig da, der leibhaftige Mendel, etwas magerer als sonst und ernst blickend, aber doch noch immer der Alte. Und Alt und Jung stürzte aus der Thür und fragte ohne Unterlaß,— Mendel aber sagte phlegmatisch: „Nohch Schul." (Forts, folgt.)