Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 11. (13.3.1878)
- Date
- 1878-03-13
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 87 — Unterstützungen 7200 fl,, Bildungs- und Humanitäts-Anstalten 2405 fl., Personal-Unterstützungen und Stipendien 11,335 fl. Die vorstehenden Ziffern sind der sprechendste Beweis von der Prosperität, wie von der gedeihlichen Wirksamkeit des Fonds. Triest. Ein christlicher Kaufmann Hierselbst, der soeben verstorbene, sehr geehrte Ritter Michel Diana, geboren zu Bari in Neapel und seit seiner Jugend hier ansässig, hat in seinem Testamente ein Legat zu Gunsten der Israeliten vermacht und zwar mit folgenden schönen Worten: „Als Zeugniß für die Liebe und aufrichtige Anhänglichkeit, welche mir meine zahlreichen israelitischen Freunde stets bewiesen haben, nehme ich mir die Freiheit, ihnen ein kleines Andenken für ihre Gemeinde zu hinterlassen." (Arch. Jsr.) Rom. Von Anekdoten über Pius IX., die sich auf Juden beziehen, berichtet die „Perseveranza" noch folgende, die wir schon früher gelesen zu haben uns erinnern. Das genannte Blatt verbürgt die Wahrheit derselben. Vor einigen Jahren mar in Rom eine Wahlliste für die Municipalität aufgestellt, auf der sich auch der Name des bekannten und in der Thal gewählten Samuele Alatri befand. Eines Tages, nach beendigter Audienz, zeigte der Cardinal-Staatssecretär dein Papste diese Liste, der sie aufmerksam las, den Cardinal fixirte und dann befragte: „Nun, was halten Sie davon?" Der Cardinal erwiderte bloß schlauer Weise: „Ich hatte in der Thal gehofft, daß mir Euere Heiligkeit Ihre Meinung darüber sagen würden." Der Papst schwieg während einiger Secunden, verlor etwas von seiner Heiterkeit und sagte endlich: „Wollen Sie wirklich, daß ich Ihnen meine Meinung sagen soll? Nun gut, Gott verzeihe es mir, aber ich finde auf dieser Liste nur einen einzigen Christen, und das ist — der Jude." Paris. Am Nasch Chodesch, Adar I, feierte die Gesellschaft „des dtndss tnlinadi^uss" einen XDDDD DVD mit einem Festessen, an dem 35 Personen theilnahmen. Lehrer des Vereins ist Rabbi Weißkopf, Vorsitzender vr. Klein (wohl ein Sohu des Rabbiners zu Colmar s. A.) Es giebt also auch in Paris noch einen kleinen Kreis, der sich mit solchem Studium beschädigt (Univ. Jsr) London. Im Leitartikel der Nr. 9 haben wir im Vorbeigehen eine Aeußerung des Professors Goldwin Smith erwähnt, welche auf die Juden gemünzt, ihre Spitze lediglich gegen Disraeli zu richten schien. Wir hatten da nur den einen Satz im Auge, den „Jew. Chr." vorläufig cittrt hat. Seitdem haben wir den Passus aus der „Oontsm^orar^ Review“ vollständig gelesen. Derselbe enthält in derbster Fassung viele grobe landläufige Schmähungen und Verdächtigungen gegen Juden und Judenlhuin. Von ersteren wird gesagt, daß sie keines wahren Palriolisinus fähig seien, sich stets als eine Besonderheit betrachten und nie mit der englischen Nation eins fühlen würden. Das Judenlhum kenne nur einen National-Golt und seine Moralvorschriften, wenn auch besser, als die der Heiden, beschränkten sich immer nur aus Glaubensgenossen. — vr. Herrmann A d l e r, alle Zeit zur prompten Abwehr feindseliger Angriffe bereit, wies in einer am 16 v. M. in leinet Synagoge gehaltenen Predigt diese Ausfälle zurück, und zwar sowohl mit biblischen wie mit historischen Argumenten, indem er aus der Geschichte der Juden von den Zeiten Jeiemias (29,7.) an, durch das Alterthum, das Mittelaller und die Neuzeit Belege dafür beibrachte, daß sie, wo ihnen nur Gelegenheit geboten war, in Krieg und Frieden, thäligen Patriotismus gezeigt haben. «u r 22. Febr. Heute feuerte ein halb wahnsinniger Geistlicher auf den üllaster of the Rolls (Oder-Slaatsarchiyit, oberster Jastizbeamle Englands nich oe \ Lord-Kanzler) ein Pistol ab. Sir George Jeffel (Israelit) wurde nicht ve> letzt, die Kugel streifte nur sein Ohr. Der Attentäter wurde auf der Stelle festgenommen und der Po ize» überlie- /v. Henry John Dodwell und ist geständig, daß «r deabstchtigte, den Oberftaatsarchioar zu tödten, weil er angeblich in Folge einer richterlichen Entscheidung desselben seine Stellung als Kaplan eines Armenhauses in Brighton verloren habe. Sir Georg Jessel wurde, als er nach dem Vorfall seinen Sitz auf der Richlerbank einnahm, von seinen Collegen und dem anwesenden Führer des englichen Barreau's, Mr. Roxburgh, anläßlich seines glücklichen Entrinnens aus Lebensgefahr warm beglückwünscht. Feuillerou. Täusch un gen. Eine Erzählung aus der letzten polnischen Revolutionszeit. Von Leo Herzberg-Frankel. (Fortsetzung.) „Rausch, mein Kind, Rausch. Schon vor 30 Jahren moussirte der Geist der Freiheit int Lande, das seine Fesseln sprengte und mit stolzem Sinne die fremde Herrschaft zertrümmerte. Ich stand, ein unbetheiligter ruhiger Beobachter, an der Wiege und an e-em Grabe der Revolution. Ich sah die Fackel, die Fahne, das Schwert und das Kreuz schwingen; ich hörte Hymnen singen und frohes Glockengetön, später sah ich ben kühnen Bau Zusammenstürzen, uuter seine Trümmer seine Erbauer begrabend; ich hörte Jammertöne, Kettengerassel, Wuth-und Schmerzgestöhne. Mir und meinen Brüdern, die ebenfalls Fesseln trugen und Schmerzen litten, versagte man jede Betheiligung, auf daß wir nicht mit den Siegern den Sieg theilen und nicht das Grab mit den Besiegten. Wir haben unser Blut angeboteu und man nahm blos unser Geld!" „Seitdem sind aber eben dreißig Jahre vergangen!" „Das ist allerdings viel im Leben eines Menschen, aber wenig in dem eines Volkes. Menschen können sich schnell ändern. — Völker aber brauchen viel Zeit. Das Vorurtheil, welches 1830 gegen uns bestand, lebt auch noch 1861 im Geiste des Volkes und seiner Führer und der Patriotismus beginnt bei dem Katholizismus."*) „Und doch sind Sie einer von sehr Wenigen, vielleicht der Einzige in Warschau, der so denkt und einer Bewegung ferne bleibt, die wie ein Erdbeben durch Polen geht; und doch schließt sich die ganze Judenheit unserer Hauptstadt freudig den Sturmkolonnen an, die den Despotismus niederwerfen sollen. Ist der Herrschaft der Knute ein Ende gemacht, hat sich Polen aus seinen Trümmern erhoben, so werden auch wir unfern Platz an der großen Tafel haben und nicht länger, wie die Bettler, die auf die kargen Abfälle warten müssen. Vor 30 Jahren mag es noch finster gewesen min, und so wie die Sonne zuerst die Höhe erhellt, bevor sie in das Thal niedersteigt, so hat die Aufklärung zuerst die Spitzen des polnischen Volkes erleuchtet, zu denen die Massen aufblicken und ihnen, als ihren Führern Nachfolgen. Für diese stehe ich, sie sind hochherzig und edel." Abermals glitt ein bitteres Lächeln über die Lippen des alten Mannes. „Das Ei will klüger sein als die Henne," sagte er, „Du bist ein junger Mann, dessen Blut zweimal schneller durch seine Röhren rollt, als das meine, und dessen Verstand das Gefühl ist. Auf meinem Haupte lagert der Schnee von fast siebzig Wintern und mein Gehirn enthält eine reiche Sammlung von Erfahrungen. Höre. Karl: Sanguiniker, wie Du, hoffen von der Revolution Alles; ich sage Dir mit Mirabeau: die Revolution ist wie Saturn, ue verzehrt ihre eigenen Kinder. Die Bewegung, deren Zeuge ich vor drei Decennien gewewn, war mächtiger als jene, die eben durch's Land zittert Polen stellte damals seine besten Söhne, der ganze Adel weihte sich damals dem Opfertode. — Der Zwinger fiel, doch bald darauf sielen auch die Helden, die ihn stürmten, und was dem Tode entrann, mußte in jene Zone wandern, wo das Leben *) „li'eat pas Polonnais, qui n’est pas catholique.“ Lettres sur les Israelites de Pologne par Jean Czynski. (Fortsetzung in der Beilage.)