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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-07-17 · N° 29. (17.7.1878) · p. Seite 129

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 29. (17.7.1878)
Date
1878-07-17
Page
Seite 129 (sequence 8)
Language
German
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— 129 — des Familienvaters, der andächtig und feierlich mit erhobener Stimme den Segen spricht, und „Amen" sprechen sie Alle nach. Und dann nahen sich die Kinder voll Ehrfurcht dem Vater, der Mutter, und küssen ehrerbietig die Hände und wünschen ihnen des Himmels reichsten Segen, wünschen ihnen, „daß sie zu einem guten Jahre eingeschrieben werden mögen!" Und daun setzen sie sich Alle wieder um den Tisch, und der Vater giebt ihnen vom süßen Honig und den anderen süßen Leckereien, damit sie Alle ein „süßes Jahr" haben sollen. und daun trügt die Mutter zum Esten aus. „Was meinst Du wohl. Jonathan", unterbrach die Hausfrau das Schweiget!, das während des Essens entitauden mar „solllen die Kinder nicht morgen zu Deinem Vruo-.r gehen, um Neujahr zu wünschend" Jonatban chültelte stillschweigend mit dem Kopfe. „Denke doch darau. was er Dir auch gethan haben mag, wir sind ja Juden, und ein echter wahrer Jude muß au dem heuti gen Tage auch das größte Unrecht, weiches man ihm angelhan, verzeihen." „Wie kommst Du heute dazu, Leah. solche Worte zu mir zu sprechen und inich dadulch an die Vergangenheit zu erinnern. Hülle mein Bruder ulich beler-aget, schon längst hätte ich ihm mrziebeu, halte ihm die Hand zur Ve.söhnung gereicht, doch nicht au mir hat sich mein Bruder vergangen. Weshalb ich ihm zürne in. daß er sich seines Gottes, s e i il e s Glaubens schämt und das I u d e n t h u m verleugnet. Bisierc Entsre.ndnng dauert bereits, wie Du weißt, lange Jahre schon, doch durch was sie hervorgecufen, ich habe es Drr nicht mitgetbeilt, höre es heute, und auch Du Abraham merke genau aus meine Erzob'ung. „Dreißig I il, e wögen es jetzt sein, als mein Vater selig den ersten Tag Roschhasckanah aus dem B rharne heimkehne. „Wir sitzlen uns za Tische, mein Vr er, mein jüngerer Bruder Moses und ich. Die Mutter mar uns leider schon der der Geburt me-nes Bruoers gesidlben, und das Hauswesen w - de von einer aüe.r treuen Magd g leitet. „Me.n Vater nun an diesem Abende lehr schweigsam, was sonst gegen seine Gewohnheit war, indenr er uns g"- möhnlich von ie-n n Wände' ungen im Reiche erzählte. „Mrr siel diese Schweigsamkeit zuerst auf, und ich fragte den Vater, ob er vielleicht krank sei. „Mein Vater schaute niich eure Weile au, ohne mich jedoch wirk.ich zu sehe», sein Auge ruhte aus mir, doch fern Geist war abwesend „Ich weiß nichl", iagte er plötzlich, „dre Laute des Gebetes voir beute Morgen gellen mir noch immer rn meinen Ohren, und ich habe das Gefühl, als befände ich mich noch im Bethause." „Erschrocken sprang ich von meinem Platze auf und wollte mich ihm nähern, doch lächelnd wehrte er mich ab. „Laß gut 'ein. Jonathau, habe keine unnölhigen Sorgen um mich, eS wird hoffentlich bald vorüberqehen", meinte er und begann zu essen, doch nur wenige Bisten nahm er zu sich, dann legte er die Gabel weg und schaute mich abermals mit jenem sonderbaren Blicke an. „Mir wurde ängstlich und zugleich unheimlich zu Muthe. — „Ich werde zum Arzt gehen", sagte ich; doch mein Vater gab mir keine Antwort, und ich näherte mich der Tyüre, uni das Zinnner zu verlassen. „Da wendete sich plötzlich mein Vater mir zu. — „Wo willst Du hingchen, Jonathan", fragte er mit sonderbar veränderter Sluriirw. „Ich ho'.e den Arzt" „Richt doch, der kann mir nicht helfen, hole Du mir den Rabbi — aber schnell — „Den Rabbi?" fragte ich verwundert. „Den Rabbi —-ja-" „Uub er hatte Recht. Rur wenige schwere Athemzüge hörte man noch, leise und kaum vernehmlich flüsterten selne Lippen noch Schema Israel — und sein Leben war entflohen. „Mein Vater war ein frommer, heiliger Mann, und Gott hatte ihm auch deshalb die Gnade gewährt, sterben zu dürfen, rein von Sünden, auf Noschhaschanah. Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende gemacht. — Eine unbeschreibliche Verwirrung herrschte jetzt in unserem Hause. Ich war damals 18 Jahre alt, mein Bruder um 3 Jahre jünger, und wir mußten Beide daraus bedacht sein, unsere Zukunft festzustellen, da un'er Vater kein Vermögen hinterlasten halte. „Mein Bruder Moses kam als Comptorist in ein Geschäft. dessen Eigenthümer mit unserem Vater befreundet gewesen war, und ich übernahm die Erbschait meines Vaters se'ig, nahm das Bündel ans den Rücken und wurde das, was er gewesen und was ich heute noch bin. „Nnd währen) ich monatelang abwesend war vom Hause und von der Heimath, um Geschäfte zu machen, hatte mein Bruder in seine.n gewählten Staube Glück, und kaum waren einige Jabre nach iw'iaes Vaters Tode verstrichen, io war Moses schon erster Buchhalter im Geschäfte. „Uno kurze Zeit daraus wnrve er Conipagnon und Schwiegersoan ocs Eigettthüme.s desselben. „Ich war glücklich, war stolz ans meinen Bruder, und dennoch, dieses Gefühl der Fr'eur-e sollte nr-Lt lange währen. „Um jene Zelt houen war Beide, ich und Du Leah, unter der Chuppa gestauten und lebte», wie Du weißt, von da ab bei Deinem V it r in Pr.,g. „Geichäslsaage'eg aipeilen nöthigten mich eines Tages zu einer Re»>e nach Fr'.nksurt, nad anein erster Besuch galt meinem Bruder »»bstve^ stündlich, den ach schon längere Zeit nicht gesehen gatte Als ich in ' s mir von sinder her bekannte Haus trat, kam nur ein Di. ner entgegen und fr igle »»ich um mein Begehren. „Meinen Bruder will ich lenen und sprechen." sagte ich. Der Diener schaute mich mißtrauisch an. Hier wohnt nur der Bankier Baron von Köuigste», sagte er dann; Sie müssen sich w. hr'chemlich in einem Jrrlhnme bestnden. „Also Herr Moses Beer wohnt nichl mehr hier," fragte ich erstaunt. „Der Name ist mir gänzlich u>G kmut." Mißmuihig öffnete ich die Thnre, weiche nach der Straße führte, um mich durch selbe wieder z>l enlseruen, als ich plötzlich eine nur bekannte Summe rurirehme, welche dem Diener Befehle enbeilte, und mich hastig umwendend, iah ich meinen Bruder Moses langsam über die breite Stiege abwärtsschretten. Ich eilte ihiu entgegen, wollte ihn in meine Arme schließen, wie ich dies zu tt)un gewohnt um, doch kalt reichte er mir die Hand und führte mich die Stiege hinauf in sein Arbeitszimmer. Ich achtet" nicht auf diese Förinllchkeit des Empfanges, welcher mrr roch härte aufsallen rollen. sondern fühlte nur eine große Freude veiur Anblicke meines Bruders. „Wie ich sehe, sagte ich, bist Du reich geworden." „Jawohl, antwortete er mir, mein Schwiegervater ist vor einem Jahre gestorben und hat mir sein nichl undedeulendes Vermögen hiuterlaffen." Sage mir Moses, welch' sonderbare Leute hast Du doch in Deinem Dienste, fragte ich plötzlich. Ich erkundige mich nach Dir und der Diener giebt vor, Dich nicht zu kennen. „Sei so freundlich, mich nicht immer Moses zu nennen. Dieser Name klingt zu biblisch, zu lächerlich, schmeckt zu sehr nach dem Judenlhum, daß ihn wirklich gebildete Menschen gar nicht trage». Und deshalb auch konnte Dir mein Diener keine genügende Aaekuust geben, da ich einen andern Namen führe. Des Fürsten Gnade hat es mir nämlich gestattet, daß ich den Rainen des Gutes annehnie und tragen dürfe, welches ich mir angekaufl, und deshalb wirst Du es auch wohl einsehen, daß man sich nicht „Moses Beer" nennen kann, wenn man den schön klingenden Namen „Moritz von Königstein sein Eigen nennt. Wenn Du etwas brauchst, werde ich Dir gerne helfen, laffe es mich ivisic.i, dach aufrichtig gesprochen, ist es nur angenehmer, wenn Du nicht selbst zu mir kommst, man kommt dadurch zu sehr rnS Gerede. Du siehst dies wohl selbst ein?" Solche Worte hatte ich von meinem Bruder nimmer zu hören erwartet, und ich stand wie vom Schlage getroffen, sprachlos vor ihm. (Fortsetzung folgt.)

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