Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 47. (20.11.1878)
- Date
- 1878-11-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 47. 1878. MSklttjsche Jahrgang IX. -Schrift für die religiösen und socialen Interessen des Zudenthums. Erscheint jedkn Mittwdch u.koüct sammt dem nllivöckentliü erscheinende« „Jüdischen Literatnrblalt" lei allen Postämtern u. Buchhandlungen m«* teljährlich 3 Mark £50 Pf. Mit directer Zusendung: in Deutschland 12 Mk. (7 fl.): nach dem Ausland«: 15 Mk. (18 FrcS.) jährlich. Verantwortlicher Redacteur und Herausgeber Rabbiner Dr. W. Wahmer in Magdeburg. Einzelnummern der „Wochenschrift" » 25 Pf. des „Literaturblatts" ä 15 Ps. Magdeburg, 2«. November. Inserate für die „W o ch e n s ch r i f t", die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum 35 Pf-, (für das „Literaturbl att" » 20 Pf.,) sind durch sämmtliche Annoncen-Expeditionen oder direct an die Expedition der Israelitischen Wochenschrift in Magdeburg" «inzusenden. — Bei Wiederholungen Rabatt. Beilagen, 2500 Stück, werden mit 15 Mark berechnet. Inhalt: keilende Artikel r Zur Wandrrbettel-Frage. - Vom Deutsch-Israel. Gemeindebunde. Berichte und (5orrespondenreu: Deutschlanv: Magdeburg. Magdeburg. Berlin. Frankfurt a. M. Solingen. Lublinitz. O esterreich-Ungarn: Pest. Krakau. Holland: Amsterdam. vermischte und neueste Nachrichten r Magdeburg. Berlin. Leipzig. Königsberg. Frankfurt a. M. Jeßnitz. Petersburg. Feuilleton r Die Afghanen. Inserate. Wochen- November 1878. Cheschwan. 5639. Kalender. Mittwoch . . . 20 24 Donnerstag . . 21 25 Freitag .... 22 26 Sonnabend . . 23 27 mtt "N (©.4U.402R.) Sonntag . . . 24 28 ('Jl eumondeins egnung.) Montag.... 25 29 Dienstag . . . 26 30 1. Roscb Chodescb K i sl e w. Zur Wanderbettel-Frage.*) Ein Wort an die isr. Gemeindevorstände in Bayern. Fürth, im October 1§78. Wenn eine Wohlthätigkeitsanstalt sich eines so allseitig großen Lobes erfreut, wie der vor nun drei Jahren dahier entstandene „VerbandbayrischerVereinezurUnterstützung armer durchreisender Jsraelite n", so ist der Wunsch ihres gedeihlichen Fortbestehens ein so vielfach gehegter und berechtigter, daß er der ernstlichsten Beherzigung wohl werth erkannt werden muß. Diesem Wunsch ist die im Folgenden niedergelegte Anregung entsprungen. Die etwas eigenthümliche Art, in welcher die sogenannte christliche Liebe gegen die Bekenner des Judenthums viele Jahrhunderte hindurch durch Hinzusügung grausamster Behandlung, Beraubung und Vertreibung aus ihren Wohnsitzen zu Tage trat, schuf aus diesen friedlichen und auch gewerbsthätigen Menschen eine Unzahl heimathloser Bettler. Nur wenige derselben erfreueten sich, und das nur unter den härtesten Bedingungen, einer sogenannten Toleranz, die eher ein Schweben zwischen Folter und Galgen genannt werden konnte, und die gemeinsame Gefahr erzeugte und unterhielt ein Gefühl der Gegenseitigkeit, das den, den israelitischen Herzen eigenen Wohlthunsdrang so sehr erhöhte, daß er zu den hervorragendsten Tugenden des israelitischen Stammes gezählt zu werden verdient. Aber auch der Hang derjenigen Israeliten, deren Voreltern sich keiner Seßhaftigkeit zu erfreuen hatten und von Almosen leben mußten, zum unsiäten berufslosen Vagiren und Betteln, der im Laufe der Jahrhunderte zur zweiten Natur ausarten mußte, wurde dadurch so consistent, daß er der israelit. Gesammth-it zum Schimpf gereichte und den Feinden derselben ein willkommenes Mittel zur Verspottung darbot. War und ist es zu allen Zeiten höchst lobenswerth, sein Brod mit Dürftigen zu theilen, so verdient doch die Hegung *) Jeder Vorschlag, der zur Lösung dieser Frage auch nur etwas veizutragen geeignet ist, verdient allgemeine Beachtung, darum dürfte Vieles von dem oben zunächst an die bayr. Vorstände Gerichteten auch von anderen Gemeinde-Vorständen beherzigt werden. (Red.) «cher Berufslosigkeit und des Parasitenwesens nur strengen Tadel; weshalb die Verabreichung von Unterstützungsgeldern ohne vorherige Prüfung des Dürftigkeitsverhältuisses eher ganz unterlassen werden sollte. Nur kranken und in wirklicher Noth befindlichen Individuen steht ein Anspruch auf Beistand zu, zu dessen Leistung die hierfür bestehenden Anstalten nach Maßgabe der verfügbaren Mittel verpflichtet sind. Solche Wohlthätigkeitsanstalten mit den nöthigen Beiträgen zu versehen, ist daher heilsam und nützlich. Aber eben so ersprießlich und dringend nöthig ist es, auf Abbestellung mancher Uebelstände, die sich im Laufe der Zeiten den Wohlthätigkeitsanstalten als schädlicher Rost angesetzt haben, hinzuarbeiten. Einer der schlimmsten Uebelstände dieser Art, und jedenfalls der ärgerlichste, ist der durch die Verkehrserleichterung bedeutend verstärkte israelitische Wanderbettel, der eine Unzahl arbeitsscheuer isr. Vaganten, die nicht selten mit Gaunern und Strolchen anderer Abstammung untermengt sind, nach Bayern führt; deren Praktiken und Kniffe selten zu durchschauen sind und deren Entlarvung meist nur solchen Männern gelingen kann, denen Berufsübung einen Einblick in dieses Treiben verschafft. Die Gewohnheitsbettler verstehen es ausgezeichnet gut, das weiche Herz mitleidiger Menschen so zu beschwindeln, daß sie selten verfehlen, sich reiche Spenden zu ergaunern, deren Zuwendung an wirklich bedrängte Arme diesen zur Wohlthat werden würde. Da bei vielen Israeliten der schöne Brauch besteht, den zehnten Theil ihres Erwerbes den Armen zuzuwenden, so erweist sich das Gebühren jener Gauner, als ein dem Diebstahl gleiches Verbrechen des Betrugs und der Beraubung der Armen, indem sie betrügerisch die Mittel an sich ziehen, die zur Linderung wirklicher Bedrängniß Verwendung fänden. Die so schandbar erschwindelten Nott,Pfennige der Armuth erhielten keineswegs die vorgegedene Auwenduna, sondern wurden, soweit sie nich' zui B stceilung der Kosten des Behufs ergiebigerer Ausbeutung der Milduerzigkeit vergangenen Änfent hatls dienen mußten, oft unter Belustigung üvec die Leichtgläubigkeit der „Gimpel" (wie die belogenen Wohlthäter auch wirkich genannt zu werden verdienten), dem Hazardspiele, dem Bacchus und der Aphrodite schamlos geopfert; wodurch eine