Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 24. (12.6.1878)
- Date
- 1878-06-12
- Page
- Seite 189 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Riga. (Bestialische Rohheit.) „Ein armer Jude wurde von den Gästen einer Branntweinschänke in der Milauer Vorstadt — Fama sagt, sogar von dem Wirthe selbst — vom Kopf bis zu den Füßen mit Kerosin oder Petroleum begossen, worauf man das Brennmaterial in Brand setzte, so daß sofort die Kleider und Haare des Juden in Flammen standen. Der Unglückliche stürzte in diesem Zustande auf die Straße, wo es der schnell sich sammelnden Menschenmenge gelang, das Feuer zu löschen und den bedauernswerthen Menschen, dem Haare, Bart und Augenbrauen verbrannt waren, nach dem Krankenhause zu schaffen." Die Nedaction der .„Ztg. f. St. u. L." übergiebt, ohne Verantwortung für die Darstellung des Thatbestandes zu übernehmen, diese ihr zugegangene Zuschrift der Oeffentlichkeit, in der Erwartung, daß entweder ein energisches Dementi dieses Skandals oder aber die Nachricht verlautbart werde, daß die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen worden sind. 8. Ntw-Dork, 20. Mai. (Or.-Corr.) Der hier allgemein verebrte und vielbewährte, älteste Rabbi in den Vereinigten Staaten, Rev. Samuel M. I s a a c s, hat gestern, 76 Jahre alt, seine verdienstreiche Lebensbahn auf Erden geschloffen. Nähere Mittheilungen folgen. (Sind inzwischen eingetroffen und werden in nächster Nr. ihren Platz finden.) Feuilleton. Bankier und Handelsjude. Eine Erzählung aus dem Leben von Ad. v. Zemilnszly 1. Der Handelsjude. Es war der letzte Gruß, das letzte Lebewohl der untergehenden Sonne, deren goldiger Strahl langsam über die Landschaft dahinschwand; das dunkel blutig rothe Firmament umsäumte ringsum die Gebirge, während sich über die Thäler bereits tiefe Nacht gebreitet hatte. Wenn s o die Sonne untergeht, meinen die aberlgäubischen Leute, hat es nichts Gutes zu bedeuten, dann giebt es in nächster Zeit Krieg und Pestillenz, Hungersnoth und alles Elend. Und dieser Ansicht war auch Jonathan Beer, der dieses wunderbar schöne Schauspiel der Natur kopfschüttelnd betrachtete, ohne jedoch sich aufzuhalten, sondern rüstig seinen eingeschlagenen Weg über die Felder fortsetzte, um bald wieder zu seiner Familie zu kommen, die er bereits seit Monaten nicht gesehen hatte. Jonathan Beer war Dorfgeher, oder wie das Volk sagt, „Handelsjud." Er zog im ganzen Reich umher, schrie überall, wohin er kam, sein gewohntes „Handelwos" mit kräftiger Stimme, und überall, wohin er kam, war er gern gesehen, und man feilschte auch nicht lange mit ihm herum, da ihn die Leute ja alle genau kannten und wußten, daß Jonathan Beer ein redlicher Geschäftsmann sei, der seine Kunden nicht übervortheilte. „Ja wohl, das zeigt böse Zeiten an," brummte er vor sich hin, „immer noch, wenn die Sonne gar so blutig roth untergegangen war, gab es Unglück. Wie sie sich schon Alle freuen werden den Vater zu sehen", monologisirte er weiter, indem sich seine Gedanken mit einem anderen Gegenstände beschäftigten," den Tisch werden sie wohl schon gedeckt haben, die Lichter angezündet, meine Jüte ist eine gar sorgsame Hausfrau, das Lob muß ihr der Neid schon lassen, aber, es ist denn doch eigentlich schade darum, vor einer Stunde kann ich unmöglich nach Frankfurt am Main kommen, und bis dahin sind die Lichter schon halb verbrannt, eh! schwere Zeiten!" und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. . Eine Weile schritt er, nur mit seinen Gedanken beschäfstumm weiter, endlich mochte ihm dieses Schweigen ringsum doch zu langweilig sein, und er setzte sein vorhin unterbrochenes Selbstgespräch wieder fort. „Wie sich meine Alte freuen wird, sagte er wohlgefällig schmunzelnd, wenn ich ihr von meinen Irrfahrten dies kleine Beutelchen mit Dukaten zurückbringe, und wenn ich ihr extra noch die schöne „Schabbeshaube" mit ihrem Lieblingsbande gebe. Und diese Sachen alle für mein Rosaleben und mein Sarahleben, und was bring ich denn..., laß mal sehen, Hab ich den ganz vergessen, was bring ich denn eigentlich meinem Abraham mit?! Nichts! Oh! Er braucht zwar nichts. Er weiß es, wie sehr ihn sein Vater liebt, er weiß es, daß er ja mein Glück, meine Freude, mein Stolz ist, bei ihm bedarf es gar keines Geschenkes. Freilich verbesserte er sich, bei den Anderen ist es auch nicht nothwendig, doch sie sind noch klein, das ist etwas anderes. „Wie mag es denn wohl jetzt in der Familie meines Bruders aussehen, all diese Gerüchte, die über ihm in Umlauf sind, was die Leute von der Gasse über ihn erzählen, ich will sie nicht wissen, schrie er, ich will, ich kann, ich darf nicht daran glauben. Und dennoch muß ich daran glauben, habe ja selbst die Beweise davon, hat er sie mir nicht selbst gegeben, hat er mich nicht aus seinem Hause gewiesen? Er schämt sich, er, der reiche Bankier, der reiche Baron, er schämt sich, daß er Jude ist, will daran vergessen, will alles aus dem Wege räumen, was ihn daran gemahnen könnte, und nur seiner Frau wegen hält er noch auf die äußeren Formen des Judenthums, in seinem Herzen ist ja schon längst jeder Funke hisfür erloschen. Und dessen schämt er sich auch, daß sein Bruder „ein Handelsjude" ist, und ich, ich bin wieder stolz darauf, daß ich's bin, bin ich doch das, was mein Vater selig gewesen. Doch genug davon —", und er versuchte es, seinen früheren Frohsinn wieder zu erlangen, aber umsonst. Er hatte eine Saite seines Herzens berührt und diese tönte fort und fort. Er wischte sich mit der umgekehrten Handfläche die Thränen aus den Augen, und plötzlich, als versagten ihm seine Füße den Dienst, ließ er sich am grünen Feldrain nieder und schluchzte laut. Und zu Hause, zu Frankfurt, da harren die Kinder des Vaters, die Frau des Mannes. 2. Der Bankier. Während Jonathan Beer sich so seinem Seelenschmerz hingibt, und während die Seinen in der Judenstadt zu Frankfurt ängstlich der Ankunft des Vaters warten, der heute kommen muß, (wenn ihm Gott behüte nichts Böses zugestoßen!) da ja morgen Erew Roschhaschana ist, — werden im Hause des reichen Bankier Moritz von Königstein die Lichter des großen Kronleuchters und die Lichter der zahlreichen Girandol's an den reich dekorirten Wänden des prachtvollen Empfangssalons angezündet, und geschäftig eilt die kleine gedruttgene Gestalt des reichen Bankiers von einem Gemache znm anderen, um das Arrangement selbst zu überwachen. Und von Zeit zu Zeit bleibt er vor einem oder dem andern der hohen von der Decke zur Erde niederreichenden in breite Goldrahmen gefaßten Spiegeln aus venezianischem Glase stehen und betrachtet mit sichtlichem Wohlgefallen seine kugelrunde Gestalt, sein frisches glückstrahlendes gerötheteS Antlitz und den goldenen, funkelnden Ordensstern, der an einem blauen Bande befestigt, seine Brust ziert. Ja wohl, ein Ordensstern mit blauem Bande hing an seiner Brust, und dieser Ordensstern war Schuld daran, daß heute das Haus des Commerzienrathes und Bankiers Aaron Moritz von Königstein so festlich dekorirt und beleuchtet und zum Empfange der geladenen Gäste bereit war, denn des Fürsten Huld und Gnade hatte den Commerzienrath ausgezeichnet, ihm für seine commerziellen Verdienste den Hausorden verliehen. Er war ein gar herablassender, gnädiger Herr, der Fürst und wußte Verdienste zu schätzen und zu belohnen. Freilich meinten die Leute, diese Verdienste des Bankiers seien eben nicht sehr groß und beständen nur darin, daß er die Cassa Seiner fürstlichen Durchlaucht und der übrigen Herren des Hofstaates immer rechtzeitig fülle, wenn eine bedenkliche Leere einzutreten drohte und für diese Verdienste, meinten die Leute, hatte der Hofjude, wie er im Volke genannt wurde, einen Orden erhalten, wie früher schon einen Titel, und sie zuckten, mitleidig lächelnd verächtlich mit den Schultern und schauten dessenungeachtet neidisch auf den Ordensstern. (Forts, folgt.)