Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 37. (11.9.1878)
- Date
- 1878-09-11
- Page
- Seite 293 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 293 — Feuilleton. Bankier und Handelsjude. Eine Erzählung aus dem Leben — von Ad. v. Zemlinszly. (Fortsetzung und Schluß.) Des Bankier letzte Hoffnung war durch die Krankheit seiner Tochter plötzlich geschwunden, nirgends sah er Rettung; er war verloren, derGedanke des Selbstmordes streckte bereits gierig seine Krallen nach ihm aus. Die einfachen, schlichten und dennoch wieder so hehren Worte seiner Frau übten plötzlich auf ihn eine wunderbare Wirkung aus, ste bannten all die schwarzen Gedanken, die sich feiner bemächtigt hatten. Er war plötzlich ein Anderer geworden; sein Trotz, sein Starrsinn war gebrochen; er erkannte mit einemmale in ganzer Nacktheit fein früheres Thun und Zorn und Abscheu bemächtigten sich seiner bei dem Gedanken, daß er ein Abtrünniger vom wahren Glauben, daß er seinen Gott verleugnet habe. „Gott Israels!" rief er schluchzend, „Dein Hab' ich vergessen in meinem Glücke, in meinem Hochmuthe, zu Dir kehre ich heute wieder zurück in meinem Unglücke, meinem Elende. O, nimm mich wieder zu Dir auf. Heule flehe ich Dich an, allwaltender Gott, erbarme Dich meiner, sende mir Erleuchtung, zeig mir den rechten Weg, der mich hinausführen soll aus diesen Wirrnffen. Höre mich, allmächtiger einziger Gott, höre mich heute beten, beten, wie es mich einst mein Vater als Knabe gelehrt, verwirf nicht mein Flehen, stoß mich nicht von Dir zurück." Und schluchzend barg er sein Gesicht in beide Hände. Er hatte mit einemmale durch Gott seine Ruhe wiedergefunden.- Ein unglaubliches Gerücht durchschwirrte des anderen Tages ganz Frankfurt und setzte die Bewohner in nicht geringe Aufregung. Das Haus Königstein hatte plötzlich seine Zahlungen eingestellt und das Gericht war dort bereits thätig, um zu ordnen. Das Haus Köuigstein war fällst,. aber der Chef der Firma hatte seine Ehre gerettet. 11. In der neuen Heimath Mehrere Monate sind vorüber. Wir befinden uns im schönen freien Schweizerlande, an den Ufern des wundervollen silberklaren „ZüricherseeS". Auf einem hübschen, weißgetüuchten Hause finden wir eine Firmatafel mit der Aufschrift „Moses Beer & Co.", und geben wir nach dem rückwärtigen Theile des Hauses, so Kommen wir in den Garten und dort finden wir liebe Bekannte wieder, die sich in einem Gartenhause nach vollbrachter Arbeit um einen Tisch gesetzt haben und plaudern. Da finden wir den ehemaligen Bankier Königstein aus Frankfurt am Main, der sich jetzt schlicht und einfach Moses Beer nennt und nur mit Widerwillen daran denkt, daß es einmal eine Zeit gegeben habe, wo er sich dieses Namens geschämt habe. Er war alt geworden; sein Haar war gebleicht, doch jugendliche Heiterkeit, der Abglanz stiller Zufriedenheit strahlte aus seinem Gesichte, Ihm zur Seite sitzt seine treue brave Hausfrau, der, neW Gott, aflein er es zu danken hat, daß er sich seinen Seelenfrieden, seine Gewifsensruhe wieder errungen. Rebb Jonathan Beer und seine Frau sind ebenfalls hier, sind tägliche Gäste geworden; auch sie haben sich stark verändert, auch ihnen ist es anzusehen,. daß sie schweren Kummer erlebt haben. Und die fünfte Person am Tisch ist Sidonie, dje womöglich noch schöner und voller geworden ist, seitdem wir sie nicht gesehen haben. Die Krankheit, in welche sie damals verfallen, war in solch hobem Grade bedenklich, daß die Aevzte an ihrem Aufkommen zweifelten, und dennoch gelang es, sie mit Gottes Hülfe hem Leben wiederzugeben. „Wer hätte sich's jemals gedacht", sagte Rebb Jonathan Beer, „baß wir noch einmal so glücklich Alle beisammen sein würden? Traurig genug standen unsere Angelegenheiten, und weiß Gott, selbst damuthigfte Herz war nahe daran, za verzweifeln und fein Gottvertrauen zu verlieren." „Pu hast Recht, Jonathan, fast glaubte ich damals in jener Zeit der Krisis den Verstand zu verlieren," entgegnete sein Bruder. „Aller, Alles stürmte plötzlich auf mich ein und drohte mich zu zermalmen, und wäre nicht damals noch zur guten Stunde mir ein Schutzengel erschienen", — und bei diesen Worten schaute er seine Frau mit liebevollen Blicken an — „wer weiß, waS aus uns geworden wäre. Und hätten wir nicht Abraham gehabt, der, während Alle kleinmüthig waren, allein thatkräftig einwirkte, trotzdem er erst aus schwerer Krankheit erstanden war. Ja, Jonathan, deinem Sohne danken wir es, wenn wir heute glücklich sind, obwohl er so schweres Unrecht durch uns erfahren." „Stille davon, laß die Vergangenheit ruhen." „Kann ich denn, kann ich denn vergessen, wie ich so ganz gebrochen an Leib und Seele war, wie sich alle Freunde von mir gewendet hatten; kann ich es denn vergessen, wie sich damals die Thüre meines Zimmers öffnete und Abraham durch dieselbe eintrat. Onkel, sagte er zu mir, vergieb mir, daß ich erst heute zu Dir komme, doch früher war es nicht möglich, ich war sehr krank. Und weil ich ihm nicht gleich antwortete, so glaubte er, ich zürne ihm. Willst Du mich wieder in Deine Dienste nehmen, Onkel, sagte er dann wieder, und als ich ihm auseinandersetzte, daß dieses nicht möglich, da ich selbst einen Posten mir suchen müsse, um meine Familie zu erhalten, — da schaute er mich groß an und meinte, daß dies nicht nöthig sei. Wir gehen fort von hier, weit fort, und dort wollen wir vou Neuem beginnen, willst Du das, Onkel, und als ich endlich einwilligte, da jubelte er gleich einem Kinde. Und wir haben gethan, wie er gewollt, und Alle sind wir hiehergekommen. Ja, Jonathan, du hast einen braven, guten Sohn." „Dank Dir. Vater, für dieses Lob, welches Du Abraham spendest," sagte Sidonie, „da er nicht hier ist, muß ja ich für ihn danken, ich, seine Braut." „Es ist wahrscheinlich seine letzte Reise, die er in meiner Angelegenheit unternommen hat." Plötzlich war Sidonie aufgesprungen und eilte der Gartenpforte zu, durch welche eben ein junger Mann eintrat, und während ihres Laufens wendete sie hastig ihr Köpfchen nach rückwärts und rief: „Abraham kommt!" dann aber lag ste auch schon an seiner Brust. „Gott zum Gruße Allen", rief er von Weitem, während er Sidonie an der Hand nahm und mit sich führte. „Dir, Onkel, will ich gleich berichten, daß Dich Alle herzlich grüßen lassen. Die Concnrsangelegenheit steht sehr gut, und wenn wir mit Gottes Hülfe nur kurze Zeit noch mit solchem Glücke fortarbeiten, dann haben wir keine Gläubiger mehr." „Gott sei gedankt", flüsterte der ehemalige Bankier, „mein Name ist ehrlich geblieben." „Ja wohl, Onkel, er ist ehrlich geblieben," sagte Abraham bedeutsam, „noch sind meine Nachrichten nicht erschöpft, ich bringe noch eine gute Botschaft . ." „Von wem?" fragten Alle zugleich. „Von Alphons! Er befindet sich gegenwärtig in Albany in Amerika. Seinen Leichtsinn und all' seine sonstigen Fehler hat er abgelegt. Er hat sich dort etablirt und sein Geschäft geht glücklich. Tief bereut er die Kränkungen, die er Dir, Onkel, verursacht hat. „Frage meinen Vater, ob er dem Elenden verzeihen kann," schreibt er mir, „der sich gegen ihn in roher Gewalt aufgelehnt hat, frage ihn und sage ihm, ich ließe ihn fußfällig um Verziehung bitten, ihn anflehen, mir noch einmal den Anblick meines Vaters, meiner Mutter, meiner Schwester zu gestatten. Und sagt er ja, dann kehre ich im nächsten Jahre noch einmal nach Europa zurück." Nicht wahr, Onkel, Du sagst ja?" *3», ja," schluchzte Moses Beer, und weinend hing sich auch seine Gattin an seinen Hals. „Dank Dir, Gott," sagte er, „gar wunderbar hast Du Alles gefügt. Und jetzt. Abraham", sagte er nach einer Pause, „hast du schon so viel für uns gethan, daß auch mir, um nicht zu tief in Schulden zu kommen, einen Tyeil abtragen müssen. Ja vier Wachen ist Hochzeit und kein Iota wird daran geändert." „Einverstanden," riefen Alle freudig, „so soll es sein". Und so war es auch.