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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-10-09 · N° 41. (9.10.1878) · p. Seite 320

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 41. (9.10.1878)
Date
1878-10-09
Page
Seite 320 (sequence 2)
Language
German
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— 320 äußersten Orthodoxie — Chaffidäismus mitinbegriffen — bis zur radikalsten Reform stellen in ihrer Gesammtheit die Wahrheit dar und bewirken durch ihren Widerstreit den allein berechtigten Fortschritt. Das ist s!2'1 NNN Sx&tf „die Linke stößt ab und die Rechte führt näher." Gleichwie dem abwärts rollenden Rade der Hemmschuh vorgelegt werden muß, soll nicht das Gefährte im rasenden Laufe zertrümmern, so muß die fortschrittliche Richtung durch die beharrende gehemmt werden. So ist es — so war es und so wird es immer sein, so lange die Menschen nicht zu höheren Wesen sich werden entwickelt haben. Keine Richtung — insolange sie der ehrlichen Ueberzeugung ihrer Anhänger Ausdruck giebt — ist unberechtigt. Jeder, der es nicht ehrlich meint, schändet den Kreis, in dem er steht. Und das ist ein Hauptfehler dieses Buches, daß darin die Heuchelei und die Unredlichkeit zumeist der Stabilität in den Schuh geschoben werden. „Nicht immer ist nämlich die Stabilität," sagt Herr Di*. Adler S. 31, „eine Folge der Pietät oder der Beiorgniß in Folge mangelhaften Verständniffes. Eine stabile Religiosität ist für Scheinfrömmigkeit, was Flitterglanz für Putz und Prunksucht. Dieser kostet wenig und giebt ein vornehmes Ansehen, jene läßt sich ausüben bei gänzlicher Unwiffenheit und nur sehr geringer sittlicher Willenskraft." Wort für Wort läßt sich dieses auf die unvernünftigen und heuchlerischen Anhänger jeder andern Richtung, besonders aber der Reform übertragen. Wahrhaftig, in noch viel leichterer Weise giebt sich der Unwissende den Anstrich des philosophisch Gebildeten, des vollendeten Weltmannes, wenn er den Stab bricht über die Schrankengesetze der Religion, wenn er, seiner Lust fröhnend, sich als Vorkämpfer der Freigeisterei gerirt. „Wenn's liberal und gebildet erschiene, kein Trefes zu essen, — pflegte der selige F r a n k e l zu sagen, — dann wollte ich doch sehen, ob's noch so viele religiös Liberale geben würde." Im Gegentheil, gerade am meisten opfert, am meisten duldet für seine Ueberzeugung der stabil Beharrende. Das muß man anerkennen und darf es nicht als „durch Gewohnheit," oder gar als durch die hierdurch mögliche Beschwichtigung „des Gewissens in anderer Beziehung" erleichtert und erniedrigt behandeln. Wer die seltsame Mischung des rohesten Aberglaubens mit der äußersten religiösen Reformsucht jemals näher in's Auge gefaßt hat, wer es gesehen, wie oft die Pietät des Laddischsagens noch das einzige lose Band ist, welches die Modernen mit dem Judenthume zusammenhält, der weiß, daß nach Links wie nach Rechts Gedankenlosigkeit, Nachahmungssucht, Prahlen und haltloser Widerspruch gleich dick gesäet und in Halme geschossen sind. Nicht die Sadducäer, nicht die Pharisäer, die Gefärbten sind zu fürchten! Ist es nicht allein Schuld dieser Gedankenlosigkeit, „daß . ein jüdischer Glaubensgenoffe, der hintergeht u. s. w. in der Gemeinde für einen Frommen, einen Religiösen gelten soll." (S. 46.)? Nicht die Menge, sondern die Wiffenden und Denkenden reflektiren die wahre Ansicht einer Gesammtheit. Nun, eS dürfte schwer halten, auch nur einen gelehrten, ordentlichen Mann unter den Orthodoxesten früherer und jetziger Zeit zu finden, der das Neben der Ceremonien als den Inbegriff der Religiosität betrachtete, der nicht Sittlichkeit und Moral als höchste Förderung des Judenthums betonte. Wenn man aber dahin gekommen ist, nach dem Aeußeru allein zu urtheilen, (d. h. von Seiten der Maffe) so geschah es nur, weil eben dies zumeist in's Auge fällt, und vielleicht auch, weil man darin wenigstens eine Schranke vor noch weiter gehender Schlechtigkeit nicht mit Unrecht erblickte. Derselbe Mensch, der, ceremoniell fromm, unredlich und unmoralisch ist, würde, auch ceremoniell unfromm geworden, noch viel schlechter werden. Beweis genug liefert die Zuchthausstatistik. Schwer wird es uns, auf den Inhalt von S. 50 näher einzugehen. Nach demselben wäre der stabile Conservatismus ein wahres Unding, eine Quelle aller Laster, ein Gift für alle edlen Regungen der Menschenbrust mwn nx rbp'lpfc „Haß führt über's Maß hinaus." Zu viel! Zu weit! (Forts, f.) Ferdinand Lafsalle und seine Stellung zum Judenthum. Von Max Weinberg. Die jüngste Rede des Fürste« Bismarck in der Socialisten-Debatte des Reichstages am 17. Sept. hat den Namen Lassalle's wieder einmal zum Brennpunkt aller Tagesjournalistik gemacht. Wohin man blickt in Zeitungen uns Journalen. beschäftigt man sich wieder mit dem einstigen Agitator, erzählt Anekdoten, Episoden und Eigenthümlichkeiten aus seinem Leben, so daß ihm schier das Herz im Leibe lachen müßte, wenn er es erlebt hätte. Die Rede des Fürsten Reichskanzlers, in weicher er Lassalle „einen der geistreichsten und liebenswürdigsten Menschen" nennt, mit denen er jemals verkehrt habe, scheint für die Regierungsvorlage etwa die Wirkung gehabt zu haben, die der Moabiter-König Balak dem von ihm zu Hülfe gerufenen heidnischen Propheten Bileam vorwurfsvoll zugeschleudert: „Meinen Feinden zu fluchen, habe ich dich zu Hülfe gerufen, und nun segnest du sie gar." Ich meine dieses nicht sowohl wegen der uneingeschränkten Anerkennung, die Deutichlands großer Staatsmann — dem wahrlich nicht leicht etwas impomrt und zu Lobeserhebungen Anlaß giebt — der eminenten geistigen Begabung Lassallr's und seines inneren Werthes (Letzteres im Gegensatz zu den jetzigen Führern der Socialdemokratie) zu Theil werden läßt, als vielmehr wegen der schon oben angedeuteten Wirkung in der gesammten deutschen Tagespreffe. Das giebt denn auch wohl uns ein volles Recht, seiner an dieser Stelle zu gedenken, uns, dem er — mag man sein Leben und Wirken nun als Segen oder Fluch auffassen — durch Religion und Geburt angehört hat. Indem wir uns aber eine ausführliche Schilderung seines Lebens und seiner Wirksamkeit für das „Feuilleton" d. Bl. Vorbehalten, wollen wir an der Hand seiner eigenen Auslastungen hier nur kurz die Stellung berühren, die er dem Judenthum gegenüber eingenommen hat. Laffalle gehörte dem Judenthum durch seine Geburt an und hat diese Angehörigkeit bis an sein Lebensende weder geleugnet noch aufgegeben. Im Gegentheil! In seinen Reden und Schriften bezeichnet er sich demonstrativer Weise mehrfach als solcher, wenn vielleicht auch mit dem Hintergedanken , dadurch im Voraus zu verhindern, daß ihm wie dem ihm geistesverwandten Heine gegnerischerseits der Jude entgegengeschleudert werde. So sagt er unter Anderen in den Setzerscholien seines „Julian Schmidt": „Ich bin zwar nur ein Setzer, Herr Schmidt, und gar nur ein jüdischer Setzer, Herr Schmidt, aber ich würbe mich doch tief schämen, von einer so stüpenden Unwiffenheit in den Grundlehren der christlichen Religion zu sein." Diesem Umstand dürfte es denn auch wohl wesentlich mit zuzuschreiben sein, daß, welche Blasen das bunte Treiben der Socialdemokratie seitdem auch immerhin aufgeworfen hat, blinder Racen- und Glaubenshaß, wie ihn die Par- , tei der christlich-socialen Christen auf ihre Fahne geschrieben hat, bei ihr nicht gefunden wird. Ja aus seinem jüngst veröffentlichten Briefwechsel mit einer jungen Ruffin, an die der un-

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