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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-01-04 · N° 1. (4.1.1877) · p. Seite 2

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 1. (4.1.1877)
Date
1877-01-04
Page
Seite 2 (sequence 5)
Language
German
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— 2 — Berichte und Correspoudenzeu. Deutschland. Stettin, 27. December. Wir haben in der letzten Nummer des vor. Jahr, bereits den Wortlaut des eigentlich Petitums der von der israelitischen Conferenz zu Paris verfaßten Denkschrift mitgetheilt. Diese soll der in Constantinopel tagenden Conferenz der Mächte, dann den einzelnen Regierungen der Staaten, aus denen Vertreter in Paris erschienen waren, und dann noch in besonderer Form dem russischen Gesandten in Paris überreicht werden. Die ganze, ziemlich umfangreiche Denkschrift abzudrucken, scheint hier nicht geboten; sie enthält nur sehr einfache, unbestreitbare Erwägungen und eine Darlegung der Verhältnisse der Juden in Serbien und Rumänien, der gesetzlichen resp. traktatmäßigen Bestimmungen und der faktischen Behandlung der Israeliten in jenen Ländern — alles das ist unfern Lesern genügend bekannt. Die Vertreter der europäischen Mächte wissen es ebensowohl; natürlich muß es ihnen noch einmal gesagt und belegt werden. Eins hätte wohl klar, bestimmt, ungescheut noch gesagt werden dürfen; daß, wenn die neu zu stipulirenden Verträge nur von ch r ist liche n Unterthanen der Pforte reden würden, der Mißhandlung der Juden Thür und Thor geöffnet, ein quasi gesetzlicher Boden gewährt würde, da ja das Vorurlheü, der fanatische Haß der fraglichen Bevölkerung gegen Juden hinlänglich bethätigt worden sei. — Wer wird nun der deutschen Regierung die Denkschrift überreichen? Petitioniren steht zwar jedem frei, aber erfolgreicher ist's doch, wenn es entweder gemeinsam von einer großen Zahl Einzelner ausgeht, oder von den Vertretern einer größeren Körperschaft. Als solche können die Vertreter der Allianz in Deutschland sich kaum einführen. Schon vor drei Wochen hat Dr. F seilchenseldj in Posen den Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin, als gesetzlichen Vertreter der größten jüdischen Corporation im Reiche, öffentlich aufgefordert, seines klar vorgezeichneten Berufes zu wahren. Ob es geschehen ist oder jetzt geschehen wird, sei es durch Anergnen der Denkschrift der Pariser Conferenz, sei es durch eine eigene, wissen wir zur Stunde nicht. Dagegen hat die B r e s l a u e r Gemeindevertretung, wie bereits in vor. Nr. gemeldet, bereits unterm 12 d. Mts. Veranlassung genommen, die nachfolgende Vorstellung an den deutscren Reichskanzler zu richten: Durchlauchtigster Fürst, Gnädigster Herr Reichskanzler! In dem Augenblicke, wo die Conferenz von Bevollmächtigten der europäischen Großmächte in Konstantinopel zusammentritt, um über eine durchgreifende und dauernde Verbefserung der Lage der christlichen Bevölkerung der Balkanhalbinsel zu berathen, wendet sich die Aufmerksamkeit und Theilnahme der Israeliten im civilifirten Europa unwillkürlich dem Schicksale ihrer zahlreichen Glaubensbrüder in eben jenen türkischen Provinzen zu. Wenn diese bisher im Allgemeinen das traurige Loos ihrer christlichen Mitunterthanen theilten und gleich diesen nicht nur eines einigermaßen gesicherten Rechtszustandes in bürgerlicher, politischer und religiöser Hinsicht entbehrten, sondern auch in socialer und wirthschaftlicher Hinsicht unter dem schweren Drucke localer Mißregierung zu leiden hatten, so schweben sie jetzt in Gefahr, von den Wohlthaten des verbesserten Zustandes, den die europäische Intervention herbeizuführen bemüht ist, in der Folge sich dennoch ausgeschlossen zu sehen, sofern nicht zu ihren Gunsten ausdrückliche und unzweideutige Bestimmungen in denjenigen Abmachungen getroffen werden, welche die unter die Garantie der Mächte zu stellende, urkundliche Grundlage für die künftige Verfassung und Verwaltung der türkischen Provinzen mit gemischter Bevölkerung bilden sollen. Von dieser, durch frühere Erfahrungen als nicht unbegründet erwiesenen Besorgniß geleitet, haben angesehene Vertretungen israelitischer Associationen in England und Frankreich soeben Schritte eingeleitet, um der Conferenz in Konstantinopel den Antrag zu unterbreiten, daß bei Feststellung der Verhältnisse der mehrgedachten türkischen Provinzen den dort wohnenden Israeliten der gleiche und volle Mitgenuß aller bürgerlichen, politischen und religiösen Rechte wie allen übrigen nichtmuselmännischen Unterthanen der Pforte gesichert werde. Wiewohl durch unsere nicht minder lebhaften Sympathien für das Wohl unserer orientalischen Glaubensbrüder zur vollen Beistimmung und Unterstützung jener Bestrebungen veranlaßt, ziehen wir es dennoch vor, dem Zuge unseres unbegrenzten innern Vertrauens zu der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten unseres theuern deutschen Vaterlandes zu folgen, und durch diese ehrerbietige Vorstellung das künftige Loos der israelitischen Bevölkerung der Balkanhalbinsel Ew. Durchlaucht an's Herz legen. Von der Ueberzeugung durchdrungen, daß Deutschland bei der Schlichtung der orientalischen Wirren, neben der Rücksicht auf die Erhaltung und Sicherstellung des europäischen Friedens, ausschließlich die Interessen der Menschlichkeit und der Civilisation im Auge hat und daher auch nur in der Richtung dieser hohen Zielpunkte seinen machtvollen Einfluß geltend machen kann und wird, dürfen wir uns getrost der Hoffnung hingeben, daß Ew. Durch- taucht es nicht als eine dem deutschen Standpunkt fernliegende; Aufgabe ansehen werde, sich bei der Regelung der türkischen Angelegenheiten im Namen der Humanität und der Gerechtigkeit besonders auch desjenigen Theilcs der Bevölkerung anzunehmen, dessen Sache nur allein in diesen großen Prinzipien, und nicht zugleich auch in dem realen politischen Interesse der einen oder der andern Schutzmacht ihre Stütze findet. Demgemäß nehmen wir uns die Freiheit, im Namen der hiesigen Synagogen-Gemeinde Ew. Durchlaucht die ehrerbietigste und gehorsamste Bitte vorzutragen: „Ew. Durchlaucht wolle nach Ihrem weisen Ermessen dem deutschen Bevollmächtigten bei der Conferenz in Konstantinopel die wirksamste Förderung der Rechte und Interessen der israelitischen Unterthanen der ottomanischen Pforte in den Provinzen der Balkanhalbinsel hochgeneigtest anempfehlen." Mit tiefster Ehrerbietung rc. Die unler'm 18. d. Nits, aus dem auswärtigen Amte erfolgte günstige Antwort haben wir bereits in vor. Nr. mitgetheilt. Stettin, 27. December. Zn unserm Leitartikel Nr. 51 „zur Charakteristik des Fanatismus" ist uns von mehreren Seiten Zustiminnng ausgedrückt worden. Dabei haben die Schreiber der fraglichen Briefe verschiedene zusätzliche Bemerkungen angefügt, aus denen wir zwei hier mittheilen. Wir lassen aber die scharfen Auslassungen gegen den Rabb. Hirsch bei Seite, denn der Mann steht, trotz mancher schroffen Divergenz zwischen seinen und unfern Ansichten, tu unsrer Achtung viel zu hoch, als daß wir ihn Herabwürdigendes zn»r Abdruck verstatten könnten. Der Maßstab, mit dem wir ihn und seinen „Propheten" messen, ist ein sehr verschiebei'er. — Dies also bei Seite gelassen wiro bemerkt: „Es ist unverantwortlich, daß Hirsch immer wieder auf das Unrecht zurück kommt, welches vor dreißig und mehr Jahren von den Reformern gegen die Orthodoxen in Frankfurt verübt worden ist. Es ist schon Alles wahr, aber der jetzige Vorstand ist unschuldig, unbetheiligt an dem Thun und Lassen seiner Vorgänger, Vorvorgänger und zeigt ja Hektisch, daß er Gerechtigkeit und Frieden anstrebt. Das eriniwkt ganz an das Gip3welches Hirsch auch nicht weggelassen haben will, auf das Entschiedenste verlheidigt, (wenn auch mit seiner Interpretation des Dlpj) während der gesunde Menschenverstand sagt: was können die Hentlebenden dafür, daß ihre Vorfahren das Blut der Juden vergossen haben? — Ein anderer Korrespondent aus Mitteldeutschland schreibt: uns: „Was Hirsch an mehreren Männern, wie an Frankel y'2£T/ gesündigt haben mag, er büßt es oder hat es schon gebüßt, indem er Lehmann für sich, bei seiner Gemeinde bitten, ja mehr als bitten lassen muß, daß sie ihn nichts im Stiche lasse. Und nun erst der Inhalt dieser Fürbitte!j Die darin ausgesprochenen unjüdischen, g o t t e s l ä st e r l i ch e ltz Ansichten haben Sie so charaklerisirt, daß Ihnen jeder ehrliche . Jehudi darin beipflichten muß. Und dann die Hervorhebung, des großen Verdienstes, des großen Opfers, welches H. der Rel.-Ges. gebracht, als er von Nikolsburg, wo man so ungern ihn ziehen ließ (?), weggegangen, um der Rabbiner einer Privatgesellschaft (die jedoch einen glänzenden Gehalt i sicher gestellt hatte) zu werden u. s. w." S. Frankfurt a. M., 24. Dec. (Or.-Corr.) Auf nachfolgende „Zusatz-Bestimmungen" zu dem Regulativ der hier sigen Gemeinde ist nunmehr eine Vereinbarung mit den nicht austretenden Mitgliedern der Religions-Gesellschaft in so weit \ zu Stande gekommen, daß an diesem Entwurf nur noch einige, nicht-prinzipielle Abänderungen von den Obengenannten!

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