Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 4. (25.1.1877)
- Date
- 1877-01-25
- Page
- Seite 35 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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/ — 35 Feuilleton. Der letzte Jude. Von A. Oppenheim. (Forschung.) „Noch weiß sie's nicht; ich fürchte aber —" „Was fürchtest Du?" „Daß es ihr Kummer macht, wenn ich Dir die Hand reiche." „Warum? Bin ich Deiner Liebe werth, weshalb nicht der Ihrigen?" „Sei getrost und blicke der Zukunft froh entgegen." „Was wirst Du thun?" „Was meiner würdig ist und meine Mutter nicht verletzt." „O mein Gott! o hätt' ich Dich nie gesehen!" rief Rosa, plötzlich in Thränen ausbrechend. „Was hast Du?" „Wußtest Du schon damals, als Du zu mir tratest, daß Deine Mutter" — sich plötzlich unterbrechend, als reuten sie die gesprochenen Worte, sagte sie weich und innig: „Nein! kein Vorwurf! — war doch mein Herz Dein im ersten Augenblick." Die Thränen trocknend fuhr sie mit zitternder Stimme fort: „Geh zu Deiner Mutter! ich werde welken, wie die Blume des Waldes, Hab' ich doch auch geblüht!" „Nein, nein, nicht so! Du sollst nicht welken, nur noch schöner blühen," rief Alfred begeistert, indem er Rosa in seine Arme schloß. „Ich habe Dich erkannt in Deiner anspruchslosen Herrlichkeit, in Deiner Liebe, Deiner reinen Weiblichkeit! Du sollst nicht mit mir das Opfer verjährter Vorurtheile sein; was meinem Geiste klar geworden, das schönere, ältere, heilige Recht des Menschenherzens — das will ich auch im Leben durchführen. — Rosa! Du wirst mein Weib für alle Ewigkeit, das schwöre ich Dir!" Rosa schwieg, sie preßte die Hand an's Herz, damit es nicht zerspringe; Thränen glänzten in ihren Augen — es waren Freudenthränen — Thränen des Glückes. „Sieh' Alfred, dort die untergehende Sonne, der Himmel erglüht von ihren scheidenden Strahlen, goldner Glanz umfließt die Gipfel oer Berge; aber bald wird nur eine schwache Linie um ihre dunklen Häupter an die untergegangene Sonne mahnen — die Sonne meines Herzens bist Du, mein Alfred! Wenn Du mich verlassen könntest, wenn Du mich nicht mehr liebst, dann wird nur der bleiche Schmerz in meiner Brust die Stelle bezeichnen, wo einst meine Seligkeit geleuchtet, die dann untergegangen sein wird — wie die Sonne meines Glückes — des Lebens." Stumm umarmte Alfred das theuere Mädchen, das sich mit dem Zutrauen der Unschuld an ihn schmiegte. Es dunkelte bereits, als Alfred und Rosa den Heimweg antraten. Aus dem Thale ertönte die Abendglocke und der Himmel lächelte mit seinen tausend Sternen auf die freundliche Gegend hernieder. Welch' herrlicher Abend. Die Sonne war fast ganz verschwunden, zitternd gleiteten ihre letzten Strahlen über die Baumwipsel, die grünen Blätter mit Gold umfluthend, und sich im Glanz des Thautropfens am Grashalm regenbogenfarbig widerspiegelnd. Stiller und stiller ward der Wald, der Gesang der Vögel ist verstummt, sie ruhen in ihren Nestern, nur der eintönige Schlag des Spechtes, der an den Baumrinden nach Jnsectenlarven sucht, ist vernehmbar, aber bald verstummt auch er und Ruhe und Frieden athmet die Natur, kein Ton weckt den Wald vom tiefen Schlummer, die Ruhe der Nacht hat sich über die ganze Natur und alle Wesen m ihr ausgebreitet. Ringsum Alles still und ruhig. Die Blume erschließt ihre geheimsten Tiefen, das Laub beginnt zu flüstern und am Hrmmel sinkt von Zeit zu Zeit spurlos zerstiebend, ein Stern hmab das treue Bild des Menschenlebens. Zweites Kapitel. In der Nähe des Gasthofes „zum Adler" steht ein kleines Häuschen — der Judenhof genannt. Wir steigen eine schmale Treppe hinauf und gelangen in ein einfaches Zimmer mit entzückender Aussicht auf Berg und Thal. Die Stube, in welche wir eintreten, ist, wenn auch nicht reichlich, festlich geschmückt, der Fußboden mit Sand bestreut, der große runde Tisch mit einem reinen, weißen Leinentuch bedeckt. Von der Decke herab hängt die blankgeputzte Lampe. Es ist heute Sabbath. Für Frau Esther war es Grundsatz, ein Theil desjenigen, was ihr Bruder, Salomon Lämmchen, in der Woche verdiente, zur Feier des Sabbaths anzuwenden. Wehe dem Menschenkinde, der es wagte, diesen Grundsatz der Frau Esther erschüttern zu wollen. Hatte sie doch den Beweis in Händen, daß derjenige, welcher die Heiligkeit des Sabbaths nicht anerkenne, der göttlichen Strafe verfalle. Es war an einem Freitagabend, als ein naher, reicher Verwandter, Namens Schwarz, aus der Residenz ihren Bruder Salomon besuchte. „Was verschwendet Ihr so viel Geld für den Sabbath? Ihr werdet dereinst darben müssen und Eure Kinder unversorgt in der Welt zurücklasien," sagte Schwarz. Esther antwortete: „Es steht geschrieben: Du sollst den Sabbath ehren! und ich halte mich an dem Sprüchwort: Womit man den Sabbath ehrt. Das wird einem doppelt wieder bescheert!" Schwarz erwiderte lächelnd: „Dies Sprüchwort trügt, denn wie sehr Euer Bruder auch den Sabbath ehrt, so bringt er's doch nicht zum reichen Mann; ich aber, der wenig nach dem Sabbath frage, bin so reich, daß ich meine Zinsen nicht verzehren kann, geschweige den Ertrag meiner glücklichen Speculationen. Weil aber der Sabbath ebenfalls im Jahre mitzählt, er mir also ebenfalls Zinsen bringt, wenn ich den Sabbath feiere, darf ich wohl sagen, mein Sabbath ist mir siebenfach einträglicher, als Alles, was Ihr sprüchwörtlich vom Sabbath zu hoffen habt. Esther schüttelte den Kopf. „Ei, ci!" rief sie. „Aus Allem, was Ihr da sagt, ergibt sich, daß Ihr dem Glücke dient, und nicht dem hochgelobten Gott Seht Euch vor, denn Ihr dienet einem sehr wankelmüthigen und launischen Herrn, der bei der ersten Gelegenheit Euch seine Gunst entzieht. Wir aber dienen einem Herrn, der wahr und ewig ist, und deffen Gunst nur die besitzen, welche auf ihn bauen." Hiermit ging sie wohlgemuth aus dem Zimmer und ließ den reichen Mann allein. Ein Jahr nach dem Gespräche sprach man an der Börse von den großen Verlusten des reichen Banquier Schwarz, deffen Banquerott man für unvermeidlich hielt. Als auch das Gerücht seinen Weg nach Rolandsau nahm und zu Esthers Ohren drang, sagte sie zu ihrem Bruder: „Es mußte so kommen, denn er achtete den Sabbath nicht." Der etwas aufgeklärte Salomon lächelte — und schwieg. Einige Tage später war Schwarz, ein Mann, der nicht nur sein Vermögen, sondern auch seine Ehre verloren, und abermals sagte Esther: „Es mußte so kommen, denn er achtete den Sabbath nicht." Seit dieser Zeit war die Heiligkeit des Sabbaths im Hause Lämmchens eine noch größere — und wer es mit Frau Esther nicht verderben wollte, der mußte ihr zustimmen, wenn sie sagte: „Gibt es denn eine größere Glückseligkeit als die, welche der hochgepriesene Gott uns in der Sabbathfeier bescheert hat? Um dieses Glück zu genießen, braucht man den Sabbath nur genau nach Vorschrift zu halten, und das kann der ärmste Mensch auf dem Lande, wenn nur die H a u s f r a u es will; der Mann wird's niemals wehren! Kann er auch geschäftlich den Sabbath nicht immer feiern, so sieht er's doch gern, wenn's in seiner Häuslichkeit geschieht." (Fortsetzung folgt.) »V j