Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 15. (10.4.1878)
- Date
- 1878-04-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 15. 1878. Jahrgang IX -Zchrist für die religiösen und soeialm Interessen des Iudeuthums. Erscheint jeden Mittwoch ».kostet sammt dem allwöchentlich erscheinenden .Jüd. Literaturblatt" von Rabb. l)r. M. Rah me r bei allen Postämtern u. Buchhandlungen vierteljährlich 3 Mark 50 Pf. Mit direkter Zusendung: in Deutschland 12 Mt. (7 fl.); nach dem AuSlande: 1b Mk. (18 Frcs.) jährlich. Einzelnummern der „Wochenschrift" ä 25 Pf. deS „Literaturblatts" ä 15 Pf. Verantwortlicher Redakteur und Herausgeber Rabbiner Dr. Ä. Treueuftls in Stettür. -- Magdeburg, 1«. April. Inserate für die „W o ch e n f ch r i f t", die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum 35 Pf., (für das „Literaturblatt" » 20 Pf.,) sind durch sämmtliche Annoncen » Expeditionen oder direct an die Expeditio" der Israelitischen Wochenschrift in Magdeburg" einzusenden. — Bei Wiederholungen Rabatt. Beilagen, 2500 Stück, werden mit 15 Mark berechnet. Inhalt: Leitende Artikel; Die Trotz-Orthodoxie und unser Verhältniß zu ihr. Berichte und Eorresponvenren Deutschland: Berlin. Breslau. Magdeburg. Stargard. Straßburg. Schrimm. Aus Hessen. Alzey. Oesterreich: Brünn. Frankreich: Paris. Vermischte und neueste Nachrichten: Berlin. Erfurt. Frankfurt a. M. Pest. London. Belfast. Bukarest. Feuilleton r Täuschungen. Inserate. Wochen- April. 1878. Nissan 5638. Kalender. Mittwoch . . . 10 Donnerstag. . ii Freitag .... 13 Sonnabend . . 13 Sonntag . . . 14 Montag.... 15 Dienstag . . . 16 7 8 9 10 11 12 13 JH13CD (Ende 7 tt. 35 3) 8abti. hagodaul. Abends pan Die „Trotzorthodoxie" und unser Verhältnis zu ihr. II. (Schluß) Rabbi Mose S o f e r har gegen die Weglassung der Mezizah nichts einzuwenden, der Redacteur der „Jüd. Presse" aber findet, das solches den Widerspruch jedes gesetzestreuen Israeliten herausfordern müsse, und er bringt darüber Zuschriften seiner anonymen Gelehrten und frommen Berliner Mohelim. Daß sich diese Leutchen für gelehrter halten sollen als jener Talmud-Heros, bas ist nicht möglich'), aber sie sind orthodoxer, gesetzestreuer als er!! Nun lautet aber ein Ausspruch unserer Weisen: „ein Unwissender kann nicht fromm (oder orthodox, gesetzestreu) sein", und dieser Spruch nimmt im Judenthum den Rang eines wahren Fundamentalsatzes ein; „heilige Einfalt" hat das Judenthum nie anerkannt oder gar gepriesen. Die Umkehrung jenes Satzes ist auch richtig: wer fromm sein will, darf kein Unwissender, Amhaarez sein. Ein solcher ist aber nicht nur derjenige, der gar nichts von jüdischen Dingen weiß, etwa unpunklirtes Hebräisch nicht lesen kann; es gibt auch Unwissende, die recht viel lesen und gelesen haben. Die Alten sprachen in solchem Falle mit einem nicht höflichen aber treffenden Ausdruck, von einem „Lastthier, welches Bücher trägt". Kommt aber noch hinzu, daß ein solcher „Frommer" nicht auf Gründe hören will, jeden Einwand gegen unbegründeten Brauch und Mißbrauch als „Refornl" (d. h. in seinem Sprachgebrauch als Ketzerei und Abtrünnigkeit) bezeichnet, dann nennen wir solches Gebühren „Trotzorthodoxie". Die Parole derselben lautet: „Nun gerade nicht, nun erst recht nicht!" Dieser Trotz und jene Unwissenheit sind in dem Artikel der Jüd. Pr. in höchst charakteristischer Weise ausgeprägt. Da schreibt Einer, weil wir den betreffenden Paragraphen des Schulchan Aruch für nicht verbind- ') Man beruft sich freilich auch auf einen verewigten „Großen in Israel"; inan wird es jedoch recht finden, daß wir ihn nicht in unfern Streit mit jenen Kleinen hineinziehen und „seine Ehre ruhen lassen." lich erklären, würden wir auch Moses und die Propheten wegdekretiren und mit der ganzen Thora tabula rasa machen. Der^ „richtige" Amhaarez! Wer vor TtPn Nüsse ißt^ der Ißt gleich dem, der am Jomkippur ißt; wer die Nägel nach der Reihe schneidet u. d. m., der leugnet Thora und Prophetie. Ein Anderer rühmt sich, daß er sich bei der Mezizah der Gefahr aus setze, — nun gerade so mag Einer sich rühmen, die an seinem Leibe oder an dem Leibe eines Andern brennenden Kleider am Sabbath nicht gelöscht und der Todesgefahr Trotz geboten zu haben; aber wer sich so rühmt^ der ist eben ein grober Amhaarez. und die Abbreviatur wäre in solchem Falle zu lesen und das Wort Schluß wäre im t a l m u d i s ch e n Sinne zu nehmen, nicht gleich „Thorheit", sondern gleich „Unsinn". Wir haben schon in der Einleitung gesagt, daß wir auf halachische Diskussion über Mezizah hier einzugehen, nicht für nöthlg halten, aber einige Andeutungen mögen am Platze sein. Man hat sich gewöhnt nSTÜCai njPIS n^a als drei coordinirte Theiie der Operation zu betrachten?) Aber abgesehen davon, daß, wie R. Mos. Sofer ausführt, das Dritte nicht zur Erfüllung der Mizwah an sich gehört, stehen diese drei auch sonst nicht in gleichem Range. DaS Erste ist auf das schriftliche, das Zweite auf das mündliche Gesetz basirt, für uns, als orthodoxe Juden, stehen aber diese beiden einander gleich, wer Periah unterläßt, hat das Gebot überhaupt unterlassen. Mezizah aber beruht auf den medizinischen Ansichten, die zur Zeit der Mischnah im Gange waren, auf weiter nichts! Es ist auch nicht einmal in der Mischnah vorgeschrieben, mit dem Munde auszusaugen; es ist da nur gesagt, daß man am Sabbath nach der Beschneidung alles thun dürfe, was zum Stillen deS Blutes und zu der sonstigen Nachbehandlung nothwendiK ist, und da wird aufgezählt: Mezizah, Auflegen von gestoßenem oder gekauetem Kümmel und Pflaster u. s. w. Zu sol- J) Wahrscheinlich ist dies durch die Pijutim im Tischgebet in den Sprachgebrauch des Volkes gekommen. — Das Wort „Operation" behagt auch der „Jüd. Pr.* nicht, „Operateur" würde ihr vollends ein Greuel sein. Der Talmud sagt freilich aber diese Leutchen sind auch viel frommer als der — Talmud!'