Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 46. (13.11.1878)
- Date
- 1878-11-13
- Page
- Seite 361 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 361 — An Realschulen erster Ordnung betrug die Schülerzahl 38 015, und zwar 22,314 Evangelische, 3268 Katholiken, 11 Dissidenten und 24 2 2 Juden 8,6°/0. Die Vorschulen wurden von 5143 Schülern (4270 Evangelischen, 403 Katholiken, 2 Dissidenten und 4 68 Juden— 9°/0) besucht. Die 19 Realschulen zweiter Ordnung zahlten 5943 (4631 evangelische, 410 katholische, 5 diffidentirend und 89 7 jüdische - 15"/odie Borschulen 1975 (1475 evangelische, 116 katholische, 3 84 jüdische^ 14,4°/«.) Schüler. Die 94 höheren Bürgerschulen iin preußischen Staat wurden von 12,558, die Vorschulen von 3762 Schülern besucht Davon waren 9809 bezw. 3014 Evangelische, 2033 bezw. 666 Katholiken, 4 bezw. 1 Dissidenten und 712 bezw. 24 1 Juden. Breslau. Ueber die unter Leitung des Herr Dr. P. Neustadl stehende „hebr. Unterrichts-Anstalt" erhalten wir den 11. Bericht (Schuljahr 1877/78), aus welchem wir ersehen, daß diese Anstalt in fortschreitendem gedeihlichen Aufschwung sich befindet; die Schülerzahl stieg von 88 auf 103, so daß eine neue Klasie organisirt werden mußte. Daß der Herr Dirigent bei der Aufnahme der Schüler vorsichtig zu Werke geht, und nicht von der Absicht geleitet wirb, die Schule partout zu „füllen", können wir nur billigen. Das Ziel der Anstalt ist: die praktisch-religiöse Erziehung der jüd. Jugend männlichen Geschlechts, dem entsprechend ist der Unterrichtsstoff auf 6 Klassen mit je 2 Abtheilungen vertheilt; das Hauptgewicht wird mit Recht auf das spezifisch Hebräische gelegt: Bibel, Siddur, Hagada, Raschi, Mischnajolh, Pirke Aboth, Chaje Adam und auch etwas Talmud. Daß in den oberen Klaffen dadurch der eigentliche sogen, systematische Religionsunterricht in Fortfall kommt, ist kein Unglück; besonderer biblischer Geschichtsunterricht wird, da der größte Theil der Bibel im Urtext durchgenommen wird, nur hier und da ergänzend eingefügt; dagegen vermissen wir die Fortführung dieses Unterrichtrzweiges als „jüdische Geschichte" über die biblische Zeit hinaus. Sollen denn die Schüler dieser Anstalt nicht auch etwas über die geschichtliche Entwickelung des Judenthums nach Esra oder nach Abschluß des Talmuds erfahren? Wir geben das dem Lehrercollegium zur reiflichen Erwägung anheim, und würden uns freuen, wenn der nächste Bericht, auch „Jüd. Geschichte resp. Literaturgeschichte" unter den Lehrfächern aufzählte. — Die Anstalt erfreut sich der unterstützenden Thesinahme gar vieler Israeliten nicht nur in Breslau, sondern auch — wie der Rechenschaftsbericht ausweist — aus zahlreichen (etwa 90) Städten Deutschlands, und wirkt neben den Religions-Unterrichtsanstalten der Gemeinde als Privatanstalt in ihrem Kreise sicherlich recht ersprießlich, so daß sie die jährliche Unterstützung, die ihr seitens der Synagogengemeinde bewilligt worden, wohl verdient. — Dem „Berichte" geht ein homiletischer Vortrag anläßlich des Attentats, gehalten von dem Lehrer der Anstalt Herrn Stud. Neustadt, voran. Stettin, 30. October. (Or.-Corr. Schluß.) Der klassische Boden für die Separationen, oder vielmehr für die vollständige Zersplitterung der jüdischen Gemeinden ist bekanntlich Ungarn. Seit am 18 März 1870 der ungarische Reichstag zweierlei Judenthum und zwei confessionell geschiedene Arten von jüdischen Gemeinden officiell anerkannt hat, ist es bei dieser Zweitheilung nicht geblieben; es giebt schon mehr als ein halbes Dutzend verschiedenartiger Gemeinden im Lande, und innerhalb jeder Ortschaft sind meist mehrere verschiedenartige Emzelgemeinden vorhanden. Alle traurigen Folgen, die aus dem Zwiespalt, aus der unvermeidlichen Zwietracht, aus der leicht vorauszusehenden Vielfältigkeit der Separationen dervorgehen mußten und vorausgesagt worden sind, sind eingetreten. Noch immer konnte man sich aber der Hoffnung hingeben, daß der Bruderbund nicht ganz aufgelöst fei, daß wenigstens die alleremfachste Barmherzigkeit obwalten und vorkommenden Falls über Spaltungen obsiegen werde. Lehrt doch sonst die Erfahrung, daß gemeinsame Nothstände wenigstens momentan die Schranken der confessionellen Trennung durchbrechen. Aber nicht umsonst ist in den Sprüchen Salomos vor dem Zwiespalt zwischen Brü d ren gewarnt und Bruderzwist als gefährlicher bezeichnet denn jede Feindschaft unter Fremden. Dies hat sich leider in Ungarn bestätigt. Mau kennt das große Unheil, welches vor Kurzem über die Städte Miskolz rc. gekommen ist. _ Es ist Hülfe von außen in Anspruch genommen und geleistet worden. Wir alle verlangen, daß in solchen Fällen seitens der Gebenden und der Empfangenden kein Unterschied gemacht werde zwischen Christen und Juden, Katholiken und Protestanten, Alt- und Neugläubigen; wir sind empört, wenn es anders gehalten wird. Daß man aber zwischen Juden selbst in solchen Dingen einen Unterschied mache, davon haben wir hier zu Lande geradezu keine Vorstellung. Wer außerhalb Ungarns viel oder wenig für die verunglückten Juden in Miskolz gegegeben hat, der weiß in der Regel über die Verschiedenartigkeit der dortigen jüdischen Gemeinde nichts Näheres; er hat nicht entfernt daran gedacht zu fragen, ob in Miskolz u. s. w. Congreßler, Statusquodler und wie sie alle heißen, unterstützt werden sollen. Nun aber zanken sich in Miskolz die Angehörigen der Stammgemeinde, wie sie sich nennen, und die Sephardim, wie sie sich tituliren, *) um diese Gaben im Jnseratentheile des „Israelit" und anderer Blätter herum. Es ist ein Ekel erregendes Schauspiel! Aber die Separationslust ist gar nicht in der Verschiedenheit der religiösen Ansicht begründet. Das zeigt sich besonders deutlich in Jerusalem. Dort sind bis heut bereits achtzehn verschiedene Gemeinden — Kolelim, wie sie sich dort zu nennen belieben — vorhanden, und die Zahl wird noch wachsen. Würden sich die dortigen Juden nur nach den altherkömmlichen und altberechtigten Gruppen in Sephardim, Afrikaner und Deutsch-Polnische theilen, so wäre dagegen nichts einzuwenden Aber da sind Minsker, Pinsker, Kariiner, Wolhyner und wie viele sonst noch. WaS trennt und scheidet diese Leute? Ist es irgend etwas Religiöses, Rituelles? nichts von alledem; es ist weiter nichts als einerseits die Betteleifersucht, mit der auch anderswo Schnorrer um einen Groschen oder um ein Stück Brod zanken, andererseits die armseligste Herrschsucht und kleinpolnische Großmannssucht, mit der möglichst Viele in einem Kolel ein Röllchen als Rabbi, Parnaß, Gabbai, Almosenvertheiler u. s. w. spielen wollen! Es wird kein Einsichtiger verkennen, daß auch bei den Separationen in Ungarn Herrschsucht und Rangstreit in erster, wirkliche religiöse Motive aber erst in weit entfernter Linie stehen. Auch aus England vernehmen wir die Klage, daß die zahlreich aus Slavenländern eingewanderten Juden sich in möglichst viele kleine Conventikel abzweigen. Auch da liegen keinerlei religiöse oder rituelle Motive zu Grunde, es ist mchtS als die Sucht eine Rolle zu spielen, welche den und jenen veranlaßt, sich eine „Gemeinde" zusammenzubringen, damit er in seiner „Schul" die und jene Ehre genieße. Die eingeborenen englischen Inden sehen auf das Treiben geringschätzig herab, wenn sie überhaupt davon Notiz nehmen, aber sehr schädlich wirkt er jedenfalls, eS hindert ein Einleben der Eingewanderten in des Landes Art, Sitte und Bildung, fördert die Eonservirung aller milgebrachten Unart und Untugend, und — was das Schlimmste ist — die zweite Generation, die sich doch dem englischen Leben zuwendet, das Jubenthum aber nur im Gewände slavifcher Ungezogenheit kennen lernt, fällt dem Jndifferenttsmus over der Mission in die Hände. Fasten wir diese Beispiele zusammen. Die Lust am *) Die sich Sephardim nennenden Gemeinden haben nämlich mit den wirklichen Portugiesen, d. h. den Nachkommen der aus Spanien und Portugal Vertriebenen gar nichts gemem. LS sind Lhafsioim, welche strikt gegen Herkommen uns Lchulchan Sruch, aas cabbalistächen Motiven stückunv stellenweise jephardischen NuuS angenonnn haben. Sie habm gerade so wenig Necht, sich Sepharoi n zu neunen, wre etwa ein russischer Uederläufer, der m Preußen oen Namen „Cohn" erkauft oder erschwindelt hat, sich für einen wirklichen lHD au** geben darf, wenn er keiner ist. '