Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 16 u. 17 (17.4.1878)
- Date
- 1878-04-17
- Page
- Seite 133 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 133 dem er die Presse vernichtet, ehe sie der Polizei in die Hand fallen konnte und Graf Kronowski's Agenten sind keinen Groschen werth!" Aller Blicke wendeten sich auf den Grafen. „Meine Agenten," sagt dieser, „haben Holdheim im Schlosse und eben daselbst im vertraulichen Gespräch mit einem Polizeibeamten gesehen. Ich stehe für die Richtigkeit; mehr, glaube ich, bedarf es nicht. Jede Widerrede in eine Lüge." „War der Bruder im Schlosse?" fragt nun Baron Marinski das Mädchen, wie etwa der Vertheidiger tun Jnquisiten in Gegenwart des Gerichtshofes, um einen seinem Klienten günstigen Moment hervorzuheben. „Rein, mein Herr," antwortete dieses, ohne eine Ahnung von dem, was hier vorging, zu haben. „Im Schlosse war mein Vater; der Fürst hat ihn holen lassen." Die Anwesenden blickten einander an. Verwunderung und Unglauben malten sich in ihren Gesichtern. „Der Bruder war also nicht im Schlosse?" fragte Marinski abermals. „Der Bruder war nicht dort," wiederhdlte Hermine. „Ter Vater fuhr hin und Karl eilte mit dieser Nachricht her. Er war zweimal hier, fand aber die Thüre verschlossen. Mittlerweile war der Vater heimgekehrt, er schien aufgeregt und verstört zu sein; fast gleichzeitig brach im Hause Feuer aus. Kaum war dies bewältigt, so erschien bei uns die Polizei, sucht in Kisten und Kästen, vom Keller bis zum Dach und nahm alsdann den Bruder mit. Ich fand somit keine Zeit, den Vater zu sprechen; er hatte keine, uns zu erzählen." „Justizmord!" ruft jetzt der Baron mit einem Blick des Hasses auf seinen politischen Antipoden, den Grasen. „Wir hätten einen Justizmord begangen!" wiederholt er. Und Justizmorde sind zu jener Zeit der revolutionären Eruption begangen worden. Wie zur Zeit der französischen Schreckensherrschaft sind Leute auf eine bloße Denunciation hin, auf Grund einer gehässigen, von irgend einem persönlichen Rachegefühl dictirten Anschwärzerei ohne Verhör und Vertheidigung gemordet worden. Auf Alles stand die Todesstrafe, auf Steuerverweigerung eben so wie auf Hochverrath; auf Preßvergehen eben so wie auf Betrug. Da die Revolntionstribunale keine Mittel hatten, eine geringe Strafe zu verhängen, so verhingen sie die größte. Sie konnten nicht die Schuldigen einsperren oder verbannen, so ließen sie dolchen oder hängen. Die Ohnmacht führte zum blutigen Terrorismus und so wurde die heroische Bewegung, welche in der ersten Zeit ihres Ausbruches eine fast nngetyeilte Sympathie weckte, ein Gegenstand des Abscheues und des Schreckens aller Jener, denen der Meuchelmord ' durch nichts gerechtfertigt erscheinen und der Zweck die Mittel nicht heiligen kann. Die Männer, welche die Freiheit proclainirten und die Tyrannei angriffen, übten eine noch härtere, eine noch rücksichtslosere Tyrannei und traten alles nieder, was sich ihnen nicht unterwerfen wollte. „Gehen Sie, mein Kind," sagte der Graf, der gerne die Scene säubern wollte, „und seien Sie überzeugt, daß wir für Ihren Bruder das thnn werden, was wir sollen." „Und was wir thun sollen," fuhr er fort, nachdem sich die Thür hinter Hermine ge,chlossen, „ist, ihn dort zu lassen, wo er ist. Ich will zugeben, daß wir viellelcht übereilt gewesen ein Todesurtheil zu fällen, obschon mir die Sache durchaus nicht klar und am Ende in Zeiten des Krieges ein Menschenleben entwerthet ist — doch müssen wir die durch die moskowitischen Behörden vollzogene Arretirung Holdheims durch die uns zu Gebote stehenden Mittel eher prolongiren als aufhebeck lassen. Es war ein außerordentlicher Mißgriff, in die Hand eines Juden ein Geheimniß zu legen, das Rußland gerne mit einer Million abkaufen würde; es war ein leichtsinniges Vorgehen mir den lheuersten Jeteressen des Volkes, eine Person hineinzuziehen, die weder Patriotismus noch Vaterland hat und die sich früher oder später für die Dienste bezahlt machen wird, die sie leistet. Hat die russische Polizei den Mann abgefangen, nun wohl, so lassen wir ihn ihr und seien wir froh. daß es so gekommen, bevor an uns ein Verrath oder ein Betrug begangen worden, die nicht ausbleiben würden." „Und wenn der Mann uns jetzt verriethe, um seine Freiheit zu erkaufen, wenn wir sie ihm nicht kaufen?" fragt Marinski. „Wenn er uns nicht schon verrieth, so wird er uns bis morgen nicht verrathen und morgen bringen unsere geheimen Jonrnale kleine Apotheosen über den jüdischen Märtyrer, der für die gute Sache im Kerker schmachtet, wodurch zwar Holdheim in den Augen der russischen Behörden nicht sonde.rlich gerechtfertigt erscheint, er sich aber, wenn wir ihm einige Blätter zustecken lassen, eitel, wie er ist, gehoben und zu Widerstand gekräftigt fühlen wird. Hedwig sendet ihm eine Haarlocke, eine andere Dame sendet ihm einen Kranz und so wird er treu erhalten, ohne weiter in unfern Angelegenheiten eine Hand zu haben. So gebietet es die Vorsicht. Es wird vielleicht nicht nach dem Geschmacke unsers Repubikaners, des Baron Marinski sein, vielleicht ist es auch nicht human oder gerecht, jedenfalls aber ist es klug." „Ganz richtig!" stimmten die Andern ein. „Und Hedwig? Was sagt Hedwig?" fragte Baron Marinski. „Ich meinerseits," erwiderte die Dame, „wäre herzlich froh, nicht länger Komödie spielen, Gefühle heucheln und Albernheiten anhören zu müssen, die mir zuwider sind. Ich glaube, daß die Beseitigung Holdheim's kein sonderlicher Verlust für unsere Sache ist. Mir hat das Todesurtheil bloß widerstrebt, aber für die Ausschließung bin ich durchaus und daß wir," — fügte sie lachend hinzu, „nicht illoyaler Weise durch Gegenschritte uns der rrrssischen Polizei undankbar erweisen, die uns einen solchen Dienst durch die Entfernung jenes Mannes erwiesen!" „Ganz richtig!" rief Kronowski mit einem triumphirenden Blick auf Marinski, der den Kopf auf der Hand mit finsterem Ernst dasaß und den Kampf aufgegeben zu haben schien. „Ganz gewiß — wozu einen Fehlschritt, den wir gemacht, wiederholen und eine Person, die uns Allen mißliebrg, abermals aufnehmen, nachdem wir ihrer aus so anständige Weise los geworden »sind? Wozit die Inden in ihrer schlimmsten Art, die sich brüstenden, sogenannt gebildeten Juden zu Mitarbeitern an dem großen Befreiungswerke aufnehmen? Hieße es nicht, der polniichen Ration ein Ärmuthszeugniß ausstellen, wenn man solche Auxiliartruppen heranzieht, und übernimmt man nicht Verpflichtungen für angebliche Dienste, denen wir später nicht Nachkommen würden? Wer von uns wird alsdann, wo wir Herren dieses Reiches geworden, zugeben, daß die Juden mit uns an derselben Tafel sitzen, aus derselben Quelle trinken, dieselben Rechte genießen und sich auf dieselbe gesellschaftliche Sprosse stellen?" „Niemand, rief's von allen Seiten. „Ter Jude ist zum Gehorchen, fuhr der Graf fort, „nientals aber zum Herrschen. Er soll handeln und schachern und Schabbes machen, so viel er will — er soll in seinem Laden feilschen, so viel ihm beliebt — aber man darf nicht zugeben, daß er im Kreise Jener einen Platz einnehme, die Weltgeschichte machen. Also es bleibt dabei, meine Herren: Holdheim bleibe wo er ist — keine Lippe öffne sich zu seinen Gunsten, keine Hand strecke sich für seine Befreiung aus." Hinter der Thüre lauschte Hermine dieser Verhandlung. Als sie den Saal verlassen, brach sie unter der Wucht der erlittenen Aufregungen zusammen und da setzte sie sich auf einen Stuhl, um Hedwig zu erwarten und ihr nochmals das Schicksal ihres Bruders an's Herz zu legen, den sie verloren glaubte. Kronowski's starke Stimme drang in ihr Ohr, gierig sog es alle Laute ein, als sie hörte, daß Karl's Loos geworfen ward, und wie die letzten Worte veklangen, erhob sich das Mädchen mit einem halb unterdrückten Schrei und stürzt zum Hause hinaus. Unwille. Wuth und Verzweifiung hatten sich ihrer bemächtigt, und in einer Aufregung, die den Bruder erschreckte, erschien sie bei ihm im Gefängniß. (Forts, folgt.)! *\a