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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-05-15 · N° 20. (15.5.1878) · p. Seite 157

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 20. (15.5.1878)
Date
1878-05-15
Page
Seite 157 (sequence 7)
Language
German
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157 — Feuilleton. Das Ghetto und seine Poeten. Eine Studie von Wilhelm Goldbaum. 1. Leopold Kompert. Es ist eine versunkene Welt. Ihre Trümmer lagen noch mitten auf der Heerstraße, welche durch die letzterschlossenen Culturregionen des Continents, durch slavische und tartarische Lande führt, und wenn man sich ein Rechteck denkt, dessen Diagonalen von Moskau bis Prag und von Odessa bis Posen reichen, so hat man die Geographie des Ghetto in dessen heutiger Ausdehnung mit ziemlicher Genauigkeit umgrenzt. Die Geographie des Ghetto und auch seine zusammengeschrumpfte sociale Existenz, soweit sie für den Dichter in Betracht kommt. In Italien, von wannen Sache und Namen herstammen, ist mit der Mauer, welche das Ghetto umgab, auch der Geist, der in ihm lebte, längst zerbröckelt. Zu Nom sitzen sie freilich noch auf engem schmutzigen Raume beisanrmen, die Kinder Israels, und als ich einst am Sabbath in Trastevere pilgerte und das schlüpfrige Gassengewirr durchstreifte, welches ehedem das römische Ghetto war, dedünkte es mich, als wäre ich plötzlich in eine polnische oder russische Judenstadt versetzt, und als ob hier ein verwerthlicher Rabbi, dort ein verschrumpfter Dorfgeher mir den schmalen Weg durchkreuzte. Allein der Geist des Ghetto, dieser dunstige, trübe Geist mit den Zeichen des Märtyrinms in den sorgenschweren Mienen, war es nicht, auf den ich stieß. Er begegnete mir auch nicht in der volkreichsten Judenkolonie der apeninischen Halbinsel in Livorno, wo ihrer sechzigtausend rastlos und geschäftlich an den Hafenrändern siedeln. Roch weniger manifestirt sich dieser Geist im westlichen Deutschland, wo er einst am meisten heimisch war und am blutigsten verfolgt wurde. Nicht in Frankfurt, noch in Worms oder Speyer, nicht dort, wo einst Raschi, der größte Talmud- Commentator durch ein Wunder vom Tode gerettet wurde, bevor er geboren war*), noch dort, wo Heinrich Heine, ein anderer Talmud-Commentator, seinen Rabbi von Bacharach auflas, hat das Ghetto seine Spuren zurückgelassen. Als der Leibzoll abgestreift, die Judensteuer beseitigt war, erhob sich an ihrer Stelle ein unermüdlicher Drang, mit der Gesammtheit des deutschen Volkes eins zu werden in Bildung und Gesittung, und das Jahr 1848 sah sogar an der Spitze der erlauchtetsten Nationalvertretung, die jemals erblickt wurde, an der Spitze des Frankfurter Parlaments in der Pauls-Kirche einen Israeliten, den unvergeßlichen Gabriel Rießer. Sentimental zuerst und mit scheuer Zaghaftigkeit, dann aber werkthätig und unternehmend, war dieser Drang zu Tage getreten. Und heute ist jede Spur des Ghetto in Deutschland ausgelöscht. Nur im Osten, unter den Slaven, leben die Juden noch im Ghetto. Nicht zwar durch Schlagbäume, Kettenstege und Brücken von den Autochthonen geschieden, aber geistig und social getrennt wie durch einen breiten Fluß. Kein Gesetz verbürgt ihre Berechtigungen im Staat, kein stillschweigendes Uebereinkommen ihren Antheil an der Gesellschaft. Sie hocken über dem Talmud, sie schleichen schwerbeladen mit allerhand kleiner Maare von Dorf zu Dorf, sie schenken Branntwein aus in der Propination, und wenn der Sabbath kommt, so zünden sie in ihren engen, luft- und lichtarmen Wohnungen die vielzinkige Lampe an, schließen sie die Fensterläden und stngen uralte Weisen. In diesem abgeschlossenen Kreise, in welchem sich das Leben mit ewiger Monotonie fortspinnt, gibt es naturgemäß blos psysche Entwickelungen und Conflikte, die äußere Welt, der Kampf ums Dasein und der ums Recht, bleiben draußen vor der Schwelle stehen. Hin und wieder zwar fliegt ein Funke aus dem Herzen eines Judenknaben in das eines Christenmädchens hinüber und entzündet eine Liebe, *) G. verwechselt Raschi mit R. Jehuda Hachasid. der sich Gewohnheit, Satzung und Tradition brutal widersetzen. Aber im Allgemeinen ist im Ghetto kein Raum und Stoff für den Roman, nur die Novelle vermag diesen kleineu Leiden und Freuden, diesen knappen Schicksalen und innerlichen Regungen gerecht zu werden. In der That hat auch die Ghetto-Dichtung sich kaum vereinzelt und dann nur mit zweifelhaftem Erfolge der Roman-Form bemächtigt. Leopold Kompert, der einen doppelten Versuch wagte, in den mehrbändigen Geschichten „Am Pflug" und „Zwischen Ruinen", verlor sich ins Detail, in die Reflexion, in das Raisonnement, weil der Athem des Themas für die ausgedehnte Composition nicht langte. Gleichwohl war er und außerdem Aron Bernstein, der vielseitige Urheber der „Berliner Volkszeitung", am berufensten, die Poesie des Ghetto plastisch zu gestalten, weil sie noch mit eigenen Augen die wunderlich verschrumpfte Welt gesehen hatten, in der der Rabbi das Wort Gottes verkündete und durch den Talmud alle Lebensäußerungen regulirt wurden. Schon Carl Emil Franzos in seinen „Juden von Barnow" bedurfte mannichfacher Zuthaten aus dem nicht immer intuitiven Vermögen feiner Phantasie, weil er nur theilwerse Selbstgeschautes zu erzählen hatte und auch dieses bereits mit modernen Elementen durchsetzt war, während Mosenthal, der im deutschen Westen seine Jugendgeschichten auflas, nur mehr vom Hörensagen das Ghetto kannte, dafür aber freilich eine Fähigkeit des Anempsindens besaß, welche, soweit dies überhaupt möglich ist, die Autopsie nahezu ersetzte. Die Ghetto-Geschichte als literarische Spezies war eine Frucht des politischen Erwachens in Deutschland, wie die Dorfgeschichte aus socialen Keimen hervorsprang. Wenn die Emanzipation zum Schlagworte erhoben wurde auf allen Kreuzwegen des Staates und der Gesellschaft, so konnte das Ghetto füglich nicht unvergessen bleiben. Aber zunächst, dem unklaren Drange entsprechend, der auch die politische Lyrik bewegte, flüchtete sich die Forderung der Juden-Emanzipation unter christlicher Aegide. Carl Gutzkow erhob und vertrat sie in der meisterhaften Novelle „Der Sadducäer von Amsterdam", in dem stolzsprachigen Drama „Uriel Acosta". Dann erst, als die Massen auf das Thema genügend vorbereitet waren, erzählte Leopold Kompert seine „Geschichten von der Gasse." Von der böhmischen Gasse. Denn es ist ein Unterschied zwischen der böhmischen und der polnischen Gasse. Ein historischer und darum beiweitem milderer Geist waltet in jener, ein dialektischer und schrofferer in dieser. Mehr biblisch geschult ist der böhmische, mehr talmudisch gedrillt der polnische Jude. Zur Mystik neigen Beide, aber jeder in anderer Weise. Der böhmische Jude wähnt die Tradition vereinbaren zu können mit der Emancipation und hält an jener fest, trotzdem er diese anstrebt. Der polnische Jude wehrt die Emanzipation von sich ab, weil er, scharfsinnig wie er ist, begreift, daß sie die Tradition zerbröckelt, entsärbt, ausschließt. Ein andächtiger Schauer überläuft den böhmischen Juden, wenn er an die Altneuschul in Prag denkt, an den hohen Rabbi Löw und dessen kabalischer Wunderthaten, an Kaiser Franz Josef's Toleranz-Edict und die Charlatanerien des Rabbi Jonathan Eibeschütz. Das ist der historische Zug, der den Fanatismus entkräftet. Der polnische Jude ist realistischer; er stemmt sich auf seinen Talmud-Folianten, der ihm alle geschichtlichen Reminiscenzen ersetzt, häuft eine Spitzfindigkeit auf die andere, sperrt seine Hausthür trotzig gegen jeden leisesten Hauch des Zeitgeistes ab und verfällt, wenn feine Dialektik nicht mehr ausreicht, dem Humbug des „gütest Jüd". Das ist der talmudische Zug, an dem der Fanatismus erstarkt. Leopold Kompert ist der Dolmetsch der böhmischen Gasse. Er wurde vor dreiundfünfzig Jahren in einer solchen geboren, zu Münchengrätz, nicht weit von der Stätte, wo Moritz Hartmann's Wiege stand, der ebenfalls ein Kind der Gasse war, wenn auch eines von jenen, die zeitig von dem Geiste des Ghetto sich befreiten, um voll und ganz in germanische Gefühlstiefen niederzutauchen. (Fortsetzung folgt.)

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