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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-04-10 · N° 15. (10.4.1878) · p. Seite 121

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 15. (10.4.1878)
Date
1878-04-10
Page
Seite 121 (sequence 7)
Language
German
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121 Feuilleton. Täusch un gen. Eine Erzählung aus der letzten polnischen Revolutionszeit. Von Leo Herzberg-Fränkel. (Fortsetzung.) „Rechtfertigen! Einen Verrath rechtfertigen!" ruft der alte Graf. „Verräther sind vogelfrei und wer zu erst den Dolch nach ihm zückt, begeht ein gottgefälliges Werk und alle Juden sind Verräther, die den Schandtod verdienen! *) Es war ein tfluchwürdiger Gedanke, sie an dem großen Revolutionswerke partizipiren zu lassen. Wozu brauchen wir sie? Waffen liefern sie uns, wenn wir zahlen, Geld geben sie uns, wenn sie geängstiget werden; Botendienste leisten sie uns, wenn sie gestoßen werden; wir hätten ihrer Schwäche das abfordern können, was Ihr jetzt von ihrem Patriotismus verlangt. Wozu sie in die Administration und die Armee hineinziehen? Unterliegen wir im Kampfe, so theilen sie die Ehre unserer Niederlage, unsere Asyle, unsere Unsterblichkeit. Siegen wir, so werden sie unfern Ruhm, unsere Unabhängigkeit und unsere Rechte theilen wollen, und in keinem der beiden Fälle möchte ich die Juden zu Compagnons haben!" Hedwig schwieg, die Herren nickten zustimmend mit den Köpfen. Baron Marinski allein, ein Demokrat trotz seiner Prädikate, eist Mann, der im Auslande die Milch der Civilisation eingesogen, erhob sich gegen die Anschauung seines Collegen. Derb in seinem Erscheinen und in seiner Sprache, sagte er zu dem Grasen gewendet: „Sie schänden das Jahrhundert, Graf, und wenn alle Polen, die an der Regeneration des Vaterlandes arbeiten, so denken wie Sie und Ihre Vorurtheile hegen, so wird Polen niemals frei. Es ist das große Unglück unserer Nation, daß sie keinen Bürgerstand hat und daß das Landvolk jeder Initiative des Adels, in dem es seinen Tyrannen sieht, feindlich, jedenfalls mißtrauisch entgegentritt. Die zahlreichen Juden, die Polen bevölkern, könnten, wenn wir uns mit ihnen verbrüdern, ein intelligentes, leistungsfähiges, wohlhabendes Bürgerthum stellen und zugleich den Kitt abgeben, der Adel und Bauer verbindet. Haben wir das israelitische Volk gewonnen, so hat unsere Kraft in größerm Maße zuals abgenommen, während gleichzeitig den gebieterischen Forderungen des Zeitgeistes Rechnung getragen ist. D^e Zeit strenger Vorurtheile und vornehmer Exclusivitäk ist vorüber! Der Stand weicht dem Menschen. Aus dem Gebiete der Diplomatie, auf den Ziffertabellen der Finanzen, so wie auf dem Schlachtfelde kann der Jude ebenso erfolgreich wirken, als ob sein Ahn Kreuzfahrer gewesen wäre, und es wäre ein Verbrechen an unserer nationalen Sache, solche Kräfte auszuschließen. Ist ein Verrath begangen, so ist er unstreitig strafwürdig, doch darf man deßhalb nicht die Gesammtheit für das Individuum strafen. Auch unsere Kaste hat Verräther gezeugt; das ist aber noch kein Grund, die Bravour und die Opferwilligkeit des ganzen Standes zu negiren. Tausende thun ihre Pflicht und gehen unter auf ihren Posten; einzelne verlassen treulos ihre Fahne — wir dürfen aber darum nicht eine Armee auflösen, weil wir Deserteure zählen!" „So lange ich Einfluß behalte," siel der Graf ein, „werde ich nicht zugeben, daß Inden die Geschichte Polens machen helfen und wieder einen Fuß in die Verwaltung des Landes setzen; dessen seien Sie versichert, Baron!" „Ich habe auf meinen Kreuz- und Querzügen durch Polen, durch das Krakauische und Galizien die Juden dieser Länder kennen und schätzen gelernt. Es heißt nicht dies Volk kennen, wenn Sie es nach Ihrem Mäkler, oder Hansirer beurtheilen, den Sie in schlechter Laune die Stiege hinunterwerfen lassen und ihn doch Wiedersehen, weil ihn die Roth auf Sie wefft und er Ihre Impertinenzen anhören und Ihren *) Le peuple de Cracovie qui massacrait les Juifs, suivait une divine inspiration. Jean Czynski. Fußtritt erdulden muß, um den Seinen ein Stück Brot heimzubringen. Sehen Sie sich die Juden in ihrem häuslichen Leben an, in ihrem Gotteshause, in ihrer Gemeinde; da finden Sie ein Volk, einig, obschon zerstückelt und durch diese Einigkeit stark; da finden Sie eine Reinheit der Sitten, eine Unermüdlichleit in der Arbeit, eine Pietät für das Vergangene und ein Gottvertrauen für die Zukunft, die wir bewundern müssen! Während unsere Bauern ihre Sonn- und Feiertage in den Schenken verleben und die Ersparnisse der Woche in Schnaps versailfen, bringt der niedrigste Jude seine Ruhetage im stillen Kreise seiner Familie zu, in reinlich gescheuerter Stube, an weißgelinnter Tafel, unter Unterricht, Erzählung und Gebet, theilt er sein Brod mit seinem Weibe und seinen Kindern: spart er vom hart erworbenen Verdienst auch eine Gabe für seine Gemeinde und Schulgeld für seine Kinder ab." „Lieber Baron," sagt Graf Kronowski mit verhaltenem Zorne, „ich habe die Herren nicht versammelt um uns ein Kapitel über die Emanzipation der Juden vorlesen zu lassen, sondern nur über einen Verräther zu Gericht zu sitzen: Ich habe auf den Tod angetragen, wollen die Herren abstimmen?„ Es wurde abgestimmt. Baron Marinski gab sein Votum, secundirt von Fräulein Boljowska, gegen die beantragte Todesstrafe ab, während die Mehrzahl mit dem Grasen Kronowski stimmte. Karl Holdheim war zum Tode verurtheilt! Kaum in seinem Hause, schlich sich der alte Mann von Niemand bemerkt in sein Bethaus: mit einem raschen Blick hat er unter einem tief bedeckten Tische die Werkzeuge gefunden, mit denen seine Kinder im Dienste der Revolution arbeiteten und mit einer vor Aufregung zitternden Hand legte er, während zwei heiße Thränen ihm die Wangen Herunterrollen, den Brand in den geweihten Raum, daß es aufflackerte und die Flammen gierig um sich fraßen. Vorsichtiger noch, als er gekommen, schlich sich jetzt der arme Mann, ein Ver, brecher in seinen alten Tagen, über den Hof in seine Wohnung. wo er zusammenbrechend in einen Lehnstuhl fiel und mehrere Minuten in dumpfem Brüten fast geistesebwesend da saß. Jetzt ertönte von Unten herauf Feuerlärm und als wäre Holdheim in's Herz getroffen, schnellte er auf — es war die offene Verkündigung seines Verbrchens, der Schreckruf über seine schwarze That. Unten hatte sich die Menge zusammengerottet und Hunderte von Händen arbeiteten, das entfesselte Element zu besiegen, das das schöne Nebengebäude rasch in einen glühenden Kohlenhaufen verwandelte und die Beweise des Hochoerrathes begrub, nach denen schon in der nächsten Minute gesucht werden sollte. Noch prasselten die Flammen und schon erschien, geführt von Kuriloff, eine Abtheilung niederer Polizeibeamten und Soldaten im Hause des Herrn Holdheim nach einer geheimen Presse zu suchen, von deren Existenz der Polizei eine Anzeige gemacht worden, die der Beamte nicht unbenutzt lassen durfte, wollte er sich nicht dringend verdächtigen. Es wurde in allen Winkeln des Hauses gesucht, alle Behälter wurden geöffnet, die Dielen theilweise aufgeriffen, bis in die dunkelsten Keller und bis in das kleinste Dachkämmerchen stiegen die Sicherheitsorgane — erfolglos! Bios einige Bücher. Brochüren und Photographien, die nicht das aäiuittitur der Censur hatten, fielen in die Hände der Commission. Karl und seine Schwester — sprachlos vor Staunen und Unruhe über die Vorgänge, die sich so rasch vor ihnen abgesponnen — ohne zu wissen, was den Vater in's Schloß gerufen, wer den Brand im Bethause entzündet, wer die Polizei in's Haus geschickt habe, nehen da mitten im wirren Haufen der von den Dienern beim Ausbruch des Feuers zusammengeballten Mobilien und wissen nicht, was sie zu denken und zu fürchten haben. Hermine besonders ist wie geknickt unter der Wucht dieser Ereignisse; ein zartes Kind, ist sie nicht fähig, den Harnisch zu tragen, den man ihr angelegt, unter, dessen Schwere sie zusammenbricht. (Forts, folgt.)

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