Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 12. (20.3.1878)
- Date
- 1878-03-20
- Page
- Seite 97 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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97 Mittlerweile war Herr Holdl,eim in das Arbeitszimmer des Generalgouverneurs von Polen getreten. Vor ihm stand im schlichten langen Soldaienrock die imposante Geaalt des alten Feldherrn, in dessen Hände der Czar die Geschicke des Landes und den Kern seiner Elitetruvpen gelegt. Unter dem prüfenden Blicke des gewaltigen Mannes zitterte, an ein solches tßte-a-tete wenig gewöhnt, die ganze Form des arinen Juden fast zusammen, der keine Ahnung hatte, was ihn aus seiner glücklichen Verborgenheit gerissen und ihn an diesen so unheimlichen Ort geführt. „Sie heißen Holdheim?" fragte Gortschakoff. Holdheim verbeugte sich tief. „Sie sind mir als ein ehrlicher Mann empfohlen worden, als ein Mensch von patriotischen Gesinnungen und Einfluß." Holdheim's halb entflohenes Leben kehrt wieder zurück; er beginnt wieder die Herrschaft über sich selbst zu gewinnen. Ter Statthalter fährt fort: „Es ist mir gesagt worden. Sie sollen Einfluß auf Ihre Glaubensgenossen haben, wie Keiner. — Können Sie sich desselben rühmen?" „Ich bin, Durchlaucht, nie in der Lage gewesen, mich desselben zu versichern." „Ich wünsche, daß Sie Ihre Macht dazu benützen, die Warschauer Judeuschaft von der schiefen Bahn zurück zu führen, auf die sie fremder Einfluß, irregeleitete Anschauungen, falsche Vorspiegelungen geführt haben. Es ist ein verdienstliches Werk, das ich Ihnen übertrage, indem Sie möglicher Weise Unglück verhüten würden." „Durchlaucht mögen die Ueberzeugung haben —" „Ich will keine Phrasen. Sie sind ein alter Mann und sollten den Muth heben, einfach zu bejahen oder zu verneinen. Ich liebe eher einen offenen Gegner als einen unzuverlässigen Freund. Antworten Sie mir offen, ob Sie Ihre Glaubensgenossen vermögen wollen, die Sache, der sie sich zu ihrem eigenen Rachtheile hingeben, zu verlassen und zu einer Regierung zu halten, von der allein sie Heil hoffen können. Daß Sie könne n, was Sie wollen, weiß ich ebenso bestimmt, als ich weiß, mit welchem unbesonnenen Eifer und welchem leichtsinnigen Undank die Warschauer Juden der russischen Negierung, die sie mit Wohlthaten überhäufte, den Rücken wenden, um in das feindliche Lager, wo sie nur Haß und Verachtung finden, zu eilen!" „Eure Turchlaucht geruhten mich zur ungeschmückten Wahrheit auszufordern, gestatten Sie denn, fürstliche Durchlaucht, die Sympathie der Juden für die Sache der Polen, somit für eine Wendung des alten Zustandes der Dinge zu entschuldigen, ohne sie zu theilen. Die Juden sind in Rußland die Parias der Gesellschaft; sie sind nicht allein aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen, sondern aus bem größten Theile des Reiches verbannt und —" „Und hier in Polen sind sie es sogar aus dem größten Theile der Städte — blicken Sie in die nächsten Gassen, dürfen Sie l/rin wohnen? gäbe die Gemeinde zu. daß Sie da eine Handlung etabliren oder ein Haus kaufen?" „Eure Durchlaucht haben gewiß Recht, doch — und dies ist meine Ansicht nicht, Durchlaucht — doch glaubt man, daß bei einer eintretenden Aenderung der Verhältnisse die Lage der Juden günstiger würde, und die Polen, edel und hochherzig, und diese Tugenden eifersüchtig hütend, uns die für sie in Zeiten der Roth an den Tag gelegte Theilnahme durch eine Verbesserung unserer socialen Stellung in den ehemals polnischen Provinzen lohnen werden." „Ihr seid schlechtere Rechner als ich vermuthete," — sagte der Fürst mit einem halben Lachen, indem er sich auf ein Sopha niederließ und sich in eine bequeme Pos-itur brachte, wie Jemend, der Zeit und Lust zu einer längeren Unterredung hat, — „oder hat Euch Gott mit Blindheit geschlagen, um Euch in's Verderben zu führen. Sie sind ein alter Mann und haben gewiß noch die Vorgänge aus dem Reoolutionsjahre 1831 vor Augen. Sie können nicht die Weise vergessen haben, in der Euch jene Männer begegneten, für die Ihr nun Eure Zukunft 'einsetzt, die Mißhandlungen, denen Ihr auf dem flachen Lande, wo die russische Herrschaft auf kurze Zeit abgeschüttelt war, ausgesetzt wäret und die Eile, mit denen man Euch hier in dieser Stadt auf einen bloßen Verdacht hin, auf die Anschwärzungen eines judenfeindlichen Pöbels an die Laternen hing, bis man Euch endlich mit dem Versprechen Ruhe gab, nach Consolidirung der polnischen Macht Euch aus dem Lande zu jagen!" „Durchlaucht, weit entfernt die Ansichten der Mehrheit meiner Glaubensbrüder zu theilen, wage ich nur dem Befehle Eurer Durchlaucht, offen zu sprechen, gehorchend, die Bemerkung zu machen, daß jene Juden, die sich den Reformbestrebungen der Polen anschließen, es in der Ueberzeugung thun, daß sie nicht wie bloße Kärrner Steine zu einem Baue tragen, den sie nicht werden bewohnen dürfen. Wenn sie Gut und Blut, wenn sie Alles daran setzen, was dem Menschen heilig ist und theuer, so thun sie es auf Grund des von einem polnischen Fürsten erhaltenen Versprechens: que ceux qui perissent de la meme mort doivent vivre de la meme vie.“ (Fortsetzung folgt.) Beacdtenswerthe Notiz für Zeilungsleser. Einen treffenden Beweis dafür, wie sehr Gediegenheit, Reichhaltigkeit und unparteiische Behandlung all er Zeitfragen geeignet sind, einem journalistischen Unternehmen allgemeine Anerkennung zu erwerben und zu sich.rn, liefern die außergewöhnlichen Erfolge der in Berlin seit 7 Jahren bestehenden Zeitung: »Berliner Tageblatt". T ie gegemvärtiqe Abonnentenzahl dieses Blattes beträgt 67,000, eine Ziffer, welche bisher inDeutschlanv von keinerZeitung auch nur annähernd erreicht wurde. Rur in England und Amerika bestehen einige Zeitungen, welche eine ähnliche Verbreitung besitzen. 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