Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 33. (14.8.1878)
- Date
- 1878-08-14
- Page
- Seite 261 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 261 — Schiffsladung ab. Bald schwamm eine ganze Flotte auf den Meeren und Friedländer erwarb sich ein ungeheures Vermögen. Er war einer der größten Grundbesitzer in Californien (eine einzige Farm im San Joaquin Thale soll 100,000 Acres groß und lediglich zur Zucht von Rindvieh und Schafen bestimmt sein), so daß er wahrscheinlicher über ein größeres Gebiet herrschte, als der Großherzog, unter deffen Regiment er geboren worden. Die Einwanderung und Verbesserung des Landes fanden in ihm einen eifrigen Förderer. Friedländer galt für einen integren Charakter und obgleich er als Demokrat während des Bürgerkrieges auf Seiten der Südstaatlichen stand, ',enoß er doch die Achtung seiner repulikanischen Gegner, so daß während der Unruhen nach Lincoln's Tode eine Leibwache von Republikanern ihn und sein Haus beschützten. Er war bis zu seinem Tode ein seinem Glauben treuer Jude. Feuilletou. Bankier und Handelsjude. Eine Erzählung aus dem Leben — von Ad. v. ZemlinSzly (Fortsetzung.) Ungeachtet der gehabten schweren Verluste in letzterer Zeit beherrschte er noch immer die Situation, suchte all die entstandenen Lücken und Sprünge in seinem Geschäfte durch künstliche Mittel zu verbergen, und Niemand hatte nur die geringste Ahnung davon, auf welch schwankender, seichten Basis die Existenz des Banquiers und des Geschäftes ruhte. So lange ihm der Fürst in Gnaden gewogen war, so lange konnte auch der Banquier mit Zuversicht in die Zukunft blicken und von dieser Rettung erhoffen, so lange man ihn noch den allmächtigen „Hofjuden" nannte, konnte er auch allen Eventualitäten Trotz bieten. So lange dies der Fall war! Eines Tages aber ließ ihn der Fürst zu sich bescheiden und verlangte eine nicht unbeträchtliche Summe von ihm, welche der Banquier selbstverständlich mit seinem artigsten Lächeln Seiner Durchlaucht zur Disposition stellte, und dieser entließ ihn in Gnaden. Zu Hause angekommen, war dieses süße devote Lächeln längst aus dem Antlitze des Banquiers verschwunden und hatte einer kummervollen Miene Platz gemacht, das Anlehen des Fürsten war eben zur Unrechten Zeit gekommen, da der Banquier mehrere größere Wechsel einzulösen hatte, welche eben sällig geworden, und um den Ansinnen des Fürsten zu entsprechen, und dies mußte er, da eine Ablehnung sein bestimmter Ruin gewesen wäre, mußte er den Credit mehrerer Handelshäuser in Anspruch nehmen, wodurch selbstverständlich sein Credit bedeutend sank. Wenige Tage später bedurfte der Fürst abermals eine größere Summe Geldes, der Banquier gestand erbleichend, daß er momentan hiemit nicht dienen könne. Tags darauf erhielt er ein Schreiben, worin ihm mitgetheilt wurde, er möge sich in bewußter Angelegenheit nicht weiter bemühen, indem der Fürst das Gewünschte bereits aus der „Privatschatulle" des Banquier Hormayer erhalten habe. Vergebens bemühte sich nun der Banquier in die Nähe des Fürsten zu kommen, jedesmal wurde er unter dem Vorgeben abgewiesen. Seine Durchlaucht seien zu sehr mit dem Banquier Hormayer beschäftiget. Königstein stand auf einen Vulkan, jede kommende Minute konnte die Eruption beschleunigen. Er sah seinen unausbleiblichen Ruin klar vor Augen, er wußte, daß derselbe hereinbrechen m u ß t e, wußte es, daß sein Zögern ein strafbares sei — und dennoch wollte er die Welt, wollte er sich selbst noch immer täuschen, wollte an seinen Sturz nimmer und nimmer glauben. ttnb diese Seelenkämpfe hatten ihm tiefe Furchen in's Antlitz gegraben, hatten ihm seine Haare gebleicht, hatten ihm seiner Familie entfremdet. — Diese Seelenkämpfe und auch noch andere. — — — — — — — — — Den ganzen Tag über saß Sidonie auf ihrem Zimmer und weinte; — ihr Gesicht war bleich und abgehärmt, und nur zeitweilig fand sie einigen Trost, wenn sie mit Rebb Jonathan Beer lzusammentras und mit ihm in der Nähe des Gebäudes weilte, hinter deffen Mauern sich Abraham befand. Alphons hingegen war tage- und wochenlang vom Hause abwesend, und kehrte er endlich einmal nach Hause zurück, dann zeigte sein Antlitz die deutlichen Spuren von durchschwelgten Nächten, von tollen Orgien aller Art. Nur die Frau des Hauses allein, sie war gleich still, gleich fromm, gleich duldend geblieben. Sie ahnte den Hereinbruch eines großen Unglückes, doch nicht ein Wort der Klage kam über ihre Lippen, und nur im Gebete suchte sie Trost und zugleich Stärkung für die kommenden schweren Tage. In letzterer Zeit war das Benehmen des Banquiers wieder freundlicher geworden, und die Familie schien wieder aufzuathmen. Die Sorgen schienen ihn weniger schwer zu drücken und öfters kam es vor, daß er sogar nach Tisch sich nicht sogleich in sein Comptoir zurückzog, sondern seinen Platz beibehielt und sich angelegentlich über die verschiedenen Vorkommnisse in seiner Familie erkundigte, wobei er es jedoch absichtlich vermied, Alphons oder Abrahams Namen auszusprechen. „Beiläufig gesagt, begann eines Tages der Baquier lächelnd, „ich glaube Sidonie ist bereits 18 Jahre alt, ist dem nicht so?" „Ja wohl," entgegnete die Mutter, „Chanuca war sie achtzehn Jahre alt." „Da wäre es denn wohl schon an der Zeit, sich um einen Mann für sie umzusehen, das heißt, ich habe wohl schon einen Bräutigam für sie gefunden, es ist ein junger, hübscher Mann, mit einem Vermögen von nahezu einer halben Million, was sagst Du dazu Sidonie? verstehe ich für Dich zu sorgen?" „Ich begreife nicht Vater, wie Du unter solchen Umständen noch zu scherzen vermagst!" „Scherzen! Durchaus kein Scherz," entgegnete der Banquier mit gerunzelter Stirne, „rs ist mir damit vollkommen Ernst. So ernst, daß Du in längstens vier Wochen bereits verheirathet sein mußt. Du begreifst Sidonie, daß ich hiebei nur Dein Glück, Dein Wohl vor Augen habe," schloß der Banquier mit einem schweren Seufzer. „Mein Glück, mein Wohl! O! nein Vater, Du weißt es, weißt es am besten, daß rs nicht so ist. Ich bin Deine Tochter, und deshalb habe ich auch durch die langen Jahre hindurch begriffen, habe einsehen gelernt, daß es sich hier nicht um mein Wohl, um mein Glück handelt .... „Du vergissest, daß Dein Vater es ist, mit dem Du sprichst. Kein Wort mehr, es ist beschlossene Thatsache, und nichts darf daran geändert werden." „Eben weil Du mein Vater bist, eben deshalb will ich offen zu Dir sprechen. Diese Stunde Vater ist ernst, so ernst, daß sie entscheidend ist für mein, ja auch noch für Anderer Lebensglück. Willst Du mich denn nicht erst fragen, ehe Du solch einen Entschluß fassest, ob ich dem Manne gut sein kann, dem ich für ein ganzes Leben angehören soll, fragst Du denn nicht erst, ob solch' eine Ehe wirklich segenbringend sein kann, ob solch' eine Ehe Gott gefällt. Ja Vater, ich bin Deine Tochter, und als solche habe ich die Pflicht, Dir zu gehorchen und ich gehorche, verfüge über mich, rucht weigern will ich mich. Und dennoch, dennoch wäre es so süß, so unendlich süß gewesen, wenn Du zu mir gesprochen hättest, wie ein Vater mit seinem Kinde sprechen soll, wenn Du mich erst gefragt hättest, ob- „Unb was noch?" höhnte der Banquier, „was soll ich denn noch Alles fragen?" (Forts, folgt.)