Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 31. (31.7.1878)
- Date
- 1878-07-31
- Page
- Seite 245 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 245 „Jn's Gefängniß?! Ich glaube Meier, sie sind betrunken." „Bin vollkommen nüchtern, gnädiger Herr, und mit diesen meinen Äugen habe ich es gesehen wie ihn die Polizeileute in ihre Mille genommen haben " Erschrocken war die ganze Familie aufgestanden und halle den Kleinen umringt. „Was ei zählen Sie da, weshalb sollte man Abraham verhaftet haben?" Der heimtückische Kleine warf sich bei dieser Frage in die Brust und stellte sich auf die Fußspitzen, um größer zu erscheinen. „Ja, ich habe mich bemüht es zu erkundigen, und es gelang mir auch nach langer Anstrengung wirklich. Er steht im Verdachte, und wie ich vermuthe, in nur zu gegründetem Verdachte, den Diebstahl von gestern Nacht begangen zu haben." „Wie? Abraham den Diebstahl!?" „Jawohl, er wurde im Spielhause gesehen, woselbst er etwa 20,000 Thaler im Spiele verloren hat, etwa gerade so viel als in der Casia gefehlt haben sollen." „Schweigen Sie Meier, derartige Bemerkungen haben Sie nicht zu machen, da sie sehr unpassend sind. Ich kann es nicht glauben, daß Abraham überhaupt im Spielhause gewesen Er und spielen, wer hat ihn gesehen?" „Ihr ganz ergebenster Diener, Herr Baron," antwortete Meier mit seinem schmutzigsten Lächeln. „Wie kommen aber Sie selbst dorthin?" „Ich, Ja ich sah, wie Herr Beer das Haus verließ, ehe noch das Fest zu Ende war, das fiel mir aus. Was hat Herr Beer so spät noch in der Christenstadt drüben zu lhun, fragte ich mich dann wieder, als ich sih, daß er den Weg dorthinüber einschlug. Schnell entschlosien folgte ich ihm, sah ihn auch in das Spielhaus eintreten, und wenige Augenblicke später sah ich ihn schon am Spieltische sitzen und spielen." Das Gesicht des Banquiers war finster geworden. „Ich will sogleich gehen nnd mich erkundigen, sagte er, was an der Sache eigentlich ist. Ich kann nicht glauben, daß Abraham mein Vertrauen so sehr getäuscht habe." — „Sein Schlüssel war es, stüsterte er vor sich hin, der im Schlöffe gesteckt. —" „Sie können gehen Meier, halten Sie vorläufig über Alles reinen Mund, verstehen Sie mich." Der Banquier wollte das Gemach verlaffen, als die Thüre desselben hastig geöffnet wurde und Rebb Jonathan Beer in das Zimmer trat. Sein erster Blick fiel auf seinen Bruder, und mit einer Geberde der Verzweiflung nahte er sich ihm. „Gieb mir meinen Sohn zurück," rief er ihm entgegen, „Dir habe ich ihn anvertraut. Dir ihn gegeben, treu und redlich, ohne Makel, nnd so fordere ich ihn wieder von Dir zurück." „Du forderst Deinen Sohn von mir, Jonathan, habe denn ich ihn Dir genommen, klage das Schicksal an, nicht mich. Was kann ich dafür?" „Ja Du, Du und kein Anderer, ich will nieinen Sohn zurück haben, mein Glück, meine Freude. Sieh Bruder, ich habe Dein Haus nicht betreten durch viele Jahre hindurch, seit jenem Tage, an welchem Du m,r die Thüre gewiesen. Ich wäre auch heute nicht gekommen, wäre nicht das Entsetzliche geschehen. Um nichts habe ich Dich noch gebeten, und heute, heute bin ich dennoch hiezu gezwungen, heule bitte ich Dich, g,eb mir meinen Sohn zurück, gieb mir meinen Abraham wieder." „O! schau mich nicht mit diesen Blicken an. O! nein. Du weißt es eben so gut wie ich, wie alle Änderen, die ihn kennen, er ist kein Dieb. So rede doch, rede doch, vor meinen Augen wird edunkel, und feurige Kreise durchzucken die Lust, und mir gähn das Blut nach dem Kopse, rede, rede! Sage, daß da- Ganze ein Jrrthum gewesen, sage was Du willst, doch gieb mir memen Sohn " „Wie soll ich ihn Dir geben, sagte der Banquier unwillig, ,nan hat »hu verhaftet, weil er ein Dieb geworden ist, weil er mein Vertrauen schändlich mißbrauchte, welches ich in ihn gefitzt habe." (Forts, folgt.) Die Blinden. (An Jstoczy und seine Sippe.) Blinder Eifer, blinder Haß, Blinder Wahn und blindes Zagen, Narren gabt es ohne Maaß, Die mit Blindheit sind geschlagen. Blinder als des Zufalls Spiele, Schießen sie vorbei am Ziele. Doch die Blindesten fürwahr | Sind: die zu viel sehen gar — Traf dich, allerärmster Mann! Aller Blindheit schwerste Plage, Die kein Arzt beheben kann? Siehst Gespenster selbst am Tage Auf der Freiheit lichten Höhen, Blind, wo And're helle sehen. Blind vor lauter Neid und Haß Für das Wohl Hungaria's. Blind für wahres Menschenglück, Aus dem Widerstreit der Rassen Willst du deinen Seherblick In die Ferne gleiten lassen? Weißt nicht, was da ist gewesen, Kannst nicht dessen Runen lesen, Siehst auch nicht den Gang der Welt Und willst sein ein „Zukunfts"-Held? Vor der Juden Macht und Zahl Hält dich blinde Angst umfangen, Witterst Juden überall. Ach, wie thöricht ist dein Bangen: Daß durch ihre bösen Listen Noch „verjuden" alle Christen. Eher sucht das Judenthum In „Entjudung" falschen Ruhm. Träfe, was du fürchtest, ein: Ihre Größe wüchs' erklecklich, Alles würden Juden sein: Wär' das Unglück gar so schrecklich? Gäb' es denn mehr Jammer, Elend, Nagte Hunger schlimmer quälend, Legte grauses Würgen dann Alle Milde mehr in Bann? Gingen Rechte dann vor Recht Und Gewalt vor menschlich Rühren, Gäb' es verren dann und Knecht', Wären tiefer zu verspüren Rohheit, Selbstsucht dann und Härte, Ob dann stürmischer wohl zerrte An des Lebens Nervenstrang Böser, ungestümer Drang? » Hielten Juden auch die Hand ' Lenkend an des Schwertes Bügel, Wär' am Throne auch ihr Stand, Führten sie Regierungszügel: O, dann bliebe unvergoffen Menschenblut und unbeschloffen Manche unglücksel'ge That, Ging es oft nach ihrem Rath! Ist Europa schon so weit. Daß es ihrer kann entrathen? Blüht die Schaffensfreudigkeit, Steh'n so dicht des Wiffens Saaten, Giebt es nicht mehr Köhlerglauben, Mittelalterliches Rauben, Zu befehden kühn und frei, -- Daß der Jude ferne sei? In ein Asien wollet ihr Ganz Europa wohl umwandeln, Jn'S „gelobte Land" der Gier, Drin nach Lust und Laune handeln, Folgend jedein finstetn Wahne; Jagen wollt ,hr Partisane Der Gesittung darum nur Hin nach Palästina's Flur! Nicht genug, daß ihr so blind, Möchtet ihr noch schnöde blenden All«, die hellsehcnd sind, Gutes bald zum Schlechten wenden. Unentbehrlich sind die Juden, Seit sich Haß und Zorn entluden, Jnsoiang es euch beliebt. Daß es noch Jstoczy's giebt. Brünn. B. Placzek.