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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-05-22 · N° 21. (22.5.1878) · p. Seite 165

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 21. (22.5.1878)
Date
1878-05-22
Page
Seite 165 (sequence 7)
Language
German
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— 165 — Präses des Ortsschulrathes gewählt. Soeben ist von Herrn Vr. F. seine neueste, die innere Geschichte der Juden Mährens behandelnde Schrift bei Rudolf M. Rohrer in Brünn unter dem Titel „Tiferet Jisrael" erschienen. Dieselbe wurde von der Wiener Jsr. Allianz mit hundert Gulden subventionirt. Der Umstand, daß Se. Excellenz Freiherrn v. Possinger k. k. Statthalter von Mähren die Dedication dieses Werkes dankend angenommen, dürfte zur Genüge beweisen, daß der Inhalt desselben sehr interessant sei. Der Verfasser hat es sich zur Aufgabe gestellt, der Generation der Jetztzeit, die sich von der Lebensweise ihrer Ahnen keine Vorstellung mehr macken kann, Schilderungen aus dem innern Leben der Juden Mährens in vormärzlichen Zeiten und dem künftigen Bearbeiter einer Culturgeschichte Materialien und Beiträge zu liefern.*) W. Feuilleton. Das Ghetto und fein« Poeten. Eine Studie von Wilhelm Goldbaum. (Fortsetzung.) Leopold Kompert glaubt allen Ernstes an eine Mission des Judenthums, ja mehr, er vindizirt ihm eine Mission der Zukunft. Man blättere wo immer in seinen Erzählungen, in den „Geschichten einer Gasse", den Böhmischen Juden", den Romanen, er predigt begeistert den erlösenden Beruf seines Bekenntnisses. Das hindert ihn nicht, die Einführung der obligatorischen Civilehe zu fordern und mit dem Siege der Liebe über die konfessionellen Hindernisse zu sympathisiren. Den Widerspruch einer solchen romantisch-idealen Zwiespältigkeit räumt er nicht ein, denn es ist ihm gewiß, daß die gleichsam geistige Transfusion des Judenthums in das christliche Blut ein drittes bewirken werde, was von jenem und diesem verschieden, am Ende aber jenem verwandter als diesem sein müsse. Er schwört auf die Unsterblichteit des Judenthums. Und wie er die Schicksale seiner Gestalten bildet, erreicht er wenigstens dies, daß man ihm ein Stück Weges auf seinen Pfaden folgt. In seinen Konflikten nämlich siegt niomenton fast immer die christliche Seite; der orthodoxe jüdische Partner sträubt sich, wird hinweggezerrt von den Seinigen, wälzt sich in herzzerreißenden Kämpfen, um zuletzt dennoch zu erliegen; aber ist die Thatsache einmal geschaffen, so nimmt allmälig der jüdische Theil die Führung und gestaltet die Zukunft. Man mag mit dieser Einseitigkeit rechten, sie schlechtweg zu verwerfen hat man keinen Anlaß. Es kommt auf eine Probe an und Leopold Kompert hat den Muth, diese Probe zu erwarten. Als er jung war, sah er, daß man den Bewohnern der Gasse ihr elementarstes Recht, das Recht der Fortpflanzung, gewaltsam einschränkte. In jeder Familie war es nur ein einziges Kind, dem der Heirathskonsens gewährt wurde. Sie durften auch nicht auf Gottes weitem Acker pflügen, die Bewohner der Gasie, und mußten mit einer schweren Steuer sühnen, daß sie lebten. Sie überwanden Alles, denn sie waren von ihren Vorvordern aus achtzehn Jahrhunderten gewöhnt, die bloße Thatsache ihres Daseins mit Gut und Blut zu bezahlen. Wenn sie liebten, so war die Frage, ob es ein christliches Menschenkind war, dem ihr Herz entgegenschlug, eine Frage des Todes oder der Resig- *) Nach einem Einblick in das Werk können wir dasselbe als sehr rnteressant bezeichnen. Wenn man aber bedenkt, daß die in demselben geschilderten Bräuche und Zustände aus dem Leben und Gedächtmß schwinden, daß es also an der Zeit ist, sie zu sammeln und aufzuzerchnen und daß die in der Ghetto-Belletristik gegebenen Schilderungen groß ent Heils einseitig, tendenziös und daher nicht getreu sind, so rst ein Buch, welches wahrheitstreu aus dem Leben berichtet. vonWrchtrgkert. (Red.) Nation, niemals eine Frage der Erfüllung, denn auf der einen Seite stand abwehrend und fluchend die Kirche, auf der andern die Synagoge. Die Novelle „Christian und Lea" illustrirt meisterhaft die Unentrinnbarkeit dieses tragischen Abschlusses. Dann kam ein dünner Sonnenstrahl in das Ghetto. Das Konkordat versank, die Roth - Civilehe ward satthaft. Kompert acceptirte diese Thatsache und verwertete sie in dem Roman „Zwischen Ruinen". Mit schwerem Herzen und bitterem Grolle, denn im Grunde seiner Seele verwirft er diese Halbheit, die von einer Unsittlichkeit nicht allzu verschieden ist. „Das Eine steht hier und das Andere steht dort und zwischen Beiden fließt seit undenklichen Zeiten ein breiter Strom. Mer hat ihn hiehergesetzt? Woher kommt die Welle, die ihn benetzt? Das wußten sie so wenig, daß sie annehmen mußten, die Natur selbst habe aus Abneigung gegen ihr! eigenes Werk diese Scheidung festgestellt. Nun aber sahen sie mit einer Art dumpfen Erstaunens, wie sich über diesen 1 Strom mit Einemmale ein Nothsteg baute, schmal und schwankend zwar, aber bei einigem Muthe doch zu betreten. Und der Steg war kein Luftgebilde. Hie und da hatten ihn schon Einige betreten. Es ging eine tiefe Verstimmung durch die Welt und in den verschiedensten Tonarten brauste der Groll auf. Es gab also zu allen Zeiten ein Mittel, um über den Strom zu kommen? Warum dann nur diesen schwächlichen Nothsteg? Warum überbrückt ihr diesen Strom nicht von allen Punkten, wo es nur immer angeht? Warum setzt ihr das Werk der Lüge und Täuschung fort?" Man sollte meinen, einem konservativen Bekenner des Judenthums, wie es Leopold Kompert ist, müßte schon die Noth-Civilehe als eine Gefahr erscheinen, geschiveige die obligatorische Civilehe. Aber Leopold Kompert hat, wie gesagt, den Muth, es auf die letzte Probe ankommen zu lasten, weil er seines Glaubens sich sicher wähnt. Er ficht mit zwei Schwertern, mit der Aufklärung und der Religion, weil der Riß zwischen dem alten und dem neuen Glauben seine Dichterseele verschont hat. In einer Geschichte Berthold Auerbach's liest man von Einem, der längst den Glauben seiner jüdischen Väter abgeschworen hat, aber auf dem Sterbebette, von Krämpfen umhergewälzt, vergebens nach dem erlösenden Tode schreit, bis ihm das „Höre Israel, dein Gott ist ein einiger Gott!" den letzten Schlaf in die scheidende Seele gießt. So etwa denkt sich Leopold Kompert die Aufgabe des Judenthums. Das „Höre Israel!" darf nicht vertönen, denn es wird immer Sterbende geben, die danach rufen. Und alle Gestalten seiner böhmischen Gaste, von dem Vorsteher in der Gemeinde bis zu dem armseligsten der Klageweiber, von dem kundigen Rabbi bis zu dem schmächtigen Jünger, der die Elemente des Talmud lallt, denken wie er. Das Ghetto befiehl, aber es besteht gleichsam nur als „Ding an sich". Seine Mauern sind gefallen, der genius loci ist geblieben. Sein Geist dient dem Ganzen und wirkt in das Ganze, um desto gewisser fortzuleben. Die Schlußfrage ist: Wie verträgt sich eine solche Anschauung mit der modernen Bildung, mit der Aufklärung und dem Freiheitsdrangs der Gegenwart? Friedrich der Große nahm die Antwort vorweg: „In meinen Staaten soll Jeder nach seiner Fayon selig werden." Wirkt er in das Ganze, dient er dem Ganzen, so heiße er Jude oder Christ, er ist werth, zu bestehen. Der Kompert'sche Jude, der ein Geschöpf der Zukunft ist, mag so wenig Jedermanns Ideal sein, wie es der Auerbach'sche ist, der aus das „Höre Israel" wartet. Meines ist er nicht. Aber unter allen denkbaren Juden ist er der idealste, und eben deshalb die liebenswürdigste Inkarnation des Ghetto, wie sein Bildner der liebenswürdigste unter allen Poeten das Ghetto ist. (Fortsetzung folgt.)

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