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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-07-17 · N° 29. (17.7.1878) · p. Seite 224

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 29. (17.7.1878)
Date
1878-07-17
Page
Seite 224 (sequence 3)
Language
German
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— 224 an Hjnen Gott!" Der Glaube an Gott, den Schöpfer und Erhalter aller Dinge, den. allgütigen Vater, den weisen und gerechten, der Glaube an Freiheit, Tugend und Unsterblichkeit, dazu das Bekenntniß zu Liebe und Brüderlichkeit und zu der Heiligkeit des in den zehn Geboten ausgesprochenen Sittengesctzes — das galt als die allgemeine und gemeinsame Grundlage aller Religionen, aller Humanität, aller menschheitlichen Ordnung. Wir sagen: das ist eben Iude n t hu m, abzüglich des besonder-jüdischen Gesetzes, welches die Nichljuden nicht weiter angeht; wir sind auch wahrlich im Stande, diese Behauptung bündig zu beweisen; aber wir drängen diesen Beweis Keinem auf, denken nicht daran über Namen und Ursprung jener Lehren zu streiten, so lange man sie u n s nicht a b st r e i t e l. So haben jene hüligen, beseligenden und beglückenden Lehren (denn so nennen wir sie noch, und so werden wir sie immer nennen) lange Zeit in Geltung und Ehren gestanden, die Menschheit und spcciell auch das deutsche Volk hat sich dabei nicht schlecht gestanden, und das letztere hat sich an der Hand dieser Lehren, welche ihm von seinen edelsten Führern, Dichtern und Denkern zugerusen wurden, aus der tiefsten Erniedrigung erhoben. Es ist natürlich damals auch nicht alles vollkommen gewesen, aber alle Edelsten und Besten habe» doch unerschütterlich geglaubt, daß alles allmälig sich bessern werde, je mehr eben jene Lehren der Religion und der Tugend ausgenommen und befolgt würden. Das ist nun allmälig anders geworden. Glaubens- und Sittenlehre sind in die Rumpelkammer geworfen worden — wir sehen, wohin wir damit gekommen sind. Oder Hütten wir hier nicht Ursache und Wirkung? Wenn wir unfern Lesern einen ausführlichen Beweis dafür zu geben für überflüssig halten, so sind wir wohl darum noch nicht theologisch besangen und einseitig jüdisch. Wir wissen freilich, daß man uns entgegnen wird: wir verwerfen nur eure Glaubens-, keineswegs aber die allgemeine Sittenlehre. Die Socialdemokraten sagen das nicht einmal. Sie spotten des Eides und verwerfen mit Eigenthum und Familie alle Grundlagen der sittlichen Ordnung, ohne etwas anders an deren Stelle zu setzen, als sinn- und haltlose Hirngespinnste. Die andern nichtsocialistischen Religionslosen aber? Sie verwerfen das erste der zehn Worte, das Dasein Gottes, stellen Götter auf nach ihrem Belieben, der Eid bei Gott ist auch ihnen eine Tborheit; einen Ruhetag sollen nur diejenigen haben, die sich ihn machen können, wann es ihnen beliebt, für die Andern soll kein Ruhetag gelten, denn sie haben sonst nichts zu leben und beeinträchtigen den Nationalwohlstand. Mit dem siebenten, neunten und zehnten Gebote nehmen sie es wenigstens nach Umständen sehr leicht, fordern dabei für sich jede Jndulgenz und lästern den, der es strenge nimmt, als einen Fanatiker und Zeloten. Dagegen soll, vom fünften Gebot hier abgesehen, das sechste und das achte in voller Geltung bleiben, und diese Geltung soll der Staat mit dem vollen Aufgebot seiner Machtmittel schützen. „Mein Leben und meinen Leib darf Niemand antasten, mein Geld, mein erworbenes, ererbtes, zusammengescharrtes Vermögen soll man mir lasten!" Das ist Summa summarum die Moral jener Edlen! Die Antwort geben in gewaltigem Zorn die Socialdemokraten. Was hat der, der acht Gebote verwirft, weil sie ihm nicht conveniren, und zwei aufrecht erhalten will, weil das ihm paßt, dem grimmigen und gierigen Gegner zu erwidern?! Vernünftiges, Haltbares wahrlich nicht! Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg, 3. Juli. Ich übergebe nachträglich das nachfolgende, vom Rabbinatsverm ser Hrn Lutomirski unaufgefordert an mich gerichtete Schreiben der Oeffentlich'eit, weil es die Verlogenheit der „JsraelittCorresspondenzen" einerseits und die jüdisch'holländische Journalistik — auf die ich später einmal zurückzukommen gedenke — andererseits, ein wenig illustrirt. *) „Hochgeehrter Herr Rabbiner! Hierbei sende ich Ihnen einen Ausschnitt von einem in Amsterdam erscheinenden Wochenblatt, in welchem ich den Sachverhalt der m*U ni^Jö bezüglich der verwittweten Christin von Alnsterdam nuttheile, zur Abwehr der uns aufgebürdeten Schuld, daß wir von der Absicht eines gewissen Cohen, diese Proselytiit zu ehelichen, gewußt hätten. . - Die Beschuldigung, wie sie der „Mainzer" Namens eines Amsterdamer Correspondentut auspos.mnt, scheint übrigens böswillig von diesem Correspondenten gegen sein besseres Wissen hingeworfen zu sein, da er nicht wagte, dieselbe in eine der. fünf hier za Lande bestehenden Jsr. Wochenblätter eiurücken zu lassen. Erst dieser Tage haben drei dieser Blätter wohl die falsche Neuigkeit aus dem Mainzer Bmtt entnommen, und zwar zwei derselben mit der Bemerkung ihrer Redacleure, daß sie die ganze Miltheilung nicht für glaubwürdig halten, nur ein Blatt, oas hier erscheint nnd dessen Redacteur als T.bekannt ist, hat diese Anmerkung nicht. Nach Gebühr habe ich es auch in meinem emgesandlen Artikel gerügt, daß inan von Mainz einen Bericht aufnimnit über Pelsonen und Handlungen hier, ohne irgend eine Erkundigung daiüber in loeo eingezogen zu haben! lind gerade diesen Theil hat die Redaction in Amsterdam ans übertriebener Vorsorge weggelaffen, wie Sie es aus dem hier beigeleglen holländischen Blättchen ersehen können. (Welche Feigheit! ft.) Uebrigens da die Proselyten-Aufnabme wohl zu erschweren, aber auch Mischehen (D^U ronm) zu verhüten sind, so war iinmer und i n u n s e r e r Z e l l n o ch m e h r als sonst die ganze nnj ntMJü ein Gegenstand von Tn D1H So sind bis etwa auf die letzten zwei Jahre in England gar keine Proselyten aufgenommen, aber wohl auf beachlenswerthe Empfehlungen von dort in unfern Gemeiilden Amsterdam, Haag und Rotterdam. Doch jetzt werden von Dr. Dünner alle Proselyten abgewiefen,. Schließlich muß ich Ihnen noch als Curiosität mittheilen, daß vor 20 Jahren ein orthodoxer' p'H in Amsterdam einem Cohen mit einer Kidduschin gegeben hat. (!!) Inzwischen bedauere ich's sehr, daß ich auch nur zu Ihrer kleinsten Unannehmlichkeit etwas deigetragen habe. Doch hoffe ich, daß Sie nicht zurückweisen werden den ergebensten Empfehlungsausdruck Ihres Sie hochverehrenben Dieners Rotterdam, 18. Juni 1878. A. Lutomirski." Berlin, im Juli. Die Angelegenheit der Juden aus derBalkanhalbinsel ist vor demCongresse erledigt. Jetzt fragt es sich, ob die betreffenden Resolutionen und die Artikel der Verträge Papier bleiben oder ganz und *) Auf den Wunsch vieler Leser dieses Blattes werde ich aus die ferneren Auslassungen des „Israelit" hier nicht weiter zurückkommen. Man muß es sich wirklich zum Grundsätze machen, auf noch so sehr von Lügen und Verläumdungen strotzende Angriffe jenes in den fadenscheinigen Kor ach mantel der Frömmelei sich hüllenden Blattes — nach dem bekannten Spruche des weisen Königs: Antworte nicht u. s. w. — nichts zu erwidern. Mit Jemand, der Einem die Worte im Munde verdreht, der in echt-jesuitischer Weise sich stets ein Hinterthürchen offen hält, hinter welchem er, wenn man ihn auf Unwahrheiten ertappt, rasch entschlüpft» läßt sich eben nicht rechten. — Apage! — H nöj m. R.

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