Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 7. (13.2.1878)
- Date
- 1878-02-13
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
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— 55 — viele reiche und angesehene Juden beherbergt, hat noch keine eigene Synagoge aufzuweisen, deren Bau die Regierung schon an zwanzig Jahren ohne triftige Gründe hinzieht. Noch immer lasten auf ihnen unmotivirte und erdrückende Steuern, wie die Schlachtsteuer und die Lichtsteuer, die Unsummen einbringen und zwecklose Verwendung finden. Man will den Juden nicht wohl und wirft ihnen Wucher vor, obwohl es bekannt ist, daß die von den Juden entblößten Gouvernements eine Sorte von Blutsaugern und Wuchern s g. Kulaki bergen, die ihr Handwerk weit schamloser treiben und faktisch das Elend unter der dortigen Landbevölkerung verschulden. Petersburg. Ein Circular des Ministers des Innern verbietet es den Provinzialbehörden in den westlichen Gouvernements aufs Strengste, den zur Kategorie der „Opoltscheni" (Landsturm) gehörigen Israeliten Soldatenpäfse zu ertheilen, da es ihm zu Ohren gekommen ist. daß auf diese Weise viele Israeliten nach den ihnen verbotenen Gegenden reisen, deren Besuch doch nur denjenigen Israeliten gestattet ist, die wirkliche Militärs sind. (Ebenfalls ein schöner Beleg für die erhoffte Emancipation.) Feuilleton. Dr. M. Rappaport. Dr. Moritz Rappaport, dessen 70. Geburtstag am 19. Januar so festlich in seiner Vaterstadt Lemberg gefeiert wurde, entstammt einer hochberühmten, sehr alten jüdischen Familie, die seit Jahrhunderten große Männer geboren, welche sich in der Mitte Israels durch unsterbliche Werke auf dem Gebiete der jüdischen Literatur hervorthaten. Sein Vater, Herr Simche Rappaport, durch Geistesbildung und sociale Stellung in der Gemeinde hervorragend, erkannte schon früh mit feinem Instinkte tue Geistesgaben, besonders die ausgesprochene poetische Anlage seines einzigen Sohnes und gab ihm nach dem bis zum zehnten Jahre ertheilten Bibel- und Talmundunterrichte eine moderne wiffenschaftliche Erziehung, wie sie damals nur sehr selten war. Als Berufsstudium wurde die Medizin gewählt, und der kleine Knabe Rappaport wurde von seinem zärtlichen Vater nach Wien geführt, um dort die Gymnasial- und Universi'ätsstudien zu ablolviren, was auch mit dem besten Erfolge geschah Viel hatte der arme Knabe von seinen Gymnasialmitschülern wegen des Namens „Rappaport" zu leiden, der jtdes Mat. wenn er aufgeruien wurde, zu Neckereien Veranlassung qab. Er klang der Wiener Jugend ganz fremdländisch und komisch, und der Dichter pflegt jetzt noch herzlich zu lachen, wenn er sich an fine Scenen erinnert. Diese Neckereien aber waren ein Stachel für leinen Ehrgeiz, sich gerade als „Rappaport" auszuzeichmn. In Wien machte er als Student die Bekanntschaft mit Ludwig August Frankl. Beide Jünglinge fühlten sich verwandt durch gleichen dichterischen Beruf, durch dasselbe Fachstudium und durch gleiche Lebensanschauung. Das in den Jünglingsjahren geschloffene Freundschaflsbündniß dauerte durch das ganze Leben und vereinigt ihre Herzen noch heutigen Tages. Die erste bedeutendere poetische Arbeit R.'S war sein Gölhegedicht, das er gleich nach dem Tode des großen Dichterberos als unberivtlklichen Kranz echter poetischer Blüthen aus sein fri'ches Grab legte Es führte den jungen Dichter aus eine ehrenvolle Wette in die poetische Well ein. Im Jahre 1842 erschien das epische Gedicht „Moses". Jede Zeile dunes Weites ,st ein frischer, kräftiger Pulsschlag, der uns die giuh.nde Begeisterung des Dichters für seinen erhabenen Gegenstand niltiuhlen läßt. Dieses EpoS verdiente allgemeiner gekannt und gewürdigt zu werdn Die hebräischen Gesänge, metrische Nachbildungen biblischer Poesien und niittelauerlicher Elegien über die Zerstörung Jerusalems und die Leiden Israels, folgten im Jahre 1860. Durch dieselben lieferte Rappaport den Beweis, daß er als echter national jüdischer Dichter die Herzen seiner Stammesgenossen elektrisch zu treffen und den großen Meistern der jüdisch-spanischen Blüthezeit nachzuempfinden versteht Wir zählen die „hebräischen Gesänge" zu dem Besten, was Nappaport geschaffen, und hätten nur gewünscht, daß er auf diesem Gebiete, welches sein ureigenstes ist, mehr geleistet hätte. Drei Jahre nach der Veröffentlichung der „hebr. Ges." wurde sein „Bajazzo", ein philosophisch episches Gedicht in zwei Theilen dem Drucke übergeben. Wir wiffen nicht, ob es ein Phantasiegebilbe ist, oder Fleisch und Blut hat. genug er existirt und wir laffen uns gerne von ihm durch das bunte Leben führen und belehren. Der Dichter hat im Manuscripte eine gelungene poetische Bearbeitung der Psalmen, der Sprüche Salomo's und des Buches Koheleth vorräthig und legt an diese Arbeiten die letzte, vollendende Feile an. Wir erwähnen nur noch der Vollständigkeit halber, daß R. sich auch als dramatischer Schriftsteller versucht hat. „Esterka", ein Trauerspiel, die Liebe des großen Polenkönigs Kasimir zu einer Jüdin behandelnd, entstand während seines einjährigen Aufenthaltes in Wien vor vier Jahren und ist als Manuscript für seine Freunde gedruckt worden. Noch zwei andere historische Dramen liegen als Manuscripte im Pulte und harren der Veröffentlichung. Ter Dichter ist einer der beschästigsten und beliebtesten Aerzte Lembergs, war durch 40 Jahre am hiesigen israelit. Hospitale als Honorarprimararzt und Direclor thälig und wirkte bei der Stadt- und Cultus Gemeinde als Gemeinderath und Vorsteher stets in freiheitlichem und fortschrittlichem Sinne. (Lemb. Jsr.) Freimaurerisches. Aus den Kreisen der Freimaurer sind kürzlich einige Nachrichten an die Oeffemlichkeit gelangt, welche deutliches Zeugniß für die große Verschiedenheit der religiösen Richtungen ablegen, die innerhalb dieses Ordens vertreten sind. Französische Logen haben aus dem alten Bekenntnisse oder Grundstatut der Maurer, den Glauben an Gott — „den großen Baumeister der Welt" — und an die Unsterblichkeit gestrichen. Vor 3—4 Jahren hat Cremieux in einer glänzenden Rede das Bekenntniß vertheidigt und gerettet. (Die Rede ist s. Z in dies. Bl. milgetheilt worden.) Er ist bekanntlich Großmeister gewisser Logen. Ob es die seinigen silid, welche nunmehr einen anderen Beschluß gefaßt haben, wiffen wir nicht. Englische Logen haben gegen den Beschluß der französischen protestirt; man wird höchst wahrscheinlich über diese tiefgehende Spaltung noch mehr hören. Bei derselben Gelegenheit kam dann wieder in den englischen Logen der Umstand zur Sprache, daß die preußischen Landeslogen keine Juden auf nehmen. Wie es icheint, wurde dies allgemein gewiß - billigt, auch von Maurern geistlichen Standes. Es wurde jedoch constaiirt, daß Juden, welche in englischen Logen Aufnahme gefunden haben, in preußischen zugelassen werden; man könne sich daher nicht weiter in die Sache mischen. DaS sind also atheistische, gottgläubige und specifischchristliche Logen, und damit vergleiche man nachsotgende 'Notiz, welche von ganz besonderer Gläubigkeit zeugt. In der Fretmaurerhalle in Queen Street, wo die Zusammenkünfte und Feste der Landes-Großloge stattftnden, ist in den letzten Tagen ein Stück Mosaik in den Fußboden eingelassen worden, welches aus Jerusalem hierhergebracht worden ist, und „niöglicherweise" ein Stück des ursprünglichen salomonischen Tempels gewesen sein kann. Eifrige Ma>rer schmeicheln sich unter diesen Umständen, daß wiederum „möglicherweise" der weiie König selber dieses Stück Mosaik mit höchsteigenen Sohlen betreten haben könnte. Die gläubige Annahme dieser Vermuthung entspricht im vorliegenden Falle wohl nicht minder dem gewünschten Zwecke als die festgestellte Thatsache.