Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 18. (1.5.1878)
- Date
- 1878-05-01
- Page
- Seite 141 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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141 -- Feuilleton. Tausch nngen. Eine Erzählung aus der letzten polnischen Revolutionszeit. Von Leo Herzberg-Fränkel- (Fortsetzung.) Mit zitternden Lippen und flammenden Augen erzählte sie ihm, was sie erlebt und erlitten hatte, von der Undankbarkeit und der Verachtung Jener, denen er mit Gefahr seines Lebens gedient, und der Perfidie des Weibes, der er sein zeitliches und ewiges Wohl weihen, von der Verlasienheit, in die sie ihn stürzen wollte und von der grausamen Enttäuschung all' seiner Hoffnung. Mit allem Ungestüm eines cholerischen Characters forderte ihn die Schwester auf, sich und sein Volk zu rächen und eine Sache preiszugeben, die nicht mehr die seine war. Als ob der Blitz zu seinen Füßen niederschlüge, stand Karl vernichtet da, das Auge stier, die Wangen blaß, die Arme schlaff herniederhängend — zum Bilde der Gebrochenheil entgeistert. Alle seine Hoffnungen, all' sein 'Fühlen und Denken, die Pläne, die er sich im Kopfe gesponnen, die Schlösser, die er sich im Herzen erbaut, der Tempel, den er seiner Gottheit errichtet, die Träume, die er sich von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gewoben — Alles, Alles liegt auf einmal da zur Fratze entstellt und er selbst steht da, wie ein Trunkener, den man im Rausche zur Thüre hinausgeworfen und der sich nun, ernüchtert, der begangenen Thorheiten und der erlittenen Schande schämt! Und im Kerker! Für Alles, was er gethan, für Alles, was man jetzt ihm gethan — noch der Kerker! Hermine hält erschrocken inne, als sie die Verwüstung gewahr wird, die sie in ihrem Bruder angerichtet Sie umschlingt ihn. sie drängt ihn auf die Bank seiner Kasematte, sie erwärmt das erstarrt Leben mit ihren Küssen, sie feuchtet sein trockenes Auge mit ihren Thränen an. „Gott wird uns helfen, Karl — vertrauen wir auf Gott, nachdem uns Menschen so bitter getäuscht haben," sagte sie, sein eiskaltes Gesicht an ihrer Brust erwärmend. „Bezahle Deine Freiheit mit dem Geheimniß, vergelte Gleiches mit Gleichem und steige gerächt aus diesen Mauern, die Dich als Opfer Deiner Vaterlandsliebe umschließen." „Rein," sagte Karl, sich ermannenv, „ich werde niemals zum Verräther werden, wenn ich auch in bübischer Weise mißbraucht worden bin! Ich habe gethan, was jeder Mann, der Herz hat, thnn soll, ich habe Mitwirken wollen zur Befreiung des Vaterlandes — ich habe gehofft, den Sieg zu theilen, wie ich die Gefahr theilte, und daß die liechte die Pflichtelt lohnen werden — ich habe geliebt, weil lnan mir ein schönes Herz in einer schönen Schale entgegentrug und den Himmel auf Erden malte — nun bin icb nach allen Seiten hin betrogen, man hat mich um mein Vaterland und um mein Eden gebracht, man hat mich aus der Sonnenhöhe meines Glückes hinabgestoßen in die Rächt des Kerkers —" wohlan, ich bleibe — aber verrathen werde ich nicht! mit diesem Makel will ich weder mich noch mein Volk beschmutzen; ich will nicht, daß Graf Kronowski Recht behalte!" „Und Du wirst, Gott weiß, wie lange hier bleiben. Bedenke, theurer Bruder, daß du jetzt, wie die Sachen ehen, aller Verpflichtung ledig bist und daß die 'Nächstenliebe bei sich selbst beginnt.,, „Mag sein. Was hat das arme polnische Volk verbrochen, wenn auch Einige seiner Führer gegen Humanität und Civilisation sündigen? Wäre es gerecht, die Sache der Nation zu verrathen, weil Gras Kronowski und Consorten uns Preis geben? Würde nicht der Haß, den man rrns Juden immer nachträgt, gerechtfertigt sein, würde nicht die ganze gebildete Welt einen Schrei des Abscheues ausstotzen, wenn man erführe, daß ein Jude die schwer und meisterhaft organisirte Ver- I schwörung und ihre Leiter an Rußland ausgeliefert, um sich feiger Weise die Freiheit zu erkaufen?" Hermine schwieg, sie sah ein, daß sie im Begriff war, ihren Bruder zu einer schweren Unthat zu verleiten; aber wie ihm aus dem Kerker Helsen? Sie ging heim. Das junge blühende Mädchen mit den sonst lachenden Augen und schwellenden Formen erschien jetzt vor ihrem Vater, blaß und schlotternd, mit rolhgeweinten Augen und verstörten Zügen. „Was ist Dir, mein Kind? fragte der alte Mann erschrocken. „Vater," platzte die Tochter los, während sich ihr Schmerz durch einen Strom von Thränen erleichterte; „Vater, es hat uns ein doppeltes Unglück getroffen; Karl ist arretirt und Jene, für die er büßt, haben sich von ihm gewendet!" „Beruhige Dich, geliebtes Kind, und mache Dich verständlich. Wer hätte sich von ihm in der Stunde der 'Roth gewendet? „Jene, denen er sein Leben geweiht. Karl war ein thätiges, ein mit Hingebung und Aufopferung thätiges Mitglied der Rationalregierung gewesen — was er leistete, das leisten nicht drei mit vereinten Kräften. Mit einem ruhelosen Eifer, mit einer uner>»üdlichen Thatkraft. mit einer bis zur Selbst- Vergessenheit gesteigerten Opfernnlligkeit hat er der Sache gedient, der er sich freiwillig gestellt und die ihn nun in's Verderben führte. Die Rationalregierung, das weiß ich, vermag viel: ihr Einfluß reicht weit bis in die obersten Schichten unserer Behörden und da pochte ich an, füu Karl Hilfe suchend" — „Und?" „Keine! In Karl wird der Jude Preis gegeben." „Dachte ich es! Sagte ich es! Weiß es Karl?" „Ich war in seinem Gefängniß. ich habe ihm wortgetreu berichtet. Er brach zusammen un.er der Wucht der Wahrheit; er nahm meine Erzählung wie ein Todesurtheil; er bereute seine Betheiligung und bedauerte das polnische Volk seiner Führer willen — doch zum Verrath ließ er sich nicht bewegen, um damit seine Freiheit zu erkaufen." „Da hat Karl Recht; das ehrt ihn. Er will die Sache nicht der Personen wegen verrathen: aber eine heilkräftige Wirkung muß dieses Ereigniß auf rhu hervorgerufen und ihn belehrt haben, was die Vorspiegelungen gellen, wenn man Zusagen eintreiben will. Ich habe ihn gewarnt; ich habe ihm gesagt, daß nran unsere Leistungsfähigkeit braucht, daß man unser» Patriotismus anruft, unsere Hoffnungen und unfern Ehrgeiz weckt, daß man uns Wechsel aus die Zukunft ausstellt — ist aber der Verfallstag erschienen oder verlangen wir eine theilweise Deckung — sagen wir, bevor wir Minister oder Generäle werden, erlaubt uns vorläufig in unbefugten Bezirken zu wohnen, so wendet man uns den Rücken und zuckt mit den Achseln, als ob -wir Albernheiten schmatzten.! Meine Worte fielen in ein taubes Ohr. Karl hing sich an i die Männer, die ihn jetzt abfchütteln und nun erst ist er zur Erkenntniß gekommen. Wohlan, ich werde trachten, daß er uns zurückgegeben werde um eine Hoffnung ärmer, aber um die Erfahrung reicher, daß der Jude keilt Vaterland hat und sich ihm kein Land anders öffnet, als etwa der Gafthof dem Fremden, wo er für sein Geld beherbergt w>rd> wo er aber keine Familie, keine Theilnahme uub keine Herzlichkeit findet. Unsere einzige Mission ist Geld zu machen, weil wir ohne dasselbe nicht exiuiren können. Mögen wir noch so viel Intelligenz, noch so viel Geist und Herz aufweisen, mag unser Wille noch so redlich, unser Charakter noch so unbefleckt fein — wir finden geschloffene Thüren und an allen Aenstern und Würden die verhängnißvolle Taiel, alt wie das Vorurtheil, mit der Aufschrift; „Juden werden nicht zugelassen!" (Schluß folgt.)