Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 50. (11.12.1878)
- Date
- 1878-12-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 50. 1878. srsrlrkisch- Jahrgang -Zchrift , fc für die religiösen nnd soeialm Interessen des Zudenthums. Erscheint jeden Mittwoch u. kostet sammt dem w'ö ch e n tl i ch erscheinende« „Jüdischen Literaturblatt" dei allen Postämtern und Buchhandlungen vierteljährlich 9 IMark. Mit direkter Zusendung : Nach Oesterreich 8 sl; und nach dem Auslande: 16 Mk. (20 Frcs. od. 4 Dollars) jährlich. Einzelnummern der „Wochenschrift" » 25 Pf. des „Literaturbiatts" a 15 Pf. Verantwortlicher Redacteur und Herausgeber Rabbiner Dr. W. Hlahmer in Magdeburg. --K-- Mtagdeburg, 11. December. Inserate für die „W o ch e n s ch r i f t", die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum 85 Pf., (für das „Literaturblatt"» 20 Pf.,) sind durch sämmtliche Annoncen-Expeditionen oder d i re c t an die Expedition der Israelitischen Wochenschrift in Magdeburg" «inzusenden. — Bei Wiederholungen Rabatt. Beilagen, 2500 Stück, werden mit 15 Mark berechnet. Jnbalt: Leitende Artikelr Vom Judenthum im geschäftlichen Leben. Von ‘ Max Weinberg. — Vom Deutsch-Jsr. Gemeindebund, l Berichte und borresponden-en: D e u t s ch l a n v: Berlin. Coblenz. Wochen- December 1878. Kisslew. 5639. Kalender. Mittwoch . . . 11 15 Frankfurt «. M. Alzei. Aus dem Großherzogthum Weimar. Rußland: Aus Russisch-Polen. Warschau. Donnerstag . . 12 16 Dänemark: Copenhagen. Schweden: Stockholm. Freitag .... 13 17 (E. " 30 M.) ' Nordamerika: New-Dork. vermischte und neueste Nachrichten r Magdeburg. Berlin. Berlin. Sonnabend . . ' Sonntag . . . 14 15 18 19 Breslau. Darmstadt. Holland. Rumänien. Wilna. Petersburg. Serbien. Jerusalem. Montag.... 16 20 Feuilleton r Eine Erinnerung aus dein Jahre 1866. Inserate. Dienstag . . . 17 21 Vom Judenthum im geschäftlichen Leben. Von Max Weinberg in Magdeburg. Wir hatten ursprünglich die Absicht, genau anlehnend an die citirlen Stöcker'jchen Angriffe in unserer heutigen Auseinandersetzung nur vom Gelde der Juden im Allgemeinen, „von der Geldmacht der Juden" nach dem (Stöcker'schen Ausdrucke), zu reden, und erst später eine ausführlichere Arbeit über das in entehrender Weise erworbene Geld, den Wucher, folgen zu lassen. Herr Stöcker hatte es — man kann leicht denken aus welchem Grunde — in seiner derzeitigen Rede vermieden, vom eigentlichen Wucher zu sprechen, er wollte nur die Geld - macht der Juden brechen. Jndeß nicht bloß die Todten reiten schnell. Roch in derselben Novemberwoche wurde die Judenfrage vom Abg. Cremer in einer Versammlung der Centrumspartei den Zuhörern in einer Beleuchtung vorgeführt, die dem anwesenden Vertreter der Polizei-Behörde zu der Aufforderung Anlaß gab, das Thema zu verlassen, da dasselbe eine Aufreizung der verschiedenen Gesellschaftsclassen gegen einander enthalte. Noch in derselben Woche sah sich Herr Stöcker selbst gensthigt, seinen Kriegsplan zu ändern und seinen Zuhörern zu erklären, daß die Judenfrage in den Debatten nicht mehr berührt werden dürfe, und daß etwaige Fragen derart im Fragekasten oder aus der Versammlung heraus vernichtet bezw. unberücksichtigt bleiben würden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß es die höchste Zeit war, einen Einhalt zu gebieten und daß diese Art der christlichen Socialpolitik nicht lange mehr in den Händen des Herrn Stöcker's gelegen haben würde. Jeder, der den Charakter einer derart unterrichteten erregten Volksmenge kennt, weiß, daß d'r Weg von solchen Reden bis zu dem Momente, wo dieselbe.» zu Thalen übergehen, nur ein sehr kleiner ist. Die Erregung war voll bis zur Neige. Eins als» von Zweien blieb nur noch möglich. Entweder mußte sich der Staat resp. die Behörde auf den Stöcker-Siering'schen Standpunkt stellen oder es durfte nicht länger gezögert werden, dieser Art hofpostoraler Volksaufklärung einen Riegel vorzuschieben. Und wie wir von der Gerechtigkeit der maßgebenden Gewalten nicht anders erwarten konnten, geschah dieses letztere. Inzwischen ist, wie unsere Leser bereits wissen, vom Abg. von Schorlemer-Alot im Landtage eine Interpellation wegen Abänderung der Wuchergesetze eingebracht, in welcher, wie der Abg. Windthorst- Bielefeld sofort bemerkte, nur das Wort „jüdisch" fehle, um erkennen zu lassen, daß die Spitze der Interpellation sich gegen die Juden kehre. Es kann dies vollends kaum noch einem Zweifel unterliegen, wenn man sich die fast cynischen Bemerkungen des Fractionsgenossen Schröder-Lippstadt über die Schönheit der Jüdinnen recht vergegenwärtigt. Es widerstrebt uns, so leicht es auch wäre, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und mehr als die Sache unbedingt erheischt, das Gebiet des Persönlichen zu betreten, ebenso halten wir für überflüssig die geistige Verwandtschaft zwischen den Bestrebungen der Herren Stöcker-Siering und Schorlemer-Schröver-Cremer des Breiteren nachzuweisen, das Eine folgt aus dem Anderen mit einer selbst dem blödesten Auge sichtbaren Consequenz — wie das Küchlein aus dem Ei. Diese Entwicklung der Thatsachen zwingt uns denn auch, unsere ursprüngliche Disposition fallen zu lassen und zu einer, wenn auch nur aphoristischen Auseinandersetzung über den sogenannten „jüdischen Wucher" überzugehen. Es kann bei jedem anständigen rechtschaffenen Menschen und Bürger, sei er Christ, Jude, Türke oder Heide wohl nicht dem mindesten Zweifel unterliegen, daß der Wucher den ärgsten, verderblichsten Krebsschäden der bürgerlichen Gesellschaft beigezählt werden muß und daß es Pflicht der Regierung, der Landesvertretung, der Kirche und der Schule, ja auch jedes einzelnen Bürgers ist, ihm mit dem Ernst, mit dem Eifer entgegenzutreten, der zu der Größe des dadurch be-