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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-06-05 · N° 23. (5.6.1878) · p. Seite 176

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 23. (5.6.1878)
Date
1878-06-05
Page
Seite 176 (sequence 2)
Language
German
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und alles, was sich bis jetzt daran knüpft.*) Die That an sich läßt sich freilich 'mit den Ereignisien des Mai 1871 gar nicht in Vergleich bringen, aber es handelt sich nicht um die That, sondern um die Beweggründe, denen sie entsprungen ist; daß es allgemein so aufgefaßt wird, zeigt ja die tiefe Erregung der Gemüther; zeigt das gewaltige Ringen nach Abhülfe, Vorbeugungs- und Repressionsmaßregeln, deren Nothwenoigkeit an sich von allen nicht socialdemokratischen Parteien um die Wette zugestanden wird, während die Socialdemokraten selbst zwischen dreistem Abläugnen jedes Zusammenhanges mit dem Attentat und frecher, schlecht verhehlter Rechtfertigung desselben schwankt. Die That ist die eines Einzelnen, Mitschuldige im juristischen Sinne werden nicht vorhanden sein; Kaiser Wilhelm selbst spricht in herzerhebendmilder Weise von „der That eines auf Irrwegen gerat henen Menschen*. Unsere Weisen geben uns für alle Fälle von Sünde und Verbrechen das mildeste Urtheil an die Hand, indem sie lehren: „Niemand sündigt, es sei denn, daß ein Geist des Wahnes über ihn gekommen!" Aber in dieser Milde liegt zugleich ein hoher sittlicher Ernst, denn dann ist auch jeder Wahn, wenigstens jeder, der die Grundwahrheiten der Religion angreift, Sünde, und diese Sünde beschränkt sich nicht auf den Einen, der die That verübt. Im Geiste strenger Sittlichkeit sagt vielmehr die Schrift: „Gerechtigkeit erhebt ein Volk, aber Schande der Nationen ist Verbrechen." Dieses Verbrechen Hödels ist ein Entsetzen erregendes Symptom, nicht eine Einzeithat und Hödel ist ein Typus, nach desien Charakterzügen eine grausenerregende Zahl Anderer geprägt ist. Das sind die Elemente, die vor sieben Jahren die Spuren ihres Thuns den eingeäscherten Straßen und Pallastreihen der Hauptstadt Frankreichs ausgeprägt haben, Spuren, die noch zur heutigen Stunde nicht getilgt sind. Diese Elemente sind auch bei uns in Hülle und Fülle vorhanden; Einsichtige haben das längst gewußt, in Folge des Attentats ist es Jedem klar geworden. Nun streitet man über die Ursachen. Die Social-Demokraten selbst sind mit der Antwort am schnellsten fertig. Es liegt an eurer sogen, gesellschaftlichen Ordnung, sagen sie, an euren s. g. moralischen und religiösen Grundlagen des Staates; wenn es kein Eigenthum gäbe, gäbe es nicht Raub und Diebstahl; wenn ihr nicht in eurem Interesse Gesetze gemacht hättet, so brauchten wir sie nicht zu übertreten; wenn ihr nicht selbstsüchtig eure Besitzthümer zu wahren trachtetet, so brauchten wir nicht danach zu trachten, daß wir sie mit Gewalt uns aneiguen, kurz, wenn ein Jeder thun dürfte, wozu die Natur ihn berechtigt, dann würden wir uns für besriedigt erklären und allen Umsturzgelüsten entsagen — Diejenigen, die nur um ihres Besitzes, Genusses und Vortheils willen diese Principien der Socialdemokratie „Unsinn" nennen, haben darin nicht ein Haar mehr Recht, als die Socialdemokraten; und Diejenigen, welche die staatliche Ordnung und Gesetzgebung lediglich nach Majoritätsbeschlüssen regeln wollen, mögen es einmal abwarlen, ob die Majorität immer auf der Seite des Bestehenden, ihnen Zusagenden bleiben wird. Für uns aber und alle, die unbefangen urtheilen und in den Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen in diesen Dingen einigermaßen klarblicken, wird es wohl immmer einleuchtender, daß das Untergraben und Abschneiden der Wurzel des religiösen Glaubens und Denkens die beklagenswerthen Zustände herbeigeführt hat, daß nur auf dem Fundamente, welches am <L>inai gelegt ist, das Heil der Menschheit, ja ihr Fortbestehen als Menschheit, beruht. (Schluß folgt.) Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Stettin, 28. Mai. Wenn die abgelaufene Reichstags- *) Während Obiges corrigirt wird, bringt der Telegraph die überallhin Entsetzen verbreitende Kunde von einem zweiten Attentat aus unseren allgeliebten Kaiser — Gott schütze sein theueres Haupt! Session auch mehr als unbefriedigend geendet hat, so hat sie doch gerade zum Schlusie wenigstens noch uns Juden in zwei wichtigen Punkten eine rechte Genugthuung verschafft. Wenn man's eine nöp3 nennen will, so haben wir sogar auch nichts dagegen. Die erste haben wir an den Rumäne n erlebt. Diese Leute haben wirklich etwas von der versteckt kriechenden und schleichenden Art der unappetitlichen Thierchen, welche das jüdische Sprüchwort mit der nöp3 in Verbindung bringt. Um ihre Souveränität durch ein Hinterpförtchen zu erlangen, strebten sie nach dem Abschluß von Handelsverträgen, zunächst mit den drei Kaisermächlen. Oesterreich, welches von einem solchen Vertrage wirkliche Vortheile zieht, war zum Abschluß alsbald bereit, dagegen hätte die rumänische Regierung wohl Schwierigkeiten gehabt, den Vertrag bei ihren Abgeordneten durchzubringen. Da bot sich ein Ausgleichsobject in der Person der Juden. Oesterreich gab den Rumänen seine Juden preis, und die rumänischen Minister sagten ihren Deputirten: Seht, wir haben gegenüber dem mächtigen Oesterreich unsere erbeigenthümliche Schikanirung der Juden durchgesetzt. Mit Deutschland, Frankreich, Italien und anderen Nationen wurde nun auch über Handelsverträge unterhandelt. Die Rumänen würden wegen der Juden dieser Länder wohl keine erheblichen Schwierigkeiten gemacht haben, da sie wohl wiffen, daß deutsche, italienische rc. Israeliten nicht etwa, wie die galizischen, in großer Zahl nach Rumänien kommen würden, um da Geschäfte ju machen oder gar sich niederzulassen. Aber man hatte in dein Handelsverträge mit Oesterreich diesem die Rechte der meist begünstigten Nationen zugestanden, wenn also den deutschen oder französischen Juden irgend ein Recht in Rumänien zugestanden worden wäre, so hätte man es den österreichischen und dann am Ende auch den inländischen nicht länger versagen dürfen. So sind denn, wie man aus den Erklärungen des Herrn v. Bülow erfahren hat, zwei Jahre lang Verhandlungen gepflogen. Auf. eine direkte Ausschließung der Juden konnte und wollte sich die deutsche Regierung natürlich nicht einlassen, und so ist denn schließlich, wie derselbe Herr v. Bülow sagte, ein Compromiß zu Stande gekommen, freilich ein sauberer Compromiß! In dem Vertrage ist mit keiner Silbe von Juden und Christen die Rede, sondern nur von Deutschen und Rumänen, die gleiche Rechte haben sollen; natürlich würden die Rumänen dann in ihrer bekannten Pfiffigkeit sagen: Rumänische Juden sind keine Rumänen, also sind deutsche Juden auch keine Deutsche; deutsche Juden sollen laut Vertrag gleiche Rechte wie die rumänischen haben, d. h. gar keine. Dieser Dummpfiffigkeit gegenüber mar es ein Meisterstück Laskers, daß er sich höchst naiv stellte. „Ich höre, sagte er, daß in dem rumänischen Vertrage nicht allen Deutschen gleiche Rechte eingeräumt werden sollen, ich kann jedoch in dem Vertrage darüber nichts finden und bitte um Auskunft." Nun begann seitens des Herrn v. Bülow ein jammervolles Winden zwischen ja und nein; er betheuerle' wiederholt und mit großer Emphase, daß die deutsche Negierung durchaus keine Zurücksetzung der Juden wolle, aber die rumäinsche Negierung wolle dies allerdings, — so sagte Herr v. Bülow allerdings nicht, sondern umschrieb und umwickelte diesen Satz mit einem Wortschwall, der circa zwei Spalten im stenographischen Bericht füllt, und gab schließlich den Trost, daß die Juden in Folge des Vertrages nicht schlechter daran sein würden als früher. Laster ließ sich weder irre machen, noch aus der Rolle bringen, er blieb bei seinem: „die Sache ist mir nicht klar;" er verlange ja nicht, daß Deutschland Rumänien zwinge, seine Gesetze zu ändern, aber er verlange Klarheit darüber, daß nicht irgend welche Deutsche, z. Ex. Juden, den rumänischen Ausnahmsgesetzen preisgegeben werden. Daher beantragt er Verweisung an eine Commission, um die Sache klar zu stellen. Der Reichstag halte offenbar Lasker ganz gut verstanden, und Harnier sagte ausdrücklich: „wir haben keine Reichsangehörigen zweiter Classe." Nur der sehr weise Herr Profeffor Bäseler („doch ist ein großer Esel er" wie der weiland Reimchronist von 1848 von ihm

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