Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-12-11 · N° 50. (11.12.1878) · p. Seite 399

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 50. (11.12.1878)
Date
1878-12-11
Page
Seite 399 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9583355-9583306--3860-9583313
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

sich dieser Tage bei einer in der Klinik ßvorgenomrnenen Operation höchst anerkennend über den medicinischen Nutzen der Beschneidung ausgesprochen. (Das Nähere kann hier nicht angegeben werden). Auch äußerte er beiläufig, daß nach seinen Erfahrungen die jüdischen Mohelim die Operation sehr geschickt vornähmen, nur die Meziza sei verwerflich. Serbien. Unter den der jetzigen Skuptschina vorgelegten Gesetzentwürfen befindet sich auch das wegen vollständiger Gleichstellung der Juden. Jerusalem. Die letzten Nummern des „Schaare Zion" bringen wieder eine ganze Reihe von Klagen über Zustände in der Stadt. Krankheiten fordern noch immer zahlreiche Opfer, die Lebensmittel sind ziemlich theuer, und der Herbstregen war bis zur zweiten Hälfte des Monats Cheschwan auSgeblieben, so daß man bereits mit der gebräuchlichen Anordnung der Fasttage begonnen hat. Nun naht zum ersten des Monats Tewes der jährliche Miethstermin heran, denn es herrscht allgemein der Gebrauch, daß die Wohnungsmiethen auf ein ganzes Jahr pränumerando bezahlt werden müssen. Es haben daher manche Leute schon jetzt ihren ganzen Antheil an der Chaluka für das Jahr 5639, ja Manche schon für das ganze Jahr 5640 im Voraus erhoben. Die Noth zwingt daher Manche, die sonst nur dem Studium obgelegen haben, und auf Almosen gewartet haben, sich nach Verdienst durch Handarbeit umzusehen und man erblickt solche hie und da unter den Handlangern und Lastträgern bei Bauten und dergl. Viele aber warten sehnsüchtig darauf, daß Piunes, der Delegirte des Montefiore-Fonds, ihnen Land anweise, um Ackerbau treiben zu können. Feuilleton. Eine Erinnerung ans dem Jahre 1866. Es war am 18. Juni des für das damalige Königreich Hannover so verhängnißvollen Jahres 1866. Vogel von Falkenstein war, über Minden, Bückeburg kommend, eben daran in die bisherige Weifenresidenz einzuziehen. Ich war Lehrer eines kleinen Stäbchens in unmittelbarer Nähe Hannovers und halte es bereits zu dem respektablen Gehalt rwn einhundert und fünfzig Thaler brutto gebracht. Ich lehnte eben aus dem Fenster meines Stübchens als ich vor dem nur wenige Schritte von meiner Wohnung entfernten Hause des gestrengen Herrn Bürgermeisters eine Anzahl Notabein des Ortes versammelt und in anscheinend eifrigem Gespräch begriffen fand, zu denen noch fortwährend einzelne Nachzügler sich gesellten. Da ich das Eintreffen wichtiger Nachrichten aus der Residenz vermuthete, so machte ich mich flugs auf den Weg, um Näheres zu erfahren. Ich kam hinzu, als der Herr Pastor T. eben bei der Bemerkung angelangt, war: „Wenn sie zu mir kommen, so schicke ich sie einfach den Juden auf den Hals, die haben doch das nieiste Geld". Ich erkundigte mich nun darnach, was vorgehe und erfuhr, daß einer der Anwesenden von einem aus dem Felde heimkehrenden Bauern auf das Bestimmteste erfahren habe, in Linden, der Vorstadt Hannovers, seien Tags zuvor alle Fabriken geschloffen, wodurch die Tausende von Arbeitern der Egestorf'schen und sonstigen Fabriken brodlos geworden, die sich nun plündernd auf die Umgegend geworfen hätten und bereits im Nachbarorte N. seien. Im Verlauf einer Stunde dürften wir sie vielleicht schon bei uns sehen. Es handelte sich also darum, wie man ihnen am wirksamsten entgegen treten könne. (Nachträglich stellte sich, wie ich einschaltend schon hier bemerken will, die ganze Sache als Mystifikation heraus). Ich warf nun ein, baß der Vorschlag des Herrn Pastors, dessen zufälliger Ohrenzeuge ich soeben gewesen, ja schon eine Lösung enthalte, die bei der muthmaßlichen Stimmung dieser Leute kaum auf Widerstand stoßen dürfte und daß ich mir nur erlauben wolle, die recht dringende Bitte daran zu knüpfen, mich doch von meinen Glaubensgenoffen den ersten sein zu laffen, dem sie der Herr Pastor auf den Hals schicke, da es mir am wenigsten lästig sei und ich unter sothanen Umständen sogar das Bedürfniß fühle, den Leuten, soweit ich könne, beizustehen. Ich würde, wenn sie zu mir kämen, willig meine Börse öffnen und ihnen sagen: „Leute, ich habe ein Jahreseinkommen von einhundert und fünfzig Thalern. Ich habe davon alle meine Bedürfniffe zu bestreiten und muß dafür etwa fünfzig unerzogene Kinder in Religion und den Elementargegenständen unterrichten, den Gottesdienst leiten rc. rc. Ihr aber habt jetzt keinerlei Einnahmen und deshalb bin ich gern bereit, euch fünf Thaler abzugeben und, wenn euch das noch zu wenig scheint, auch noch mehr, denn bis ihr wieder Arbeit habt und selbst im Stande seid euch und eure Familie zu ernähren, erachte ich es als meine und aller derer, die etwas haben oder verdienen, unbedingte Pflicht, euch von dem ihrigen mitzmheilen, denn ihr müßt leben können und vor dem Verhungern geschützt werden. Nun, meine Freunde, geht zu meinen Glaubensgenossen, die alle weit bester situirt sind als ich und laßt euch nach Verhältniß auch von ihnen geben. Dann aber wohnt drei Häuser weiter rechts von hier der Herr Pastor T., der eine der fettsten Patronatspfarren im Lande besitzt und für seine fünfzehnhundert Thaler — das Zehnfache meiner Einnahme — nichts weiter zu besorgen hat, als seine Gemeinde allvierzehntägig durch eine sehr bigotte Predigt — zu erbauen. Dieser Herr hat, wie ich vordem selbst aus seinem Munde gehört habe, sich sehr eingehend mit den Mitteln und Wegen zur Besserung eurer Nothlage beschäftigt: „Gehet also dann zu dem, und laßt euch auch von ihm den verhältnißmäßigen Theil geben." Dem Herrn Pastor bemerkte ich übrigens noch, daß ich ihm auch aus einem andern Grunde sehr dankbar für seine eben gethanen Aeußerungen sei. Ich hätte mir vielfach den Kopf darüber zerbrochen, womit er wohl den großen Fond seiner freien Zeit verbringe, da ich doch bei seinem zweifelsohne großen Talent, das es ihm möglich gemacht habe schon in so jungen Jahren eine so reich dolirte Pfründe zu ergattern, nicht annehmen könne daß dieselbe durch die ca. 30 Predigten des Jahres ausgefüllt würde. Ich hätte daher seinen eigenen Pfarrkindern, die mich auch vielfach um dieses Räthsels Lösung angegangen seien, bisher immer nur mit unbestimmter und, wie ich jetzt einsehe, völlig unzutreffenden Vermuthungen antworten können. Ich dürfe jetzt wohl glauben, daß er sich mit dem sehr zeitgemäßen Problem einer vernünftigen und gerechten Lösung der socialen Frage beschäftigt habe und daß seine vorherigen Aeußerungen das Ergebniß seiner Studien seien. Ich könne nämlich zu seiner Ehre nicht annehmen, daß ein Vorschlag von so weittragender, einschneidender Bedeutung, der, wenn er in die Praxis übertragen würde, viele unbescholtene und achtbare deutsche Bürger der uneingeschränkten Willkühr einer vom Hunger getriebenen und in solchen Momenten wohl wenig zum Nachdenken und gerechtem Abwägen geneigten Maffe preisgeben — vollends von einem Seelsorger — erst von ihm ausgesprochen sei, nachdem er ihn vorher in seinem Gewiffen auf das Reiflichste erwogen habe. Ich bitte den Herrn Pastor nur noch, mich auch ferner über seine desbezüglichen Studien auf dem Laufenden zu erhalten, da ich begreiflicherweise ein gewiffes Interesse daran habe. Daß der Herr Pastor T. den Versuch machte, seine brutale, lieblose Aeußerung in ein ihm günstigeres Licht zu rücken und nur solche Juden im Auge gehabt haben wollte, die durch unredliche Uebervortheilung Anderer ihre Schätze angesammelt hätten, ist wohl selbstverständlich. Ganz so selbstverständlich wie die lendenlahme Entschuldigung der modernen Judenfeinde, daß sie mit jubenhetzenschen Aeußerungen, mit Rotte Korahs nicht alle Juden meinten, sondern nur diese oder jene, die Anwesenden sind natürlich immer ausgeschlossen! Ich wies natürlich auch das energisch zurück. Herr X. hah mir aber nie wieder Gelegenheit gegeben, mit ihm über Lösung der socialen Frage zu debattiren. — g.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.